Evelyn Hernández aus El Salvador schlägt sich vor Freude und Überraschung die Hand vor dem Mund, als der Freispruch fällt. Sie saß im Gefängnis, weil sie ihr Kind verloren hatte. | Bildquelle: REUTERS

El Salvador Im Gefängnis wegen einer Fehlgeburt

Stand: 21.08.2019 12:40 Uhr

Evelyn Hernández wurde vergewaltigt - und daraufhin schwanger. Sie verlor das Kind und wurde für die Justiz zur Mörderin. 30 Jahre sollte sie in Haft, nach drei Jahren kam sie nun frei.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Frauenrechtlerinnen feiern die Freilassung von Evelyn Hernández. "Wir haben es geschafft" und "Lateinamerika wird frei und feministisch sein" rufen sie der 21-Jährigen zu, als sie das Gerichtsgebäude verlässt. Ihr laufen Freudentränen über das Gesicht.

"Gott sei Dank gibt es doch Gerechtigkeit. Ich danke euch für die Unterstützung, auch den internationalen Organisationen, die Druck gemacht haben", sagt Hernández:

"Die Zeit im Gefängnis war sehr hart für mich, weil ich für etwas in Haft war, das ich nicht getan habe. Immer noch sind Frauen unschuldig im Gefängnis. Hoffentlich können sie auch bald raus."

Ein Fall mit hoher Symbolkraft

Freispruch nach drei Jahren Haft - zu 30 Jahren war die junge Frau verurteilt worden, wegen angeblicher Verantwortung für den Tod ihres Babys.

Das Oberste Gericht hatte die Neuverhandlung des Falls angeordnet. In El Salvador hat er hohe Symbolkraft: Immer wieder landen Frauen aus extrem armen Verhältnissen, wie Hernández, im Gefängnis, nachdem sie Fehlgeburten erlitten haben.

Als Evelyn Hernández das Gericht in El Salvador verlässt, strömen Tränen über ihr Gesicht. Sie wurde vom Vorwurf freigesprochen, mutwillig ihr Kind getötet zu haben, das sie durch eine Fehlgeburt verlor. | Bildquelle: AFP
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Evelyn Hernández verlässt unter Freudentränen das Gerichtsgebäude.

Schwanger infolge mehrfacher Vergewaltigung

Hernández war noch minderjährig, als sie mehrmals vergewaltigt und dadurch schwanger wurde. Im Frauengefängnis von Ilopango erzählte sie vor etwa einem Jahr im ARD-Interview stockend und niedergeschlagen von ihrem Martyrium:

"Ich war zu Hause, als ich plötzlich Bauchschmerzen bekam. Ich musste zur Toilette, hatte Krämpfe. Dass ich schwanger war, hatte ich nicht gewusst. Ich wurde ohnmächtig - und als ich wieder aufwachte, war ich in einer Klinik. Die Ärztin in der Klinik zeigte mich an."

Beschimpft als "Kindsmörderin"

Das tote Frühgeborene, das in der Toilette lag, war laut Obduktion bereits im Mutterleib erstickt. Trotzdem wurde Hernández sofort ins Gefängnis gebracht. Als "Kindsmörderinnen" werden Frauen wie sie dort beschimpft.

Wenn sie sich für die Geburt keine Hilfe geholt hat, reicht das Richtern häufig für das Urteil, die Mutter habe versucht, das Kind zu töten. Noch 16 Frauen sitzen in El Salvador drakonische Strafen ab.

"Der Staat schließt die Augen"

Um Gerechtigkeit für diese Frauen kämpft Teodora Vásquez, deren Geschichte um die Welt ging. Auch ihr Baby war im letzten Schwangerschaftsmonat tot geboren worden. Wegen Kindsmords wurde sie zu mehr als 30 Jahren Gefängnis verurteilt. Nur durch internationalen Druck kam sie nach zehn Jahren und sieben Monaten frei.

"Dieser Staat verurteilt Frauen. Es gibt keine Gleichberechtigung und wir haben keine Mittel um uns zu verteidigen", kritisiert Vásquez:

"Es ist ein Staat, der die Frauen verurteilt, während die Männer mit den Frauen machen können, was sie wollen: sie schwängern und dann verlassen, vergewaltigen und noch viel mehr. Und der Staat schließt die Augen."

El Salvador hat die härtesten Abtreibungsgesetze der Region: Schwangerschaftsabbrüche sind unter keinen Umständen erlaubt, auch nicht bei Lebensgefahr oder nach Vergewaltigungen. Opfer dieser Rechtsprechung sind Frauen aus armen Verhältnissen.

Bringt der Regierungswechsel den Wandel?

Sie hoffen, dass die neue Regierung von Nayib Bukele die Gesetze aufweicht. Der ist zwar selbst gegen Abtreibung, aber nicht für das absolute Verbot. Über die Strafverfolgung nach Fehlgeburten hat er sich bereits kritisch geäußert. Die Freilassung von Hernández ist ein erster Lichtblick.

El Salvador: Fehlgeburt, lange Haft, sensationeller Freispruch
Anne-Katrin Mellmann, ARD Mexiko-Stadt
21.08.2019 11:49 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 15. Januar 2019 um 18:30 Uhr.

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