Demonstration in Kerala | Bildquelle: AFP

Eskalation in Südindien Gewalt bei Protesten gegen Tempelbesuch

Stand: 03.01.2019 16:08 Uhr

Konservative Hindus toben und streiken: Nach dem Tempelbesuch der beiden Frauen in Südindien ist es in mehreren Städten zu Ausschreitungen gekommen. Ein Mensch wurde getötet, 100 weitere verletzt.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Das öffentliche Leben im südindischen Bundesstaat Kerala ist heute weitgehend zum Stillstand gekommen. Märkte und Schulen sind geschlossen, die meisten Geschäfte haben ihre Metallrollos herunter gelassen. Durch die menschenleeren Straßen in Kochi und anderen Städten fahren nur gelegentlich ein paar Autos.

Konservative Hindu-Gruppierungen haben zum Streik aufgerufen und, so wird berichtet, auch so manchen Ladenbesitzer gezwungen, das Geschäft heute zu schließen. Der Protest richtet sich gegen die beiden Frauen, die gestern heimlich, unter dem Schutz von mehreren Polizisten, den Sabarimala-Tempel betreten hatten, trotz eines jahrhundertealten Verbotes, das Frauen im menstruationsfähigen Alter den Zutritt verwehrt.

Regierung: Schutz statt Diskriminierung

Doch das Oberste Gericht Indiens hatte dieses Verbot Ende vergangenen Jahres aufgehoben. Es verstoße gegen das Prinzip der Gleichberechtigung von Mann und Frau in Indien und stelle eine Diskriminierung dar.

Der Regierungschef des Bundesstaates Kerala, Pinarayi Vijayan rechtfertigte deshalb in einer Fernsehansprache die polizeiliche Unterstützung für die beiden Frauen: "Es ist doch die Verantwortung der Regierung, den Frauen Schutz zu gewähren. Die Regierung hat dadurch nur ihre verfassungsmäßige Pflicht erfüllt. Diese rechten Gruppierungen versuchen hier den Sabarimala-Tempel in ein Katastrophengebiet zu verwandeln."

Polizisten eskortieren die beiden Frauen, denen später der Zugang zum Hindu-Tempel gelang. (Archivbild vom 24.12.2018) | Bildquelle: AFP
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Polizisten eskortieren die beiden Frauen, denen später der Zugang zum Hindu-Tempel gelang. (Archivbild vom 24.12.2018)

Hindu-Männer beim "Reinigungsritual" im Tempel. | Bildquelle: AFP
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Hindu-Männer beim "Reinigungsritual" im Tempel.

Bis in die Nacht war es am Mittwoch zu heftigen Protesten gekommen. Bei Zusammenstößen von radikalen Hindus mit der Polizei kam ein Mann ums Leben, mehr als 100 wurden verletzt, darunter auch viele Polizisten.

Die hindu-nationalistische indische Regierungspartei BJP, die in Kerala kaum Anhänger hat, versucht, aus dem Tempelstreit politisches Kapital für die bevorstehenden Wahlen zu schlagen. Sreedharan Pillai, Vorsitzender der örtlichen BJP: "Dieser Streik ist ein großer Erfolg, denn die gesamte Öffentlichkeit hat sich daran beteiligt. Ich rufe die Regierung von Kerala dazu auf, die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen und den Glauben der Menschen zu schützen."

Rückenwind für fundamentalistische Hindus

Jahrzehntelang hatte sich niemand daran gestört, dass auch Frauen unter fünfzig den Sabarimala-Tempel besuchten. Doch seit Indien von der hindu-nationalistischen Partei BJP regiert wird, haben konservative und fundamentalistische Hindus Rückenwind.

Sie wollen nicht nur dem altindischen kulturellen und religiösen Erbe neue Geltung verschaffen, sie grenzen andere Religionsgemeinschaften aus, unter anderem Muslime und Christen. Die vom Obersten Gericht bestätigte Gleichberechtigung von Frauen ist den hinduistischen Fundamentalisten ebenfalls ein Dorn im Auge.

41 Tage enthaltsam leben vor Tempelbesuch

Der Sabarimala-Tempel ist ein für Hindus bedeutendes Heiligtum. Er liegt auf einem über 900 Meter hohen Berg in einem Wald und ist erst nach einem mehrstündigen Aufstieg zu erreichen. Wer den Tempel besuchen will, muss 41 Tage lang enthaltsam leben und auf Sex, Fleisch und Rauschmittel aller Art verzichten.

Für Frauen im Alter zwischen 10 und 50 Jahren war der Zutritt über Generationen tabu. Zum einen wegen der nicht nur im Hinduismus verbreiteten Annahme, dass menstruierende Frauen unrein seien. Und zum anderen, weil Frauen dieser Altersgruppe das Zölibat der in dem Tempel verehrten Gottheit Ayappa gefährden könnten.

Indien: Tempelstreit legt öffentliches Leben in Kerala lahm
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
03.01.2019 15:01 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 03. Januar 2019 um 16:38 Uhr.

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