Jubel in Teheran über die Vergeltungsangriffe auf US-Ziele im Irak. | Bildquelle: VIA REUTERS

Eskalation am Golf Im Krisenmodus

Stand: 08.01.2020 11:44 Uhr

Am Golf wächst die Kriegsgefahr. Auf die gezielte Tötung ihres Generals durch die USA reagierte der Iran mit Angriffen auf US-Ziele im Irak. Fluglinien meiden den Luftraum. Die EU, Deutschland und andere Staaten sind im Krisenmodus.

Der Iran hat in der Nacht seine Drohungen wahrgemacht und US-Stützpunkte im Irak angegriffen - als Vergeltung für die gezielte Tötung von General Kassem Soleimani durch die USA am vergangenen Freitag. Begleitet wurde die iranische Militäraktion von martialischen Tönen der Revolutionsgarden sowie der Führung in Teheran. Die Angriffe seien "legitime Selbstverteidigung", sagte Außenminister Javad Zarif. "Falls die Amerikaner weitere Angriffe und Verbrechen gegen den Iran planen sollten, werden wir eine Antwort geben, die noch härter ist als der heutige Angriff", drohte Präsident Hassan Rouhani.

In Erbil verfolgen die Menschen  gespannt die Fernsehnachrichten - hier die Rede von Ajatollah Khamenei. | Bildquelle: GAILAN HAJI/EPA-EFE/REX
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In Erbil verfolgen die Menschen die Fernsehnachrichten - hier die Rede von Ajatollah Khamenei.

Die iranischen Angriffe hatten in der Nacht begonnen. Das Pentagon bestätigte Attacken auf die vom US-Militär genutzten Stützpunkte Ain al-Assad westlich von Bagdad und im nördlich gelegenen Erbil.

Von einem "Schlag ins Gesicht der USA" sprach das geistliche und staatliche Oberhaupt des Irans, Ajatollah Ali Khamenei. Das Staatsfernsehen berichtete von "80 getöteten US-Terroristen". Eine unabhängige Bestätigung für diese Angaben gibt es nicht. Das irakische Militär teilte mit, es gebe keine Opfer unter den heimischen Truppen. Auch andere Nationen, die auf den Stützpunkten Soldaten stationiert haben, meldeten keine Toten oder Verletzten. Bundeswehrsoldaten wurden ebenfalls nicht verletzt, die Bundesregierung prüft aber einen Teilrückzug aus Erbil.

Israel bekundet Solidarität mit USA

Und auch US-Präsident Donald Trump twitterte: "Alles ist gut." Das sehen viele Regierungen jedoch anders. Aus ihrer Sicht ist wenig gut. Mit der jüngsten Eskalation ist die Kriegsgefahr am Golf weiter gestiegen. Entsprechend klingen die Warnungen aus vielen Teilen der Welt. Einzig Israel schlug sich eindeutig auf die Seite Trumps. Sein Land stehe fest an der Seite der USA, sagte Ministerpräsident Benjamin Netanyahu. Trump müsse wegen seines Vorgehens gegen Soleimani beglückwünscht werden. Wer immer versuche, Israel anzugreifen, werde hart getroffen werden.

UN-Vetomacht China rief zu Zurückhaltung und zum Dialog auf. Dass sich im Nahen Osten die Spannungen verschärften, sei in niemandes Interesse, erklärt das Außenministerium in Peking. Man sei mit allen wichtigen Parteien im UN-Sicherheitsrat im Gespräch.

EU dringt auf Gespräche

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen rief zu einem Ende der Gewalt auf. "Der Gebrauch von Waffen muss jetzt aufhören, um Raum für Dialog zu schaffen", sagte sie nach einer Sondersitzung der EU-Kommission zur Irankrise. Alle seien dazu aufgerufen, Gespräche wieder aufleben zu lassen. Die EU habe bewährte Beziehungen zu vielen Akteuren in der Region und darüber hinaus, um zur Deeskalation beizutragen. "Die aktuelle Krise betrifft nicht nur die Region, sondern uns alle."

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell nannte den iranischen Vergeltungsangriff auf US-Soldaten im Irak ein "weiteres Beispiel der Eskalation und wachsender Konfrontation". Er habe den iranischen Außenminister Zarif nach Brüssel eingeladen.

Maas warnt Iran

Bundesaußenminister Heiko Maas richtete sich an die Führung in Teheran: "Wir fordern Iran auf, alle Schritte zu unterlassen, die zu einer weiteren Eskalation führen könnten", erklärte Maas. "Wir stehen seit Tagen in Kontakt mit allen Seiten, um auf eine Beruhigung der Lage hinzuwirken. Alle sind aufgefordert, in dieser Lage Besonnenheit und Zurückhaltung zu üben."

Auch Großbritannien verurteilte den iranischen Angriff. "Wir rufen den Iran dringend auf, solche rücksichtslosen und gefährlichen Angriffe nicht zu wiederholen", sagte Außenminister Dominic Raab. Stattdessen dringe Großbritannien auf Deeskalation. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu will am Donnerstag in den Irak reisen und sich um Deeskalation bemühen, teilte sein Ministerium mit.

Fluglinien meiden Luftraum

Viele Fluggesellschaften meiden inzwischen den Luftraum über dem Irak, dem Iran, dem Persischen Golf und dem Golf von Oman. Die russische Luftfahrtbehörde sprach für russische Fluggesellschaften eine entsprechende Empfehlung aus. Dies gelte bis auf weiteres für zivile Flüge - auch für Transitflüge, zitiert die Nachrichtenagentur RIA aus einer Stellungnahme der Behörde. Auch die US-Luftfahrtbehörde FAA sperrte für US-Fluggesellschaften den Luftraum.

Die Lufthansa strich wegen der Lage die tägliche Verbindung zwischen Frankfurt und Teheran am heutigen Mittwoch. Auch der nächste, für Samstag vorgesehene Flug nach Erbil im Irak fällt aus. Im Lauf des Tages werde entschieden, wie weiter verfahren wird, erklärte ein Sprecher.

Kurz nach den iranischen Angriffen war nahe Teheran eine ukrainische Passagiermaschine abgestürzt, 176 Menschen starben. Ob der Absturz mit der Eskalation am Golf in Zusammenhang steht, ist unklar.

Das Erste sendet um 20:15 Uhr einen Brennpunkt zur "Machtprobe am Golf".

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. Januar 2020 um 07:30 Uhr.

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