Menschen bei der Bestattung eines Verwandten in Neu-Delhi | Bildquelle: AP

Coronavirus in Indien Bestattungen im Eiltempo

Stand: 13.06.2020 11:20 Uhr

Die Zahl der Corona-Infektionen in Indien steigt weiter deutlich an. Krankenhäuser sind überlastet, Friedhöfe und Leichenhallen am Rand ihrer Kapazitäten - und die Lage dürfte sich noch verschärfen.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

In den Krematorien der indischen Hauptstadt qualmen die Feuer. Der beißende Gestank, der bei der Leichenverbrennung entsteht, liegt in der Luft und zieht mit den Rauchschwaden über die trauernden Angehörigen hinweg.

Normalerweise kommen alle Freunde und Verwandte zu den letzten Ritualen, mit denen die Hindus ihre Verstorbenen ehren. Doch wegen Corona stehen nur ein paar Hinterbliebene neben den lodernden Flammen. In voller Schutzmontur, mit Mundschutz und Latexhandschuhen, wie auf Filmmaterial der Nachrichtenagentur AP zu sehen ist.

Er hätte seinem Vater lieber eine würdige Bestattung beschert, klagt Manish Garg, der Sohn eines vermutlich an Covid-19 verstorbenen Mannes. "Bis zu 1000 Leute wären heute normalerweise mit mir hier", sagt er. "Wir sind eine große Familie. Aber wegen Corona habe ich gar niemanden angerufen, um zu sagen, dass er kommen soll."

Menschen wollen von Angestellten einer Corona-Klinik in Neu-Delhi Informationen über den Zustand ihres Verwandten. | Bildquelle: AP
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Viele Krankenhausmitarbeiter sind überlastet.

Katastrophale Lage in den Kliniken

Die Feuerbestattung der Verstorbenen ist für Hindus ein wichtiges Ritual, um den Kreislauf von Tod und Wiedergeburt zu durchbrechen. Beim Verbrennen werde die Seele vom vergänglichen Leib befreit, heißt es.

Durch die Corona-Pandemie werden die Bestattungen in Delhi nun im Eiltempo abgehakt. Die Leichenhallen in den Krankenhäusern sind Medienberichten zufolge am Rande ihrer Kapazitäten. Die Lage in den Kliniken der Hauptstadt sei katastrophal, klagte sogar der Oberste Gerichtshof. Wie der Fernsehsender NDTV berichtete, wurde in einem Fall sogar eine Leiche im Müll gefunden.

Vor Kurzem starb in der Stadt eine schwangere Frau, nachdem sie bei ihrer verzweifelten Suche nach einem Krankenbett in vielen Kliniken abgewiesen worden war. Ihr Tod löste Besorgnis aus, ob das Land in der Lage sein würde, mit einer neuen Welle von Corona-Fällen zurechtzukommen.

Überlastete Pflegekräfte

Am größten staatlichen Krankenhaus in Delhi, dem All Indian Institute of Medical Science (AIIMS) traten Krankenschwestern vorübergehend in den Streik, um gegen unwürdige Arbeitsbedingungen und fehlende Schutzkleidung zu protestieren.

"Jeden Tag steigt die Zahl der Pflegekräfte, die bei der Arbeit infiziert werden", klagt Fameer C.K., der Generalsekretär der Gewerkschaft der Pflegekräfte. "Die Krankenschwestern stehen an vorderster Front. Deshalb muss man sie doch schützen und wenigsten mit Schutzkleidung ausstatten. Wenn die Pflegekräfte ausfallen, wie will man die dann ersetzen? Das wird ein Riesenproblem."

Auch Privatkliniken kommen an ihre Grenzen

Trotz leerstehender Betten gilt Medienberichten zufolge in vielen Kliniken ein Aufnahmestopp. Grund sei fehlendes Personal, hieß es. Patienten und Angehörige klagten über unzureichende Versorgung.

"Gestern Nachmittag wurde mein Vater hier eingewiesen", berichtet Nitish Bhardwaj, der Sohn eines Corona-Patienten im LNJP-Hospital am Rande von Old Delhi. "Dann wurde er einmal von einem Arzt untersucht und seitdem hat niemand mehr nach ihm geguckt. Mein Vater ist 60 Jahre alt und hat Herzprobleme. Jetzt klagt er über schweren Husten und er hat Fieber."

Auch die teuren Privatkliniken in Delhi kommen offenbar langsam an ihre Grenzen. Patienten werden nur gegen Vorkasse aufgenommen. Der Tagessatz für ein Bett im Einzelzimmer liegt bei rund 400 Euro. Ein Tag auf der Intensivstation mit Beatmungsgerät kostet 1000 Euro. Selbst für viele Inder aus der Mittelschicht fast ein Monatsgehalt.

Verwandte und Krankenhausmitarbeiter entladen den Leichnam einer an Covid-19 gestorbenen Person. | Bildquelle: REUTERS
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Die offizielle Totenzahl liegt laut indischer Regierung bei 9000 - die Dunkelziffer ist allerdings hoch.

Indiens Regierung gibt sich optimistisch

Die indische Regierung versucht, die Situation im Land positiv darzustellen. Dabei ist die Zahl der Covid-19-Patienten sprunghaft in die Höhe geschnellt, seit die Ausgangssperre Anfang des Monats aufgehoben wurde - auf inzwischen mehr als 300.000.

Während in dieser Woche fast täglich bis zu 10.000 Neuinfektionen registriert wurden, betonte Lav Agarwal vom indischen Gesundheitsministerium, lieber die Zahl der genesenen Patienten. Die übersteige jetzt die Zahl der aktiven Infektionsfälle. Dies sei "eine sehr positive Nachricht". Am Donnerstag habe die Zahl der Personen, die von Covid-19 geheilt worden seien und sich wieder erholt hätten, bei mehr als 141.000 Personen gelegen.

Mehr als 500.000 Fälle erwartet

Viele haben es allerdings auch nicht geschafft. Die offizielle Zahl der Verstorbenen wird mit rund 9000 angegeben. Bald gebe es keinen Platz mehr, klagt der Leichengräber Mohammad Shaheen. "Bei dem Tempo, mit dem die Toten hierhergebracht werden, haben wir bald keinen Platz mehr auf diesem Abschnitt, der für Corona-Fälle vorgesehen ist", sagt er. "In vielen Fällen kommen höchsten ein zwei Angehörige, manchmal gar niemand, wenn wir die Leichen ins Grab legen."

Vor wenigen Tagen schockierte der Regierungschef von Delhi, Arvind Kejriwal, die Öffentlichkeit mit einer düsteren Prognose. "Bis zum 15. Juli haben wir voraussichtlich 225.000 Fälle, allein in Delhi und bis Ende Juli werden es möglicherweise mehr als 530.000 sein. Dann bräuchten wir allein in der Hauptstadt 80.000 Krankenhausbetten."

Eine halbe Million Corona-Fälle wären mehr als in New York City, einem der größten Corona-Hotspots in den USA. Die indische Regierung erwägt nun, Luxushotels und Sportstadien in Lazarette umzuwandeln.

Am Samstag wurde in Indien mit 11.458 neuen Coronavirus-Infektionen ein neuer Tageshöchststand erreicht.

Corona in Indien - Kliniken überlastet
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
13.06.2020 06:29 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 13. Juni 2020 um 08:29 Uhr.

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