Felsendom-Schrein in Jerusalem | AP

Lage in Nahost fragil Zusammenstöße während der Waffenruhe

Stand: 21.05.2021 19:05 Uhr

Die Waffenruhe hält: Sowohl Israel als auch die Hamas reklamieren den Sieg für sich. Israels Ministerpräsident Netanyahu warnte die Hamas vor weiteren Angriffen. Auf dem Tempelberg gab es Zusammenstöße.

Von Kilian Neuwerth, ARD-Studio Tel Aviv

Die Geschäfte sind geöffnet in der israelischen Stadt Aschdod. Menschen sitzen in Cafés. Bilder aus der Stadt zeigen, wie das normale Leben zurückkehrt. Zum ersten Mal seit Anfang vergangener Woche müssen die Menschen hier keinen Raketenalarm fürchten, nicht in Schutzräume rennen, weil militante Palästinenser Raketen auf Israel feuern.

Die Waffenruhe ist das Gesprächsthema. Ein Israeli sagt: "Ich bin gegen die Waffenruhe. Wir sollten weiterkämpfen. Solange bis wir die Hamas völlig besiegen. Wir sitzen jetzt hier, trinken friedlich unseren Kaffee, essen ein Croissant, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis die nächste Operation in Gaza ansteht. Jetzt hätten wir die perfekte Gelegenheit, auch zu gewinnen."

Ein zweiter sieht es anders: "Ich stehe hinter der Waffenruhe. Nach tagelangen Kämpfen haben wir das meiste im Gazastreifen erreicht, was ging. Weiterkämpfen bringt jetzt weder die Hamas endgültig zu Fall, noch tun wir noch mehr, um sie abzuschrecken. Und noch etwas: Heute ist mein Geburtstag. Also hoffe ich mal, dass sich alle an die Waffenruhe halten und ich feiern kann."

Diese zwei Israelis - Mitte und Ende Zwanzig - können stellvertretend stehen für eine gespaltene israelische Bevölkerung. Die einen sehnen sich nach Frieden, den anderen gehen die Angriffe noch nicht weit genug.

Palästinenser feiern Waffenruhe als Hamas-Sieg

Ein Blick auf die sprichwörtliche andere Seite: Aufnahmen aus dem israelisch besetzten Westjordanland und aus dem Gazastreifen zeigen feiernde Palästinenser. Viele - aber längst nicht alle - wünschen sich Frieden. Manche feiern die Waffenruhe als einen Sieg der Hamas, schwenken ihre grüne Fahne.

Ein Mann sagte der Nachrichtenagentur Reuters: "Es ist die Befreiung. Wir haben gewonnen gegen die Juden, ihren Stolz haben wir gebrochen. Ich hoffe, Gott beschützt den Aufstand auch weiterhin." Offiziell reklamieren sowohl die Hamas als auch Israel den Sieg für sich.

Die Waffenruhe hält nun seit zwei Uhr Freitagnacht, Ortszeit. Und das nach elf Tagen Krieg. Doch wie lange, das ist offen - und wird wohl auch davon abhängen, was weiter in Jerusalem passiert. Noch gestern Nachmittag gab es auf dem Tempelberg Zusammenstöße. Aufnahmen zeigen, wie Palästinenser Steine werfen und israelische Sicherheitskräfte Tränengasgranaten verschießen. Ähnliche Vorfälle zählen zu den Auslösern der jüngsten Eskalation.

Zusammenstöße auf dem Gelände der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem | AFP

Wieder Zusammenstöße auf dem Gelände der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem Bild: AFP

Israel: Bodenoffensive wäre Option gewesen

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu warnte unterdessen die Hamas vor weiteren Angriffen auf Israel: "Wenn die Hamas denkt, wir würden hier und da eine Rakete hinnehmen, irrt sie sich." Ausdrücklich betonte Netanyahu auch, dass er zu einer Bodenoffensive im Gazastreifen bereit gewesen wäre - hätte die Notwendigkeit dazu bestanden.

Es sind deutliche Worte. Sie scheinen der Logik der Abschreckung zu folgen. Die Botschaft an die Führung der militanten Palästinenser: Legt euch nicht wieder mit Israel an: "Wer nicht eliminiert wurde, weiß heute, dass unser langer Arm ihn überall erreichen kann. Über der Erde und auch unterhalb der Erde."

Während israelische Militärs in diesem Zusammenhang bekräftigten, alles für den Schutz der Zivilbevölkerung in Gaza getan zu haben, hob Verteidigungsminister Benny Gantz den für ihn zentralen Erfolg der Armee hervor: "Wir haben von der Hamas einen sehr hohen Preis gefordert. Wir haben ihre Fähigkeiten um Jahre zurückversetzt."

Warnung vor übertriebenen Hoffnungen

International stieß die Waffenruhe auf viel positives Echo. Der EU-Außenbeauftragte Borell hob den Einsatz der Staaten hervor, die als Vermittler agiert haben: Ägypten, Katar, die USA. Auch die Vereinten Nationen nannte Borell.  

Das UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge warnte - genau wie andere Akteure - vor übertriebenen Hoffnungen. Die eigentlichen Probleme löse auch die Waffenruhe nicht. Der Direktor des Hilfswerks sagte: "Es wird wieder ein Krieg ausbrechen, solange die fundamentalen Ursachen nicht angegangen werden."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 21. Mai 2021 um 18:00 Uhr.