Ein irakischer Soldat inspiziert den Schaden in Bagdad nach einer Angriffswelle auf die Hauptstadt (Foto vom 18.11.2020). | Bildquelle: AFP

US-Truppenreduzierung Dem Schlüsselstaat Irak droht Chaos

Stand: 18.11.2020 16:31 Uhr

Die Ankündigung, die Zahl der US-Soldaten im Irak auf 2500 zu reduzieren, sorgt für Unruhe in der Region. Profitieren könnten am Ende ausgerechnet der Iran und die Terrormiliz IS.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Wieder heulten gestern Nacht die Sirenen in Bagdad. Sieben Explosionen erschütterten die Hauptstadt. Wieder waren es Angriffe mit Katjuscha-Raketenwerfern. Drei Geschosse schlugen im Regierungsviertel ein, ganz in der Nähe zur US-Botschaft.

Es war eine von Dutzenden Angriffswellen auf US-Einrichtungen im Irak in diesem Jahr. Die Botschaft ist offenkundig: Die USA sind im Irak nicht mehr erwünscht und sollen ihre Truppen abziehen. Die Drahtzieher bleiben im Dunkeln.

Ein irakischer Soldat inspiziert den Schaden in Bagdad nach einer Angriffswelle auf die Hauptstadt (Foto vom 18.11.2020). | Bildquelle: AFP
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Eine irakische Sicherheitskraft inspiziert den Schaden in Bagdad nach einer Angriffswelle auf die Hauptstadt (Foto vom 18.11.2020).

Der Iran greift nach der ganzen Macht

Vieles deutet auf schiitische Milizen hin. Diese führen im Irak ein Eigenleben: Einst wurden sie vom Iran im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) aufgerüstet und ausgebildet. Mittlerweile sind sie offiziell in die irakische Armee integriert, werden aber noch immer aus Teheran gesteuert, wie viele Beobachter glauben. Im Kampf um die Macht im Land spielen sie eine Schlüsselrolle.

Der Iran verfügt im Irak schon jetzt über enormen Einfluss, er hat seine Verbindungsleute an wichtigen Schaltstellen von Regierung, Parlament und in der Wirtschaft platziert. Sie stellen sicher, dass jährlich etwa zwei Milliarden Euro aus der klammen Staatskasse an die schiitischen Kampfeinheiten fließen. So entstand ein "Staat im Staate". Nun greift der Iran nach der ganzen Macht im Land.

USA als Gegenspieler der Mullah

Die US-Truppen bildeten bislang ein Gegengewicht. Auch sie waren 2014 entsandt worden, um den IS zu bekämpfen. Gerade in der irakischen Armee genießen die USA noch immer hohes Ansehen. Im Parlament allerdings haben Teheran-nahe Gruppierungen eine Mehrheit. Im Januar sprachen sie sich dafür aus, die Präsenz ausländischer Truppen im Land zu beenden.

Ausgerechnet in US-Präsident Donald Trump haben sie darin einen Verbündeten gefunden. Der hatte schon im Wahlkampf vor vier Jahren einem Abzug der US-Truppen aus dem Ausland das Wort geredet. Nun will er in den letzten Tagen seiner Präsidentschaft damit ernst machen. Sein frisch ernannter Verteidigungsminister Christoph Miller hat angekündigt, die Zahl der Soldaten im Irak bis Mitte Januar auf etwa 2500 zu reduzieren. Einst waren es mehr als 5000. Damit allerdings spielen die USA ausgerechnet dem Regime in Teheran in die Hände. Das Machtgefüge im Irak dürfte sich erheblich zugunsten der Mullahs verschieben, die Trump doch eigentlich schwächen wollte.

Auch für die Protestbewegung im Land ist das keine gute Nachricht. Tausende waren auch gegen den Einfluss Teherans auf die Straßen gegangen, gegen die Herrschaft von Milizen, Korruption und Vetternwirtschaft. Bislang allerdings ohne nachhaltigen Erfolg. Die Demonstranten selbst gerieten in ihr Zielfeuer, einige Aktivisten wurden auf offener Straße regelrecht hingerichtet. Nun könnten sie noch mehr unter Druck geraten.

Der IS als Profiteur

Auch der Kampf gegen den IS dürfte leiden. Das Kalifat mag Geschichte sein, die Terrormiliz aber verbreitet im Irak noch immer Angst und Schrecken. Hunderte Kämpfer sollen sich in abgelegene, dünn besiedelte Ortschaften wie die Provinz Salah al-Din zurückgezogen haben. Von dort planen und verüben sie immer wieder auch verheerende Anschläge mit etlichen Toten.

In einigen Dörfern sollen sie wieder die heimlichen Herrscher sein. Vermögen aus früheren Zeiten ist noch reichlich vorhanden. Mit Schmuggel und erpresstem Geld soll der IS laut einer US-Studie noch immer drei Millionen Euro pro Monat einnehmen. Schwächen infolge der Corona-Pandemie nutzt die Terrormiliz gnadenlos aus.

Als Deutschland, Großbritannien und Frankreich die Trainingsprogramme im März vorübergehend ausgesetzt hatten, war das ein herber Rückschlag für die irakischen Sicherheitskräfte. Mittlerweile läuft die Ausbildung wieder, die Zahl der Bundeswehrsoldaten soll aber um 200 auf 500 reduziert werden. Auch das dürfte den Kampf gegen den IS weiter schwächen. Der stößt in jedes Vakuum, das andere ihm lassen.

Ein Staat, dessen Autorität zerfällt, ist der ideale Nährboden für die Organisation. Auch deshalb sind die Sorgen nicht nur im Westen groß, dass ein überstürzter Abzug der USA den Irak weiter schwächen dürfte. Der ohnehin schon schwer lädierte Schüsselstaat im Nahen Osten droht zu zerfallen. Ausgerechnet der Iran und die selbst erklärten Gotteskrieger des IS könnten davon profitieren.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. November 2020 um 15:30 Uhr in den Nachrichten.

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