Passanten vor einer Wechselstube in Teheran | Bildquelle: AP

Iran-Geschäfte deutscher Firmen Rückzug statt Goldgräberstimmung

Stand: 14.08.2018 09:48 Uhr

Nach dem Iran-Atomdeal hatten auch deutsche Firmen gute Geschäfte gewittert. Die neuen US-Sanktionen vertreiben nun die meisten Unternehmen wieder. Wer bleibt, muss kreativ werden.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Bei den großen Unternehmen heißt es fast überall: Der Verlust des Iran-Geschäfts sei zu verschmerzen. Sie ziehen ab. So wie das baden-württembergische Traditionsunternehmen Würth. Damit verliert auch Farhad seinen Job.

Der 36-jährige Teheraner hatte sich über seine Anstellung bei der deutschen Firma gefreut. "Ich habe dort angefangen zu arbeiten, weil das Unternehmen bekannt war. Würth hatte sogar vor zu expandieren und Filialen in Täbris und Maschhad sowie anderen Städten zu eröffnen."

Ein Mitarbeiter des Schraubenhändlers Würth schiebt einen Kommissionierungswagen durch einen Gang in der Logistik. | Bildquelle: dpa
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Der Schraubenhersteller Würth beugte sich dem Druck der US-Sanktionen und beendete sein Iran-Geschäft.

"Alle mussten die Arbeit niederlegen"

Vor allem ab 2016 kamen viele deutsche Unternehmen in den Iran. Bei einigen herrschte Goldgräberstimmung. "Viele Firmen haben begonnen, sich hier wieder zu engagieren", sagt Dagmar von Bohnstein von der deutsch-iranischen Handelskammer in Teheran. "Jetzt nach drei Jahren wäre genau der Zeitpunkt gekommen, wo die Firmen Gewinne einfahren hätten können, wo das Geschäft wirklich floriert hätte. Genau zu dem Zeitpunkt sind die Sanktionen wieder in Kraft getreten."

Bei Farhad, dem jungen Würth-Mitarbeiter, ging der Rauswurf ganz schnell: "In der Mittagspause hat man uns gesagt, alle müssen ihre Arbeit niederlegen. Wir mussten die Bestellungen im Mutterhaus stornieren und die Kunden informieren, dass die Ware bis auf weiteres nicht geliefert werden kann", berichtet er. Jetzt ist Farhad arbeitslos.

Menschen gehen durch den Grroßen Basar in Teheran | Bildquelle: AFP
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Menschen im Großen Basar in Teheran. Die Sanktionen schaden der ohnehin schwachen iranischen Wirtschaft. So wächst auch die Unzufriedenheit mit der eigenen politischen Führung.

Rückzug aus dem Iran nicht leicht

Aber so ganz einfach ist der Rückzug aus dem Iran nicht, schildert Peter Heidinger, Geschäftsführer von FMC Consulting. Er berät Firmen im Iran: "Für viele ist es natürlich nicht möglich, sich von einem Tag auf den anderen zurückzuziehen. Ich berate einen Lebensmittelkonzern mit Tausenden Mitarbeitern und mehreren Fabriken im Iran", sagt er. Man müsse abwarten, wie stark die Europäische Union ein Kontra gegenüber den Sanktionen der USA formulierte.

Die EU-Kommission hat zwar vor einer Woche gleich zu Beginn der Sanktionen das Blockade-Statut wieder eingesetzt. Es verbietet Firmen aus der EU, sich an extraterritoriale Sanktionen von Drittstaaten zu halten. Aber das reiche nicht, sagt von Bohnstein. Der Zahlungsverkehr ist das Problem: "Es muss grundsätzlich ein Weg gefunden werden, wie dieser Zahlungsverkehr aufrechterhalten werden kann. Das heißt, es braucht eine europäische Geschäftsbank, die sich bereit erklärt, diesen Zahlungsverkehr durchzuführen."

Das Blockade-Statut

Das Blockade-Statut (Blocking Statute) verbietet europäischen Firmen, US-Sanktionen einzuhalten. Gerichtsurteile, die zur Durchsetzung von US-Strafen verhängt werden, werden danach nicht anerkannt.

Das Abwehrgesetz wurde in der Vergangenheit bisher allerdings nie angewandt. Die meisten europäischen Regierungen betrachten es eher als eine politische Waffe denn als Vorschrift, da die Regelung als sehr vage und schwierig durchzusetzen gilt.

Die EU hatte das Gesetz 1996 geschaffen, als die USA versuchten, ausländische Firmen für den Handel mit Kuba zu bestrafen. Der damalige US-Präsident Bill Clinton verzichtete daraufhin auf das Vorhaben. Seither haben sich die Zeiten allerdings geändert: Die US-Sanktionen auf Finanztransaktionen sind deutlich verschärft und die Geldstrafen für den Verstoß dagegen massiv erhöht worden.

...dann eben mit Bargeld-Koffer

Trotz der Schwierigkeiten gebe es einige Unternehmen, die im Land bleiben, sagt Heidinger. Vor allem solche, die kein US-Geschäft haben. Auch Hedinger selbst bleibt dem Iran mit seiner Consulting-Firma treu. So viel steht für ihn nach der ersten Woche mit US-Sanktionen fest. Allerdings hat auch er das Problem: Er kann seinen Zahlungsverkehr im Moment nicht über eine Bank erledigen. "Wir müssen improvisieren. Wenn es kleinere Beträge sind, reisen wir notfalls mit Bargeld. Ein Kunde von uns hat gerade einen Auftrag im zweistelligen Millionenbereich, da geht so was natürlich nicht", berichtet er.

Kreative Lösungen für Geldtransfers

Wie der Kunde seine Probleme löst, verrät Heidinger nicht. Es werden in Zukunft noch mehr kreative Lösungen gefragt sein, spätestens, wenn das zweite Paket an US-Sanktionen Anfang November in Kraft tritt.

Eine Woche Sanktionen im Iran
Karin Senz, ARD Istanbul
14.08.2018 07:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. August 2018 um 05:15 Uhr.

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