Einkaufsstraße Aleksanterinkatu in Helsinki | imago images / Frank Sorge

Grundeinkommen-Experiment Finnen ziehen ernüchtert Bilanz

Stand: 07.05.2020 10:40 Uhr

Mehr Sicherheit, weniger Depressionen: Das finnische Grundeinkommen-Experiment hat den Teilnehmern gut getan. Der erhoffte Effekt für den Arbeitsmarkt lasse sich aber nicht nachweisen, so die Bilanz.

Von Carsten Schmiester, ARD-Studio Stockholm

Fangen wir mal positiv an: Es gibt Leute wie Sina Marttinen, die am Versuch teilgenommen und sich in der Zeit mit einem Café selbstständig gemacht hat. "Alles in allem war es eine gute Erfahrung", sagt sie. Vor allem während der Selbstständigkeit sei sie zum Schluss gekommen, dass das Grundeinkommen eine "tolle Option" sei. "Der Aufbau eines Unternehmens dauert ja lange und die wirtschaftliche Situation ist unsicher."

Carsten Schmiester ARD-Studio Stockholm

Das Experiment sollte zeigen, ob ein Grundeinkommen helfen würde, die großen Verdienstunterschiede in der Bevölkerung zu verkleinern, das komplizierte finnische Sozialsystem zu verschlanken und die Menschen zu motivieren, sich erst einmal auch schlechter bezahlte oder Teilzeitarbeit zu suchen - am besten gleich ein kleines Unternehmen selbst zu gründen.

560 Euro monatlich - und keine Bedingungen

2000 per Zufall ausgewählte Arbeitslose im Alter zwischen 25 und 58 Jahren hatten deshalb bis Ende 2018 kein Arbeitslosengeld mehr bekommen, sondern 560 Euro Grundeinkommen monatlich - keine Steuern, keine Fragen, keine Bedingungen. Jeder konnte und musste auch ohne Abzüge dazuverdienen.

Sina Marttinen

Sina Marttinen sagt, sie habe vom Grundeinkommen profitiert.

Bei Sina Marttinen hat es funktioniert, aber bei den meisten anderen eben nicht. Das ist das Ergebnis der Projektauswertung. Ja, es gab 2000 Mal mehr Sicherheit, weniger Sozialbürokratie, damit weniger Stress und eine bessere Gesundheit. Und ja, nach dem Experiment gab es auch weniger Arbeitslose. Aber das könnte auch andere Ursachen haben, sagte Minna Ylikännö, die Forschungschefin der Sozialbehörde Kela: "Im Januar 2018 wurde ein Aktivierungsmodell als Teil des Arbeitslosensystems eingeführt, das vor allem diejenigen betraf, die kein Grundeinkommen bezogen. Das macht die Beurteilung des Beschäftigungseffektes schwierig", sagt sie. "Wir können lediglich sagen, dass die beobachteten Effekte sowohl auf das Grundeinkommen als auch das Aktivierungsmodell zurückzuführen sind. Aber in welchem Maße und wie, das wissen wir nicht."

Wohl kein Grundeinkommen, nur Vereinfachungen

Eine der entscheidenden Fragen ist damit unbeantwortet. Und nun zeichnet sich ab, dass genau das passiert, was Skeptiker schon nach der Präsentation einer vorläufigen Bilanz vermutet hatten: Dass Finnland eher kein Grundeinkommen einführt, sondern das System der sozialen Sicherung nur vereinfacht, also mehr mit Pauschalbeträgen für einzelne Empfängergruppen arbeitet statt wie bisher jeden Fall individuell nach einem langen Kriterienkatalog buchstäblich "abzuarbeiten". Und dass es finanzielle Sonderleistungen nur für Leute gibt, die auch aus eigenem Antrieb etwas für die Gemeinschaft tun.

Entschieden werden soll das alles aber erst nach eingehender politischer Debatte, frühestens in acht Jahren, so Minna Ylikännö. Keine gute Nachricht für Aila Jeskanen, eine schwer kranke Frau, die auch zwei Jahre lang dieses Grundeinkommen bekommen hat, aber am Ende des Experiments noch immer ohne Job dastand: "Mein Leben ist seither schlechter geworden. Ich werde wieder wie Abschaum behandelt. Und um alles muss man betteln, alles verzögert sich, jetzt muss man wieder ewig auf sein Geld warten."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. Mai 2020 um 20:00 Uhr.