Eine Spielplatz-Schaukel vor zerstörten Wohngebäuden in der ukrainischen Stadt Borodjanka. | AFP
Interview

Vergewaltigungen in der Ukraine "Es ist eine Kriegswaffe"

Stand: 24.02.2023 09:20 Uhr

Nach Aussage vieler ukrainischer Opfer organisierten russische Kommandanten Vergewaltigungen durch ihre Soldaten, sagt die Forscherin zu sexueller Gewalt im Krieg, Marta Havryshko. Sie seien eine Waffe wie Bomben und Raketen.

tagesschau.de: Frau Havryshko, es heißt, sexuelle Übergriffe durch russische Soldaten auf Ukrainerinnen und Ukrainer würden von der Militärführung teilweise angeordnet. Stimmt das?

Marta Havryshko: Nach Aussage vieler Opfer waren die russischen Kommandanten die Organisatoren der sexuellen Gewalt. In anderen Fällen, zum Beispiel in Irpin, haben sie diese Gewalt nicht verhindert. Sie wussten also ganz genau, was ihre Soldaten taten, und sie taten nichts, um diese Gewalt zu stoppen.

Es gibt auch Fälle, in denen Kommandeure, die von Vergewaltigungen, insbesondere von Kindern, wussten, keine geeigneten Maßnahmen zur Bestrafung der Täter ergriffen. Das Fehlen einer angemessenen Bestrafung kann für viele Soldaten ein Faktor sein, der sie dazu ermutigt, diese Gewalttaten zu begehen. Wir können also sagen, dass sexuelle Gewalt für sie eine der Kriegswaffen ist, neben Bomben und Raketen.

Marta Havryshko | S.Petersohn
Zur Person

Marta Havryshko ist Historikerin und forscht unter anderem zu sexualisierter Gewalt und Krieg, auch in der Ukraine. Nach ihrer Flucht aus Lwiw begann sie, an der Universität Basel zu arbeiten.

"Russische Propaganda leugnet Gewalt"

tagesschau.de: Es gibt kaum Beweise für solche Verbrechen. Die russische Regierung und Teile der russischen Bevölkerung streiten solche Taten vehement ab.

Havryshko: Es ist sehr wichtig, darüber zu sprechen, wie die russische Propaganda die Fakten über sexuelle Gewalt verzerrt, wie sie deren Existenz leugnet und wie sie diese Gewalt schürt. Die russische Oppositionszeitschrift "Medusa" hat eine Reihe von Artikeln über sexuelle Gewalt durch das russische Militär veröffentlicht.

Die russische Gesellschaft, die normalen Bürger in Russland, haben durchaus die Möglichkeit, herauszufinden, was ihr Militär tut. Sie haben Zugang zu VPNs, sie können UN-Berichte lesen. Sie können die Berichte von internationalen Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch lesen.

Terrorisierung und Bestrafung

tagesschau.de: Welches Ziel hat sexuelle Gewalt grundsätzlich im Krieg?

Havryshko: In Kriegen und bei Völkermorden spielt sexuelle Gewalt die Rolle des Terrors, die Rolle der Bestrafung. Eine Bevölkerung, die terrorisiert wird, die Angst hat, dieser Gewalt ausgesetzt zu werden, wird weniger bereit sein, Widerstand zu leisten.

Wir haben aktuell in der Region Cherson Fälle gesehen, in denen russische Soldaten in die Häuser von Ehefrauen, Töchtern oder Schwestern von ukrainischen Soldaten an der Front eingedrungen sind und sie absichtlich vergewaltigt haben. Sie haben sie absichtlich ausgewählt, um ihre Feinde zu demütigen. Durch sexuelle Gewalt sendeten sie eine Botschaft an ihre ukrainischen Gegner: Ihr seid keine echten Männer, weil ihr eure Frauen und Kinder nicht schützen könnt.

"Eine Frage der Militärkultur"

tagesschau.de: Gibt es Kriege, in denen es keine Fälle von sexueller Gewalt gibt?

Havryshko: Sexuelle Gewalt kommt in den meisten bewaffneten Konflikten vor. Aber nicht in allen davon ist sie so weit verbreitet. Und das zeigt, dass sexuelle Gewalt nicht unvermeidbar ist.

Sie kann verhindert werden, es können Präventionsmechanismen entwickelt werden. Das ist eine Frage der militärischen Disziplin, eine Frage der militärischen Ethik - eine Frage der Militärkultur.

tagesschau.de: Es gibt einige Fälle von sexueller Gewalt durch ukrainische Soldaten, was wissen Sie darüber?

Havryshko: Das größte Problem diesbezüglich ist sexuelle Gewalt innerhalb der ukrainischen Armee.

Es handelt sich dabei um ein Problem der sexuellen Belästigung, das von der Führung der ukrainischen Streitkräfte und dem Verteidigungsministerium der Ukraine derzeit nicht ausreichend angegangen wird. Und in vielen Fällen wissen wir, dass die Befehlshaber entweder selbst Täter oder an der Verschleierung des Verbrechens beteiligt sind.

Folgen für die Opfer

tagesschau.de: Was sind die Folgen für die Opfer von sexueller Gewalt?

Havryshko: Die psychischen Folgen sind vor allem posttraumatische Belastungsstörungen. Das heißt, Albträume, Flashbacks, ständiges Wiedererleben traumatischer Erfahrungen, die zu sozialer Isolation, Selbstmordgedanken und Selbstmordversuchen führen.

Die physischen Folgen sind Verletzungen, Geschlechtskrankheiten und Schwangerschaften - auch bei minderjährigen Mädchen. Die Opfer und ihre Angehörigen stehen bei Schwangerschaften vor einer sehr dramatischen Entscheidung: das Kind zu behalten, das das Produkt einer Vergewaltigung ist und eine lebendige Erinnerung an das Drama, das sich während des Krieges und des Traumas entwickelt hat, sein kann, oder das Leben des ungeborenen Kindes zu nehmen.

Instrumentalisierung von Vergewaltigungen durch Ukraine

tagesschau.de: Uns wurde berichtet, dass Ermittler die Opfer oft sehr unempathisch befragen, ihnen weder medizinische noch psychologische Hilfe anbieten. Deckt sich das mit Ihren Beobachtungen?

Havryshko: Ja, leider sind solche Fälle nicht ungewöhnlich. Wir sehen, wie stattdessen Fälle von sexueller Gewalt für politische Zwecke instrumentalisiert werden, vor allem, wenn diese sexuelle Gewalt an Kindern verübt wird. Wenn man ein Feindbild des Besatzers als das Böse schlechthin aufbauen will, dann tragen Fälle von sexueller Gewalt in der Tat sehr gut dazu bei.

Aber diese Instrumentalisierung ist sehr schädlich für die Opfer. Oft sammeln die Ermittler dafür Beweise - aber wir müssen mehr über die Notwendigkeit sprechen, den Opfern zu helfen, denn nur dann werden sie in der Lage sein, zu sprechen.

Ahndung erfordert politischen Willen

tagesschau.de: Wie kann sexuelle Gewalt zukünftig besser bestraft werden?

Havryshko: Es ist sehr wichtig, dass alle Länder, die Kriegsverbrechen untersuchen und die Täter vor Gericht bringen wollen, sich jetzt zusammenschließen. Das Prinzip der universellen Gerichtsbarkeit bedeutet, dass jeder russische Kriegsverbrecher, der ein Land wie Deutschland, die Schweiz oder Frankreich besucht, verhaftet und dort verurteilt werden kann.

Aber das erfordert politischen Willen. Ohne eine angemessene Bestrafung der Organisatoren und Täter von sexueller Gewalt werden wir nicht in der Lage sein, sie in künftigen Kriegen zu verhindern, wir werden sie nicht wirksam bekämpfen können.

Das Interview führte Susanne Petersohn, WDR, zzt. Kiew

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 19. Februar 2023 um 23:15 Uhr.