Amateuraufnahme zeigt deutsche Soldaten in Distomo im Jahr 1944 | Bildquelle: dpa

Griechische Reparationsforderungen "Es verjährt nichts"

Stand: 17.04.2019 13:38 Uhr

Das griechische Parlament diskutiert heute erneut über Reparationsforderungen an Deutschland. Die Bundesregierung sieht das Thema als erledigt an, doch ein Bremer Historiker liefert neuen Zündstoff.

Von Michael Lehmann, ARD-Studio Athen

Etwa 330.000 Griechen starben durch den Beutezug der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Sie wurden von Wehrmachtssoldaten ermordet oder verhungerten, weil sie Lebensmittel abgeben mussten und manchmal auch die ganze Ernte auf den Feldern an die Besatzer verloren hatten.

"Griechenland wurde systematisch ausgeraubt"

Der Historiker Karl Heinz Roth hat zusammen mit anderen Forschern jahrelang untersucht, welche Schäden während der deutschen Nazi-Herrschaft in Griechenland entstanden sind:

"Als Griechenland besetzt wurde, wurde es systematisch ausgeraubt. Erst die Tabakernte vieler Jahre, dann wurden die Rohstoffreserven erbeutet, vor allem Chromerze. Die Deutschen haben die gesamte griechische Handelsflotte konfisziert. Sie haben sie bis zu ihrem Rückzug zu Dreiviertel vernichtet. Und bei ihrem Rückzug haben sie die griechische Infrastruktur zum größten Teil vernichtet."

Es gab Widerstand gegen diesen langjährigen Beutezug der deutschen Wehrmacht, doch deutsche Soldaten reagierten auf diesen Widerstand mit großer Brutalität:

"Es kam zu einer Eskalation, weil die Deutschen glaubten, wegen der Schwäche ihrer Truppen den entstehenden Widerstand physisch ausrotten zu können. Es kam zu schrecklichen Geiselnahmen und Geiselerschießungen. 50 bis 100 Griechen wurden für einen verwundeten deutschen Soldaten ums Leben gebracht. Es gab dann auch nach 1943 Massaker in den Dörfern. Es ist eine unglaubliche Dimension der Gewalt, die kann man nicht ungeschehen machen".

Der Historiker Karl Heinz Roth bei einer Lesung in Athen. | Bildquelle: ARD/ Michael Lehmann
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Der Bremer Historiker Roth hat zusammen mit anderen Forschern ein mehr als 600 Seiten starkes Buch zur deutschen Besatzung Griechenlands veröffentlicht.

Wichtige Quelle für Diskussionen

Das, was Roth und sein Forscherteam an der Bremer Stiftung für Sozialgeschichte unter dem deutschen Titel "Reparationsschuld" in einem mehr als 600 Seiten starken Buch veröffentlicht haben, ist 2019 auch als griechische Ausgabe erschienen.

Im griechischen Parlament wird über das Thema in dieser Woche und sicherlich auch während des Wahlkampfs zur Parlamentsneuwahl im Herbst immer wieder diskutiert. Die Daten des deutschen Historiker-Teams um Roth seien dabei eine wichtige Quelle, sagt der Athener Auslandkorrespondent John Psarapoulos: "Das ist das erste Buch nach langer Zeit zu diesem Thema - und es ist das einzige Buch, das das Thema seit vielen Jahren auch aus deutscher Perspektive behandelt", sagt Psarapoulos.

Es werde auf großes Interesse stoßen und sei "eine wertvolle Ergänzung zu den Fakten, von denen wir glauben, dass wir sie kennen", glaubt er. Die Krise in Griechenland habe vielen Menschen die Bedeutung der Reparationen wieder klar gemacht. "Und um die Beziehungen unserer Länder weiter zu verbessern, muss es jetzt auf irgendeine Weise auch angegangen werden. Und das ist es, was der Buchautor, Herr Roth, auch meint."

Kein Thema für Bundesregierung

Aus Sicht der deutschen Bundesregierung ist das Kapitel juristisch abgeschlossen. "Ich wüsste nicht, wie ich deutschen Jugendlichen jetzt erklären soll, dass 70 Jahre danach wir Europa nach vorne bauen - und dass das aber damit beginnt, dass man Reparationen zahlt für das, was Groß-Groß-Großväter gemacht haben", sagt Jens Plötner, der deutsche Botschafter in Athen, der ARD. "Für die juristische Seite ist unsere Position klar. Anders als für die griechische Regierung".

Deutschland, sagt Plötner, müsse allerdings immer wieder eingestehen, dass schweres Unrecht während der NS-Besatzungszeit geschehen ist, und Deutsche müssten dafür sorgen, dass diese Verbrechen nicht in Vergessenheit geraten. Der deutsche Botschafter besucht aus diesem Grund regelmäßig auch Orte in Griechenland, an denen Massaker während des deutschen Nationalsozialismus geschehen sind.

Die Gedenkstätte für Opfer der Nazi-Verbrechen im griechischen Kalavryta
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Die Gedenkstätte für Opfer der Nazi-Verbrechen im griechischen Kalavryta. Die Bundesregierung hält die Reparationsfrage für geklärt.

Gute Chancen vor Gericht?

Das sei zu wenig, sagt Eberhard Rondholz, der als Publizist seit mehreren Jahrzehnten immer wieder in Griechenland arbeitet. "Wenn andere Länder sich beteiligen an diesen Forderungen, wie Polen es jetzt offenbar tun will, dann wird man nicht mehr einfach sagen können, es ist alles erledigt." Dies stimme auch juristisch nicht.

"Es verjährt nichts. Wenn die Forderungen vor ein internationales Gericht kommen, dann gibt es auch das Prinzip der Staatenimmunität nicht mehr, das bisher gewirkt hat. Dann wird es für die Bundesrepublik nicht mehr ganz so einfach sein zu sagen, es ist alles erledigt".

190 Milliarden materielle Kriegsschuld

Im beginnenden Europawahlkampf dürften die von der griechischen Regierung weiterhin geforderten Reparationszahlungen Deutschlands keine allzu große Rolle spielen. Anders könnte es dann im Spätsommer vor der Neuwahl des griechischen Parlaments sein.

Dass Griechenland ernsthafte Chancen hat, eine hohe dreistellige Milliardensumme an Entschädigungszahlungen für die deutschen Wehrmachtsverbrechen zu bekommen, das glaubt auch Roth nicht, obwohl er selbst mit seinem Forscherteam den Betrag von 190 Milliarden Euro als materielle Kriegsschuld errechnet hat.

Das Thema werde in diesem Jahr aber sehr wichtig werden, für Athen und auch für Berlin, sagt Roth. Ein Ausschuss des griechischen Parlaments habe vom Buch des deutschen Forschers 1000 Exemplare bestellt. "Ich hoffe, dass es uns gelingt, einen bescheidenen, kleinen Beitrag für eine Lösung im Streit um die Reparationsfrage zu leisten. Dass jetzt endlich auf einer wirklich substantiellen politischen Ebene gehandelt wird."

Deutsche Reparationszahlungen für Griechenland bleiben ein Streitpunkt
Michael Lehmann, ARD Istanbul
17.04.2019 13:29 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. April 2019 um 12:00 Uhr.

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