Indische Grenzwache auf dem Brahmaputra-Fluss | picture-alliance / dpa

Streit um Brahmaputra Staudamm-Plan beunruhigt Chinas Nachbarn

Stand: 07.01.2021 01:41 Uhr

Indien und Bangladesch befürchten, dass ihnen China das Wasser abdrehen könnte. Denn die Volksrepublik plant einen riesigen Staudamm am Brahmaputra, dem wasserreichsten Fluss Asiens.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Südasien, zurzeit Hamburg

Beim virtuellen Gipfeltreffen der Premierminister Indiens und Bangladeschs, Narendra Modi und Sheikh Hasina stand Ende Dezember der Brahmaputra auf der Tagesordnung. Der "Sohn des Brahma", so sein Sanskrit-Name, ist einer der längsten Flüsse der Welt und der wasserreichste in ganz Asien. Die Pläne der chinesischen Regierung, in Tibet einen gewaltigen Staudamm am Brahmaputra zu bauen, haben in Indien und Bangladesch Unruhe ausgelöst. Man beobachte die Entwicklung mit Sorge, sagte ein Sprecher des indischen Außenministeriums. Immerhin ist der Brahmaputra die Lebensader für mehrere hundert Millionen Menschen, die entlang des grenzüberschreitenden Flusses leben: Sie alle sind darauf angewiesen, dass am Oberlauf das Wasser nicht abgedreht wird.

Bernd Musch-Borowska ARD-Studio Neu-Delhi
Karte mit China, Indien, Bangladesch und dem Fluss Brahmaputra |

Mehr als 3000 Kilometer liegen zwischen seinem Ursprung am Angsi-Gletscher, in der von China kontrollierten Autonomen Provinz Tibet und der Mündung in den Golf von Bengalen. Nachdem er das tibetanische Hochplateau verlassen hat, fließt der Yarlung Tsangpo, wie der Brahmaputra dort genannt wird, durch die nordöstlichen indischen Bundesstaaten Arunachal Pradesh, Assam und West-Bengalen, bevor er Bangladesch erreicht und südlich der Hauptstadt Dhaka zusammen mit dem Ganges und dem Meghna ins Meer fließt.

Als Anrainerstaat am unteren Abschnitt des Brahmaputra habe Indien international festgelegte Nutzungsrechte, sagt der indische Außenamtssprecher Anurag Srivastava. Man habe die chinesischen Behörden immer wieder darauf hingewiesen, dass ihre Aktivitäten am Oberlauf des Flusses keine Nachteile für die anderen Anrainerländer haben dürften.

Fischer auf dem Brahmaputra-Fluss in Indien | picture alliance / dpa

Millionen Inder leben am und vom Brahmaputra - wie diese Fischer ... Bild: picture alliance / dpa

Arbeiter am Brahmaputra-Fluss in Indien | picture alliance / dpa

... oder dieser Arbeiter, der Bambusstäbe vom Fluss einsammelt. Bild: picture alliance / dpa

Wende in der Klimapolitik mit Folgen

Mit dem Staudamm am Brahmaputra sollen chinesischen Staatsmedien zufolge bis zu 60 Gigawatt Energie durch Wasserkraft erzeugt werden, fast drei Mal so viel wie am Drei-Schluchten-Damm am Yangtsekiang. Die Volksrepublik wolle ihre CO2-Bilanz verbessern, sagte Chinas Präsident Xi Jinping im Dezember anlässlich des virtuellen Weltklimagipfels. Der Ausbau erneuerbarer Energien stehe dabei im Mittelpunkt.

China habe viel dafür getan, das Klimaabkommen von Paris zu implementieren, sagte Xi. Bis zum Jahr 2030 werde China seine CO2-Emmissionen um über 65 Prozent gegenüber dem Niveau von 2005 senken, seinen Anteil an nicht-fossilen Brennstoffen um 25 Prozent erhöhen und die Kapazitäten für Wind- und Solarenergie auf 1,2 Milliarden Kilowatt aufstocken.

Sorge vor Überflutungen und Wasserknappheit

Der Plan eines chinesischen Kraftwerks dieser Größenordnung stelle eine Bedrohung für Bangladesch und Indien dar, sowohl wirtschaftlich als auch ökologisch, so der Umwelt- und Energieexperte Emani A. S. Sharma, ein ehemaliger hoher Regierungsbeamter im indischen Finanzministerium: Es gehe nicht nur um die Kontrolle der Wassermenge, die unten noch ankomme. Auch der Nährstoffgehalt und die Qualität des Wassers würden durch den geplanten Staudamm beeinträchtigt.

Dieser Fluss definiere das gesamte Leben im Nordosten Indiens und in Bangladesch, erklärt Sharma. Gerade in Bangladesch seien alle Flüsse irgendwie mit dem Brahmaputra verbunden. Vor dem Bau eines Staudamms müssten in solchen Fällen die Regierungen der anderen betroffenen Länder eingebunden werden, da er am Oberlauf, Überflutungen und auch Wasserknappheit am Unterlauf verursachen könne.

Überflutung im Gebiet des Brahmaputra-Flusses in Indien | picture alliance / dpa

Immer wieder kommt es entlang des Flusses zu Überflutungen. Aber mehr noch fürchten die Anwohner einen niedrigen Wasserstand. Bild: picture alliance / dpa

Informationsaustausch mit Lücken

Zwar gibt es ein Memorandum zwischen Indien und China über einen Austausch von Informationen über den Brahmaputra. Doch wegen der politischen Spannungen zwischen den beiden Ländern ist das in letzter Zeit offenbar nicht mehr geschehen.

Bei den im vergangenen Jahr eskalierten Grenzstreitigkeiten im Hochgebirge von Ladakh geht es neben anderen Aspekten auch um Wasser. Am Galwan-Fluss entlang der inoffiziellen Grenze zwischen Indien und China war es vor einigen Monaten zu Schusswechseln gekommen. Dabei kamen nach nicht offiziell bestätigten Angaben auf beiden Seiten Soldaten ums Leben.

China wolle am Galwan-Fluss Wasser umleiten und habe auch am Brahmaputra entsprechende Pläne, hieß es in indischen Medien. Schon jetzt gebe es elf Staudämme in Tibet, schrieb etwa die Tageszeitung "India Today". Und die Umweltorganisation China Dialog mit Sitz in London zitierte den Vize-Chef der chinesischen Gesellschaft für Wasserkraft, Zhang Boting, mit den Worten, China sollte mehr Wasser aus transnationalen Flüssen abzapfen. Die rund Hundert Milliarden Kubikmeter Wasser, die jährlich durch den Brahmaputra oder Yarlung Tsangpo fließen, könnten die Wasserknappheit im Osten Chinas beseitigen helfen.

China sieht Baupläne als sein Recht an

Die Regierung in Peking weist dagegen Kritik an den Staudamm-Plänen entschlossen zurück. Es sei das legitime Recht Chinas, ein Wasserkraftwerk am Yarlung Tsangpo zu bauen, sagte die Sprecherin des Außenministeriums, Hua Chunying, bei einem Pressebriefing im Dezember. Dabei würden alle Fragen der Nutzung von grenzüberschreitenden Flüssen berücksichtigt. Die Projekte folgten wissenschaftlichen Untersuchungen und berücksichtigten auch die Folgen für die stromabwärts gelegenen Gebiete.

Bangladesch, das am unteren Ende des Brahmaputra liegt, bringt seine Besorgnis nicht so scharf zum Ausdruck wie der größere Nachbar Indien. Immerhin verhandelt die Regierung in Dhaka mit China über Kredite und Investitionen in Milliardenhöhe - unter anderem über eine Milliarde US-Dollar für die Flussbegradigung des Teesta, einem Nebenfluss des Brahmaputra, über dessen Nutzung Bangladesch wiederum mit Indien im Streit liegt.

Der Staudamm als politische Waffe

Doch in Neu-Delhi ist man nicht so gelassen. Mit diesem Staudamm-Projekt schaffe sich China eine gefährliche Waffe, die es zu jeder Zeit einsetzen könne, warnte der indische Experte für Sicherheits- und Verteidigungspolitik und pensionierte Generalmajor S.P. Sinha in einem Interview mit dem Fernsehsender "India Today". Immerhin gebe es ein gewaltiges Konfliktpotential, darunter Grenzstreitigkeiten in Ladakh und chinesische Gebietsansprüche auf den indischen Bundesstaat Arunachal Pradesh, der von der chinesischen Regierung als Süd-Tibet bezeichnet wird.

In Kriegszeiten könnte China diesen Damm als eine politische Waffe gegen Indien verwenden, meint Sinha. Und in Friedenszeiten hätte die Regierung in Peking die Möglichkeit, Indien jederzeit unter Druck zu setzen und in die Ecke zu drängen.

Die Nutzung des Wassers aus dem Brahmaputra könnte der Rivalität der beiden Atommächte Auftrieb verleihen. Indien hat bereits den Bau eines eigenen Staudamms am Brahmaputra angekündigt, um die möglichen Folgen des chinesischen Damms auszugleichen.

China ist mit seiner Lage am Oberlauf des Flusses jedoch zweifellos im Vorteil. Und auch militärisch ist die Volksrepublik dem Rivalen Indien haushoch überlegen, sowohl bei konventionellen als auch bei nuklearen Waffen. An einem Krieg ums Wasser oder um Gebietsansprüche hat keine Seite ein Interesse.

Über dieses Thema berichtete ARTE am 05. Januar 2021 um 17:50 Uhr und 18:30 Uhr.