Boris Johnson | REUTERS

Nach Rücktritt Hancocks Kritik an Regierung Johnson wächst

Stand: 27.06.2021 18:07 Uhr

Im Zuge des Rücktritts des britischen Gesundheitsministers Hancock wächst auch die Kritik an Premier Johnson. Nicht nur die Opposition wirft der Regierung inzwischen einen "Charakter des Versagens" und "Vetternwirtschaft" vor.

Nach dem Rücktritt des britischen Gesundheitsministers Matt Hancock, der über eine Affäre mit einer engen Mitarbeiterin gestolpert war, wächst die Kritik an Premierminister Boris Johnson und seiner Regierung. Die Opposition, aber auch Stimmen aus den eigenen Reihen werfen ihm vor, viel zu lange an Hancock festgehalten zu haben, der schon seit einigen Monaten in der Kritik steht.

"Der Fisch stinkt vom Kopf"

Wer die Corona-Regeln aufstelle, müsse sich erst recht daran halten, sagte der konservative Politiker in einem Video von Samstag, in dem er seinen Rücktritt bekanntgab und sich bei seiner Familie entschuldigte. Am Tag zuvor, hatte der 42-Jährige zugegeben, Abstandsregeln verletzt zu haben - einen Rücktritt lehnte er aber zunächst ab.

Boris Johnson, der Hancock zunächst noch den Rücken stärkte, war von vielen Seiten mit Appellen konfrontiert worden, seinen Gesundheitsminister zu feuern: Dieser sei "hoffnungslos unvertretbar". Von "massivem Führungsversagen" sprach der Fraktionschef der schottischen Partei SNP, Ian Blackford. "Der Fisch stinkt vom Kopf." Lucy Powell von der Labour-Partei sagte dem Sender Sky News, Johnson habe "einen sehr gefährlichen blinden Fleck" bei Fragen der Integrität und des Verhaltens im öffentlichen Leben. Auch einige Abgeordnete der regierenden Konservativen schlossen sich den Rufen an.

Tatsächlich hatte Johnson die Affäre um den fremd knutschenden Gesundheitsminister schnell ad acta gelegt. Der Fall sei erledigt, ließ der Premier nach der ersten Entschuldigung seines Vertrauten mitteilen. Als der Rücktritt nicht mehr abzuwenden war, weil auch immer mehr Abgeordnete von Johnsons Konservativer Partei Hancocks Ende forderten, lobte der Premier seinen Kompagnon ausdrücklich: "Du kannst das Amt mit Stolz auf das Erreichte verlassen", gab er dem 42-Jährigen auf den Weg.

Vor Beginn der Affäre oder danach?

Die Zeitung "The Sun" hatte am Freitag Bilder veröffentlicht, die zeigen, wie der verheiratete Minister seine Beraterin Gina Coladangelo küsst. Zum Zeitpunkt der Aufnahmen galten strenge Abstandsregeln zu Mitgliedern fremder Haushalte, die Hancock selbst aufgestellt hatte. Coladangelo ist eine Freundin Hancocks aus deren gemeinsamen Zeit an der Oxford-Universität. Im vergangenen Jahr bekam sie einen Posten in seinem Ministerium.

Daraus ergibt sich eine brisante Frage, wegen der die Opposition mit Nachdruck eine Untersuchung fordert. So müsse geklärt werden, ob Hancock mit der Einstellung der 43-Jährigen die Vorschriften verletzt habe - waren die beiden schon ein Paar, als sie den mit 15.000 Pfund (rund 17.500 Euro) Jahresgehalt aus der Staatskasse dotierten Beratervertrag unterschrieb, oder kamen sie sich erst danach näher?

Seit Monaten in der Kritik

Hancock gilt als Gesicht der britischen Regierung in der Pandemie und diente bisweilen auch als Blitzableiter. Immer wieder stellte er sich der Presse, wimmelte kritische Themen ab und richtete demonstrativ den Blick nach vorne, lobte den Erfolg der Impfkampagne und den Einsatz des Pflegepersonals - auch in seinem Rücktrittsschreiben. Seit Monaten musste er sich aber immer neuer Vorwürfe erwehren.

So hatte etwa ein Freund einen millionenschweren Auftrag zur Lieferung von Corona-Schutzausrüstung erhalten, obwohl er keine Erfahrung in diesem Gebiet hat. Dann wieder versenkte er Milliarden Pfund in ein untaugliches Corona-Testprogramm. Johnsons Ex-Berater Dominic Cummings behauptete, Hancock habe während der Pandemie etliche Male gelogen, der Premier habe ihn in einer Kurznachricht als "völlig hoffnungslos" kritisiert. "Das Vermächtnis von Matt Hancock als Gesundheitsminister ist eines von Vetternwirtschaft und Versagen", twitterte der Chef der Liberaldemokraten, Edward Davey.

Doch das alles überstand Hancock, teils mit Glück - bis jetzt. Ohne den Erfolg des Impfprogramms wäre er längst abgesägt worden, kommentierte der "Sunday Telegraph". Dass er strenge Corona-Regeln predigte und betonte, er werde nicht einmal seine Eltern umarmen, aber nun beim innigen Kuss mit seiner Mitarbeiterin erwischt wurde - das war aber letztlich auch seiner Konservativen Partei zu viel.

Nun musste Hancock seinen Rücktritt einreichen. "Das letzte, das ich will, ist, dass mein Privatleben die Aufmerksamkeit von der zielstrebigen Konzentration ablenkt, die uns aus dieser Krise herausführt", schrieb er in seinem Rücktrittsgesuch. Er entschuldigte sich zudem erneut für den Regelbruch und auch bei seiner Familie. Er wolle nun bei seinen drei Kindern sein.

Eindruck der Vetternwirtschaft bleibt

Den Eindruck der Vetternwirtschaft wird Johnsons Regierung aber vermutlich so schnell nicht abschütteln. "Dies ist eine Regierung von Leuten, die Politik weniger als Chance sehen, ihrem Land zu dienen, sondern mehr als ein Spiel, bei dem sie ohne Rücksicht auf die Folgen mitspielen dürfen", kommentierte "The Observer". "Hancocks Position war unhaltbar. Aber sein Rücktritt wird nichts am grundlegenden Charakter unserer Regierung ändern, solange Boris Johnson Premierminister bleibt."

Zum Nachfolger ernannte Johnson Allzweckwaffe Sajid Javid, der schon mehrere Kabinettsposten inne hatte - und im Februar 2020 im Streit mit dem Premier als Finanzminister zurückgetreten war. Auch Hancocks Geliebte, die ebenfalls drei Kinder hat, räumte ihren Posten.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 27. Juni 2021 um 16:09 Uhr.