Papst Franziskus bei einem Treffen der Kurie | Bildquelle: AP

Das Jahr des Papstes Reformen? Fehlanzeige

Stand: 22.12.2018 13:19 Uhr

In Chile und Irland war Papst Franziskus 2018 mit dem Thema Missbrauch konfrontiert, aus Washington kam eine Rücktrittsforderung. Reformen blieben auf der Strecke.

Von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom

Schon ziemlich genau vor einem Jahr hat Papst Franziskus einen Satz gesagt, der wohl seinen Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen sollte. Allen, die sich von ihm mehr erwarten, denen es zu langsam geht mit der Reform der katholischen Kirche, entgegnete er:

"In Rom Reformen zu machen, ist wie wenn man die Sphinx in Ägypten mit einer Zahnbürste reinigt."

Es war ein Jahr, in dem wieder recht wenig voranging, in der Zentrale der katholischen Kirche. Die neue Kurienverfassung? Wird immer noch erwartet. Das engste Beratergremium des Papstes, der neunköpfige Kardinalsrat, zu dem auch der Vorsitzende der Deutschen Bischöfe, Kardinal Reinhard Marx, gehört, ist deutlich geschwächt. Zwei Mitglieder hat Franziskus gerade abberufen, weil gegen sie im Zusammenhang mit Missbrauchsfällen ermittelt wird.

Dauerthema Missbrauch

Nein, man kann nicht behaupten, dass das ein gutes Jahr war für Papst Franziskus. Das lag vor allem am Thema Missbrauch. Die Katastrophenmeldungen kamen aus den USA und Australien, sie verfolgten den Papst auf seinen Reisen - und nicht immer ging er geschickt damit um.

Im Januar reagierte er in Chile recht patzig auf die Frage nach Juan Barros Madrid, einem dortigen Bischof, der einen Täter gedeckt haben soll: "Wenn Du einen Beweis gegen Bischof Barros hast, werde ich dazu etwas sagen. Es gibt keinen einzigen Beweis, das ist alles Verleumdung - ist das klar?"

Entschuldigung und Rücktritte

Stunden später auf dem Rückflug und nach heftigen Protesten von Missbrauchsüberlebenden zeigte sich Franziskus dann reumütig: "Da muss ich um Entschuldigung bitten, denn das Wort 'Beweis' hat vielen Missbrauchsopfern weh getan. Ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich Sie verletzt habe, ohne mir dessen bewusst zu sein. Das habe ich nicht gewollt."

Zum Abschluss seiner Lateinamerika-Reise spricht Papst Franziskus während seines Fluges nach Rom zu Journalisten. | Bildquelle: dpa
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Schließlich bittet der Papst um Verzeihung.

Und dann, nachdem der Skandal vollends war, begannen die Aufräumarbeiten. Die chilenischen Bischöfe wurden nach Rom bestellt, boten fast geschlossen ihren Rücktritt an. Inzwischen hat ihn der Papst in sieben Fällen angenommen - auch den von Bischof Barros.

Dass Franziskus bei seiner Reise nach Irland nicht an dem Thema vorbeikommen würde, war klar - zu viele Fälle hatte es dort gegeben, zu lange hatte die Kirche dort den vom Staat eingesetzten Ermittlern Steine in den Weg gelegt. Das Ausmaß der Proteste und die zum Teil nur geringe Begeisterung für den Papst im einst so katholischen Irland waren dann doch überraschend.

Bitte um Vergebung - auch in Irland

Franziskus reagierte, fand deutliche Worte: "Wir bitten um Vergebung für Missbrauch in Irland, Missbrauch von Macht und Gewissen, sexuellen Missbrauch durch Mitglieder, die verantwortungsvolle Positionen in der Kirche innehatten, und insbesondere um Vergebung für jeden Missbrauch, der in verschiedenen Arten von Institutionen unter der Leitung von Ordensleuten und anderen Kirchenangehörigen begangen wurden. Wir bitten um Vergebung für jene Mitglieder der Hierarchie, die diese schmerzhafte Situation nicht angegangen sind, sondern geschwiegen haben: Wir bitten um Vergebung."

Ein Windstoß fährt während eines Gebets durch den Umhang von Papst Franziskus. | Bildquelle: dpa
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Papst Franziskus verurteilte während seiner Irlandreise die tausendfachen sexuellen und anderweitigen Misshandlungen von Kindern und Frauen durch katholische Geistliche. Am letzten Tag ereilten ihn selbst Vorwürfe, wonach er Missbrauch vertuscht haben soll.

Es gab in diesem Jahr auch Querschläger aus den eigenen Reihen, die die Missbrauchsfälle nutzten, um den Papst zu schwächen. Carlo Maria Viganò, immerhin Erzbischof und einst Nuntius in Washington, forderte gar den Rücktritt des Papstes. Doch auch immer mehr ihm Wohlgesonnene haben inzwischen Zweifel, ob er der Richtige für das Thema ist. Sie hoffen auf den Beginn des neuen Jahres, da treffen sich die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen weltweit in Rom, um über das Thema Missbrauch zu beraten. Ergebnis offen.

Kirche muss zuhören

Unklar ist bisher auch, was aus der Jugendsynode wird, die der Papst im Herbst einberufen hatte. Zwar hatten die Jugendlichen selbst kein Stimmrecht - aber sie wurden gehört. Auch zu den schwierigen Themen: Frauen in der katholischen Kirche, Mitsprache von Laien, Sexualität: "Eine Kirche, die nicht zuhört, ist verschlossen gegenüber der Neuigkeit, gegenüber den Überraschungen Gottes. Sie kann sonst vor allem für die jungen Leute nicht glaubwürdig sein, die sich sonst von ihr entfernen."

Ob der Papst zugehört hat, was seine Schlussfolgerungen sind, ist noch unklar. In den kommenden Monaten wird ein päpstliches Schreiben von ihm erwartet.

Papst Franziskus und sein Vorgänger Papst Benedikt. | Bildquelle: REUTERS
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Zwei Tage vor Weihnachten besucht Papst Franziskus seinen Vorgänger, Benedikt.

Bei Thema Abtreibung massiv in der Kritik

In seinem engeren Umfeld ist man weiterhin stets dann beunruhigt, wenn der Papst improvisiert. Dann kann es passieren, dass er Menschen vor den Kopf stößt. Wie, als er Frauen, die abtreiben mit Menschen verglich, die kaltblütig einen Mord beauftragen:  "Ist es richtig einen Auftragskiller anzuheuern, um ein Problem zu lösen? Das geht nicht, es ist nicht in Ordnung ein menschliches Wesen kalt zu machen, um ein Problem zu lösen. Und sei es noch so klein. Das ist wie, wenn man einen Auftragskiller engagiert."

 Klar ist aber auch: Franziskus will seinen Reformkurs fortsetzen. Die Frage ist nur, ob er dafür mehr Instrumente in der Hand hat als eine Zahnbürste.

Rückblick Vatikan - Das Jahr des Papstes
Jan-Christoph Kitzler, ARD Rom
22.12.2018 15:31 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 22. Dezember 2018 um 06:20 Uhr.

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