Manfred Weber | Bildquelle: picture alliance / dpa

Manfred Weber Der "Anti-Söder"

Stand: 05.09.2018 02:43 Uhr

Für einen CSU-Politiker gilt Weber als liberal, ihm liegt ein starkes Europa am Herzen. Holger Romann über einen Mann, der der Öffentlichkeit lange kaum bekannt war - aber in Brüssel bestens vernetzt ist.

Von Holger Romann, ARD-Studio Brüssel

"Manfred wer?" Die Frage hört man immer noch häufig, wenn der Name des noch relativ jungen CSU-Vize aus dem Landkreis Landshut fällt. Ein Los, das der bescheiden auftretende Niederbayer mit einigen seiner Brüsseler Kollegen teilt. Anders als bei seinem 2017 bei den Bundestagswahlen grandios gescheiterten Ex-Rivalen Martin Schulz von der SPD ist sein Bekanntheitsgrad noch ausbaufähig.

"Für mich als Fraktionschef der EVP steht diese Rolle im Mittelpunkt", sagte er selbst. "Ich bin mit 98 Prozent wiedergewählt worden als Fraktionsvorsitzender. Das ist mein Platz, das ist meine Aufgabe."

Öffentlich hielt sich Manfred Weber in Sachen Karriereplanung lange bedeckt. Doch dass der 46-Jährige noch Ambitionen hat, war schon länger ein offenes Geheimnis. Schließlich füllte er seine Rolle als Chef der Mehrheitsfraktion im EU-Parlament mehr als vier Jahre lang ziemlich erfolgreich aus.

Image der EU verbessern

Kaum ein Deutscher in Brüssel verfügt über so viel Einfluss, ist international wie bundespolitisch so gut vernetzt. Und kaum einer nimmt so oft auch außerhalb des Plenums zu relevanten Themen Stellung. Gelegenheit dazu gab es zuletzt reichlich, etwa in der Flüchtlingsdebatte oder im Handelsstreit zwischen EU und USA. "Wir stehen für freien Welthandel. Wenn Präsident Trump neue Mauern aufbaut, dann muss Europa im Gegensatz dazu neue Brücken aufbauen", sagte er.

Ein starkes, selbstbewusstes Europa, das seine Bürger schützt und sich in einer veränderten Welt behauptet - das ist ein Leitmotiv des CSU-Mannes. Die wirtschaftspolitischen Ideen des französischen Präsidenten und Reformers Emmanuel Macron sieht Weber teilweise kritisch.

Das ramponierte Image der EU gerade bei jungen Leuten zu verbessern, hält er dagegen für ein wichtiges Ziel, auch mit Blick auf die Europawahlen im kommenden Mai. So setzte sich der Christsoziale für das kostenlose Interrail-Programm "DiscoverEU" ein, das diesen Sommer offiziell gestartet ist.

Sebastian Kurz und Manfred Weber | Bildquelle: dpa
galerie

Auch Österreichs Kanzler Kurz soll sich für Weber ausgesprochen haben.

Weber kann auch Bierzelt-Ton

Rituelles EU-Bashing, wie es der Mainstream der CSU und auch Bayerns neuer Landesvater ab und an betreiben, hält der "Anti-Söder" Weber für die falsche Strategie. Die aktuellen Umfragewerte seiner Partei scheinen ihm Recht zu geben. Überhaupt gehört Poltern und Auf-den-Putz-Hauen nicht zu seinen Lieblingsdisziplinen. Wenn es unbedingt sein muss, beherrscht er aber auch den Bierzelt-Ton und weiß die eigene Position ins rechte Licht zu rücken.

"Der Premierminister Luxemburgs, Bettel, hat gesagt, eine bayerische Partei würde die Agenda bestimmen und ihn würde das ärgern", berichtete er einmal. Und stellte klar: "Ich kann da als CSU-Vertreter sagen, ich bin stolz darauf, dass wir als bayerische Partei Themen in Brüssel auf die Agenda setzen und auch unsere Anliegen mit durchsetzen."

Dass der besonnene Europäer Weber den ungarischen Nationalisten Viktor Orban trotz dessen inzwischen offen EU-feindlichen Kurses noch immer nicht aus der Parteienfamilie EVP hinauskomplimentiert hat, sorgt bei Gegnern wie Freunden jedoch für wachsende Kritik. Er selbst betont, hinter verschlossenen Türen sage man sich durchaus die Meinung. "Trotzdem sage ich: partnerschaftlich miteinander. Wenn Viktor Orban zustimmt, wenn Sebastian Kurz zustimmt, wenn wir in Europa einen Konsens von 28 Staaten hinkriegen, dann ist das eine gute Grundlage, auf der wir auch in Deutschland Lösungen finden."

Entscheidung im November

Denkt man an bevorstehende Machtproben, ergibt die auffällige Zurückhaltung Sinn: Spätestens beim großen EVP-Kongress in Helsinki am 7. November entscheidet sich nämlich, ob Weber bei der nächsten EU-Wahl als Spitzenkandidat für Europas Konservative und damit als Bewerber um die Nachfolge von Kommissionschef Juncker ins Rennen geht. Um sich hier als erster Deutscher seit Walter Hallstein, Ende der 50er Jahre, durchzusetzen, braucht Weber jede Stimme.

Die Unterstützung der Kanzlerin und auch die von mehreren anderen europäischen Regierungschefs scheinen dem stillen Strategen aus Bayern bereits sicher. Wahr ist aber auch: Die Konkurrenz ist groß und die Hindernisse auf dem Weg zum einflussreichen Brüsseler Spitzenjob noch zahlreich.

Juncker-Nachfolge: Ein Niederbayer greift nach den EU-Sternen
Holger Romann, ARD Brüssel
05.09.2018 00:22 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 05. September 2018 um 06:08 Uhr und 09:38 Uhr.

Darstellung: