Mexiko Willkommenskultur Flüchtlinge | Bildquelle: dpa

Flüchtlingszahlen des UNHCR Erstmals mehr als 70 Millionen auf der Flucht

Stand: 19.06.2019 07:00 Uhr

Laut UNHCR steigt die Zahl der Flüchtlinge weltweit von Jahr zu Jahr, aktuell auf 70,8 Millionen. Experten empfehlen, sich die Statistik genau anzuschauen. Dann werde auch klar, wie das Problem lösbar sei.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

70,8 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. 2,3 Millionen mehr als noch im Jahr zuvor. Es sind ernüchternde Zahlen, die das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) heute bekannt gegeben hat. So viele Flüchtlinge wie zum Stichtag Ende 2018 wurden vom UNHCR seit seiner Gründung noch nie gezählt.

Die größte Gruppe sind nach wie vor Syrer: Ende 2018 waren 6.700.000 von ihnen von Flucht und Vertreibung betroffen. Gefolgt von Afghanen (2.700.000) und Südsudanesen (2.300.000). Bei diesen Zahlen rechnet UNHCR nicht nur Flüchtlinge, die in ein anderes Land geflohen sind mit ein, sondern auch Binnenvertriebene im eigenen Land und Asylbewerber.

Weltweit mehr als 70 Millionen Flüchtlinge
tagesschau 20:00 Uhr, 19.06.2019, Robert Holm, RBB

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Krieg, Klimafolgen, Armut und Epidemien

Die Gründe für Flucht und Vertreibung seien vielfältig, sagt der UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi: "Abgesehen von Konflikten gibt es andere globale Phänomene, wie klimatische Notfälle, Ungleichheiten und Armut, selbst Epidemien." Das seien globale Phänomene, auf die man globale Antworten finden müsse, appelliert er im Gespräch mit dem ARD-Studio Genf. "Stattdessen beobachten wir, dass hier in Europa jedes Land seine eigenen Antworten gibt. Die Welt kann so nicht länger vorgehen."

Für Gerald Knaus vom Think Tank "Europäische Stabilitätsinitiative" (ESI) ist der Eindruck einer historischen Ausnahmesituation, den die Statistik des UNHCR erweckt, aber irreführend. Zum einen, weil Menschen in die Statistik aufgenommen werden, die schon vor Jahrzehnten geflohen sind. Beispielsweise 5,5 Millionen Palästinenser, bei denen es sich laut Knaus größtenteils um die Nachfahren derjenigen handelt, die 1946 bis 1948 im Palästinakrieg geflohen sind. Die meisten von ihnen leben heute in Jordanien, aber auch in Gaza oder dem Westjordanland. "Das ist ein ungelöstes politisches Problem, aber keine aktuelle Flüchtlingskrise," sagt Knaus im Gespräch mit tagesschau.de.

Deutschland nimmt mehr Flüchtlinge auf, als es scheint

Auch beim Blick auf die größten Aufnahmeländer von Flüchtlingen ergibt sich seiner Ansicht nach ein verzerrtes Bild: Hier erscheint Pakistan auf Platz zwei mit 1.400.000 aufgenommenen Flüchtlingen, Deutschland auf Platz fünf (1.064.000) und Iran auf Platz sechs (980.000). Doch UNHCR übernehme hier einfach die Zahlen, die die einzelnen Länder zulieferten. Im Falle von Pakistan und Iran handelt es sich laut Knaus bei den aufgenommenen Flüchtlingen größtenteils um die Nachfahren der Afghanen, die während der sowjetischen Intervention 1979 bis 1989 geflohen seien. Die hätten aber in ihren Aufnahmeländern längst ein neues Leben angefangen und es sei kaum zu erwarten, dass sie wieder zurückkehren.

Deutschland erscheint in dieser Statistik auf Platz fünf, weil hier UNHCR laut Knaus nur diejenigen zählt, die in den vergangenen zehn Jahren Asyl oder subsidiären Schutz bekommen hätten. Würden in Deutschland die Zahlen genauso erhoben wie in Pakistan oder Iran, würde es in der Tabelle deutlich weiter oben auftauchen.

Knaus: "Es braucht eine andere Statistik"

Knaus will die Situation der Flüchtlinge aber nicht kleinreden. Im Gegenteil: "Die hohe Zahl von Flüchtlingen und auch Binnenvertriebenen in Ländern wie Syrien ist eine humanitäre Katastrophe." Dennoch plädiert er für eine nüchternere Statistik, die nur die Menschen in den Fokus rückt, die akut in Not sind - etwa, weil sie in Nachbarländer geflohen sind, wo sie unter prekärsten Umständen leben. Beispielsweise in den Libanon, in dem jeder sechste Einwohner ein Flüchtling ist. Die Türkei ist zwar kein armes Land, hat aber weltweit die meisten Flüchtlinge aufgenommen (3.700.000) und hatte im Jahr 2018 auch die meisten Neuzugänge (+ 200.000). Hier weiter zu helfen ist laut Knaus auch im Interesse der EU.

Blickt man auf die Zahl derjenigen Flüchtlinge, denen akut geholfen werden muss, zeigt sich laut Knaus: "Die Welt ist nicht aus den Fugen. Jedem dieser Flüchtlinge ein Leben in Würde zu ermöglichen, wäre ein lösbares Problem." Es werde auch nicht alles immer schlimmer. Gemessen an der Weltbevölkerung seien die Flüchtlingzahlen prozentual heute geringer als 1993. Doch es gebe heute viel mehr reiche Länder in der Welt als damals. "Die Weltgemeinschaft könnte das gemeinsam schaffen."

Deutschland als Vorbild

Und die Rolle Deutschlands kann man dabei auch als Erfolgsgeschichte sehen. Zwar ging die Zahl der Asylanträge deutlich zurück (2018: 161.900), wie UNHCR betont. Blickt man aber auf die Statistik der Aufnahmeländer, ist Deutschland die einzige Industrienation weltweit, die unter den Top Ten ist. Auch bei der finanziellen Unterstützung für das World Food Programm (WFP) zeigt sich ähnliches: Hier ist Deutschland mit 849 Millionen US-Dollar im Jahr 2018 zweitgrößter Geldgeber. Auf Platz eins liegt die EU-Kommission, wobei hier wiederum deutsche Gelder einfließen.

"Wenn andere Industrieländer genauso agieren würden wie Deutschland, dann könnte allen Flüchtlingen in akuter Not geholfen werden", sagt Knaus. Die Bundesregierung könne ihr politisches Gewicht nutzen, auch Länder, die bislang kaum einen Beitrag leisten, davon zu überzeugen, diese globale Herausforderung zu meistern.

Flüchtlingszahlen des UNHCR: Weltweit mehr als 70 Millionen Vertriebene
Dietrich Karl Mäurer, ARD Zürich
19.06.2019 11:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. Juni 2019 um 02:11 Uhr.

Autorin

Sandra Stalinski  Logo tagesschau.de

Sandra Stalinski, tagesschau.de

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