Bürger in Assam stehen Schlange, um zu prüfen, ob sie in das Staatsbürgerregister aufgenommen wurden | Bildquelle: AFP

Indien Millionen Menschen plötzlich illegal

Stand: 31.08.2019 11:33 Uhr

Indien hat 1,9 Millionen Menschen für praktisch staatenlos erklärt. Der Bundesstaat Assam veröffentlichte ein Staatsbürgerregister, in dem vor allem Muslime nicht verzeichnet wurden. Sie gelten nun quasi als illegal.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

"Was wird jetzt aus uns?", fragt sich Halimun Nessa, während sie auf einem Friedhof in der kleinen Stadt Barpeta in Assam Blumen am Grab ihres Mannes niederlegt. Die Witwe und ihre fünf Kinder gelten nun offiziell als illegale Einwanderer. Im Staatsbürgerschaftsregister des nordöstlichen indischen Bundesstaates ist ihr Name nicht aufgeführt. Ihr Mann hat sich aus Verzweiflung darüber das Leben genommen.

"Er sagte, wir haben kein Geld, um vor Gericht gegen die Entscheidung zu kämpfen", sagt Nessa. "Er hatte Angst, die Kinder würden uns weggenommen." Und dann habe er sich umgebracht. Sie wisse nun nicht, wo sie jetzt hin solle. Sie habe kein Land. Die Kinder seien noch zu klein, um zu arbeiten. "Die Leute helfen uns, nur so überleben wir."

Um ins das Staatsbürgerschaftsregister aufgenommen zu werden, müssen die Einwohner des Bundesstaates nachweisen, dass ihre Familien schon vor 1971 in Assam gelebt haben. Wer danach kam, gilt als illegaler Einwanderer aus dem benachbarten Bangladesch.

80.000 Sicherheitskräfte im Einsatz

Indischen Medienberichten zufolge sind knapp 80.000 Polizisten und paramilitärische Sicherheitskräfte im Einsatz, um Proteste zu unterbinden, die bei der Veröffentlichung des Registers erwartet wurden. Schon in den vergangenen Jahren gab es bei Protesten gegen das umstrittene Register immer wieder gewaltsame Auseinandersetzungen.

Millionen Menschen, darunter vor allem Muslime, droht die Abschiebung oder die Internierung in Lagern, denn Bangladesch will die von Indien abgelehnten Einwohner gar nicht aufnehmen.

Gegen Einwanderer aus Bangladesch

Die einheimische Bevölkerung von Assam betrachtet die Einwanderer aus Bangladesch als Bedrohung. Den Kampf gegen die Fremden führt die Studentenorganisation "All Assams Students Union" an. Ihr Chef, Samujial Bhattacharya, weist den Vorwurf zurück, es gehe um die Ausgrenzung von Muslimen. Aber Indien gehöre den Indern, sagt er.

"Ein Fremder ist ein Fremder, egal ob er Hindu oder Muslim ist", so Bhattacharya. "Indien gehört den Indern, das gilt auch in Assam. Wir sind hier doch keine Müllkippe für illegale Bangladeschis." Die "ganze demographische Struktur von Assam" habe sich verändert, sagt er. "Das ist eine Gefahr für die Identität, die Sprache und die Kultur der einheimischen und indigenen Bevölkerung hier im Nordosten Indiens."

Mehrere Menschen in dem Dorf Rupahi in Assam stehen Schlange, um im Staatsbürgerschaftsregister ihren Eintrag zu überprüfen. | Bildquelle: REUTERS
galerie

Mehrere Menschen in dem Dorf Rupahi in Assam stehen Schlange, um im Staatsbürgerschaftsregister ihren Eintrag zu überprüfen.

Zukunft ungewiss

Vier Monate haben diejenigen Zeit, deren Name nicht auf der Liste steht, das Register juristisch anzufechten. Nach Angaben des Innenministeriums sollen bis zu 1000 lokale Tribunale eingerichtet werden.

Selbst gut integrierte Muslime in Assam stehen vor einer ungewissen Zukunft - darunter selbst solche, die hier geboren und deren Eltern hier geboren sind.

Mohammad Sanaullah, ein pensionierter Veteran der indischen Streitkräfte, sagte einem Reporter der Nachrichtenagentur AP, er könne es nicht fassen. "Ich bin schockiert, wirklich schockiert", so Sanaullah. "Ich habe 30 Jahre lang in der Armee gedient und dieses Land verteidigt, und jetzt muss ich betteln, um als Staatsbürger dieses Landes anerkannt zu werden."

Kampf um die Vorherrschaft der Hindus

Die hindu-nationalistische Regierungspartei Indiens BJP und ihre faschistische Unterorganisation RSS, in der auch Premierminister Narendra Modi seit seiner Jugend Mitglied ist, kämpfen schon lange für die Vorherrschaft der Hindus in Indien. Vor allem Muslime, aber auch andere ethnische und religiöse Minderheiten werden zunehmend diskriminiert und ausgegrenzt.

In Assam hat die BJP bislang noch ein breites Wählerpotenzial, das bei einer Anerkennung der eingewanderten Muslime als Staatsbürger gefährdet werden könnte.

Millionen Menschen in Assam droht Illegalität
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu Delhi
31.08.2019 10:59 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 31. August 2019 um 08:28 Uhr.

Darstellung: