Passagiere warten in einem Hafen von Belém in Brasilien. | Bildquelle: dpa

Impfstudien in Brasilien Vom Corona-Hotspot zum Impfstoff-Hotspot

Stand: 26.07.2020 05:18 Uhr

Brasilien gilt als Negativbeispiel im Umgang mit der Corona-Pandemie. Nun laufen Studien zur Impfstoffentwicklung - im Gegenzug sicherte sich das Land Impfdosen. Könnte Präsident Bolsonaro davon profitieren?

Von Marie-Kristin Boese, SWR

Ihre morgendliche Routine folgt einem genauen Protokoll: Vorsichtig zieht Denise Abranches ihren Schutzanzug an. Zusätzlich schützt eine Art Plastikschild ihr Gesicht. Als Zahn-Chirurgin im Krankenhaus São Paulo ist sie dem Coronavirus täglich ausgesetzt. Immer wieder muss sie den Mund- und Rachenraum von Infizierten reinigen. Als Abranches von den Impfstoff-Tests in Brasilien gehört hat, habe sie deshalb nicht gezögert, sondern sich als Testperson gemeldet. Rein freiwillig natürlich, sagt die Ärztin: "Es ist eine Verantwortung und ein großer Wunsch, helfen zu können."

Ende Juni bekam sie die Injektion. Ob es der Impfstoff-Kandidat ist, den die Uni Oxford mit dem Firmenverbund AstraZeneca entwickelt, oder nur ein Placebo, weiß sie selbst nicht. Doch ab jetzt muss Abranches dokumentieren, wie sie sich fühlt und auch einen Untersuchungsplan einhalten. Mehr verrät sie nicht.

Eine Frau bekommt eine Spritze. | Bildquelle: REUTERS
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Bei der Spritze der Studie war auch Sao Paulos Governeur Joao Doria vor Ort.

Tausende Freiwillige werden getestet

Brasilien ist Corona-Hotspot. Das Land verzeichnet traurige Rekorde: Etwa 85.000 Tote und 2,3 Millionen bestätige Fälle. Präsident Jair Bolsonaro hatte das Virus monatelang klein geredet, war auf Demos aufgetreten, hatte Abstandsregeln ignoriert, Menschen umarmt und sich schließlich selbst infiziert. Sogar aus der Quarantäne polemisierte Bolsonaro zuletzt gegen Kontaktbeschränkungen und empfahl das umstrittene Malariamittel Chloroquin.

Brasilien wurde wegen der vielen Infizierten auch Hotspot der Impfforschung. Denn die entscheidende Phase der klinischen Tests erfordert ein hohes Ausbruchsgeschehen. So lässt sich schneller feststellen, ob ein Impfstoff wirkt.

Deshalb testen nicht nur die Briten der Uni Oxford hier ihren Kandidaten, sondern seit Montag auch die chinesische Firma Sinovac - und das an jeweils tausenden Freiwilligen. Einige Brasilianer äußern zwar Bedenken und fürchten, das Land werde zum Versuchslabor der Welt. Doch Testperson Denise Abranches sieht sich nicht als Versuchskaninchen. Die Ärztin betont die Chancen für ihr Land: "Ich hoffe, wir können bald zu unserem normalen Leben zurückkehren, zusammen mit unseren Verwandten."

Vom Negativbeispiel zum Impfstoff-Produzenten

Zumal Brasilien vorteilhafte Deals abgeschlossen hat, sollten sich die Impfstoffe als wirksam erweisen. Das Land bekommt schnellen Zugriff: Von der chinesischen Firma Sinovac habe sich der Bundesstaat São Paulo 60 Millionen Impfdosen gesichert. Das renommierte Forschungszentrum "Instituto Butantan" koordiniert die Studie. Sollte sich der britische Kandidat als wirksam erweisen, könnte Brasilien insgesamt 100 Millionen Dosen selbst herstellen - und bekäme per Forschungstransfer auch das Know-how.

Im Juni unterzeichnete das Gesundheitsministerium mit Universität Oxford und AstraZeneca einen entsprechenden Vertrag. Die Kosten für die Produktion der ersten 30 Millionen Impf-Einheiten und des Technologietransfers belaufen sich auf 127 Millionen Dollar.

Wissenschaftlich federführend ist die "Fundação Oswaldo Cruz", die größte Forschungsinstitution zur öffentlichen Gesundheit in Brasilien. "Fiocruz", wie das Institut genannt wird, hat jahrzehntelange Erfahrung in der Produktion von Impfstoffen und bei Impfkampagnen. Auch wegen dieser hervorragenden Infrastruktur, so Infektiologin Sue Ann Costa Clemens, eigne sich Brasilien für die Tests.

Schneller als andere Länder hätte Brasilien künftig Zugriff auf den Impfstoff. Costa Clemens, die den Deal mit der Uni Oxford miteingefädelt hat, gibt sich zufrieden: Brasilien bekomme so leichteren Zugang zu der Impfung und kann ihn eines Tages vielleicht sogar exportieren.

Schneller auf künftige Viren reagieren

Brasilien würde sich vom internationalen Negativ-Beispiel plötzlich zum Impfstoff-Produzenten mausern, im Idealfall sogar zum Versorger für die Region. Das Land katapultiert sich auch auf Augenhöhe mit Industrieländern, denn die USA haben 300 Millionen Dosen des gleichen britischen Impfstoffs bestellt. Vier Länder einer europäischen Impfallianz, darunter auch Deutschland, haben sich bis zu 400 Millionen Dosen gesichert.

Was aber, wenn die Impfstoffe sich als nicht wirksam erweisen? Selbst dann, sagt Infektiologin Sue Ann Clemens, seien die Deals eine Bereicherung. Die neu implementierte Technologie könnte helfen, auf künftige ähnliche Viren schneller zu reagieren, und mögliche Impfstoffe schneller herstellen zu können.

Wem nützt der Impfdeal?

Wie passt das zusammen mit einem Präsidenten, der alle Bemühungen, das Ausbruchsgeschehen zu kontrollieren, torpedierte? Beobachter sagen, dass Bolsonaro durchaus einer Strategie folge. Er wolle die coronabedingte Wirtschaftskrise den Bürgermeistern und Gouverneuren anlasten, die sich für Kontaktbeschränkungen ausgesprochen hatten. Deshalb verharmlost er das Virus, fordere die Brasilaner auf, zu konsumieren und zu arbeiten.

"Bolsonaro hat einen klaren Plan, wie er es trotz Wirtschaftskrise schaffen kann, 2022 wiedergewählt zu werden", sagt Politikwissenschaftler Oliver Stuenkel von der Stiftung Getulio Vargas. "Er möchte ein Präsident der guten Nachrichten sein. Er möchte für die Impfstoffe verantwortlich sein und nicht für die Wirtschaftskrise." Der Impfdeal zeige jedenfalls, dass zumindest ein Teil der Regierung strategisch wichtige Entscheidungen treffen kann.

Testperson Denise Abranches lässt ihre Meinung zum Krisenmanagement der Regierung nur vorsichtig anklingen. Als Ärztin wolle sie Kranken helfen - oder lieber noch gleich verhindern, dass Menschen überhaupt krank werden. Deshalb hoffe sie auf den Impfstoff. Denn der soll am Ende der Bevölkerung nützen und nicht der Politik.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 25. Juli 2020 um 06:21 Uhr.

Korrespondentin

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Marie-Kristin Boese, SWR

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