Nach dem Dammbruch in Brasilien | Bildquelle: dpa

Unglück in Brasilien Behörden erlaubten Arbeiten am Damm

Stand: 30.01.2019 19:29 Uhr

Brisante Dokumente belegen: Wenige Wochen vor der Damm-Katastrophe wurde der Ausbau der Minenarbeiten genehmigt - inklusive Arbeiten am Unglücksdamm. Brach er wegen Behördenversagens?

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Immer mehr Todesopfer bergen die Rettungskräfte aus der Schlammlawine. Die Chancen schwinden, Überlebende zu finden. Gleichzeitig suchen die Ermittlungsbehörden nach der Ursache für das Minenunglück.

Vier Tage nach dem Unglück nahm die Polizei in São Paulo zwei Ingenieure von TÜV SÜD do Brasil fest, einer Tochter des deutschen Zertifizierers TÜV SÜD. Die Ermittler gehen der Frage nach, warum das Unternehmen den Damm des Schlammbeckens im September 2018 als sicher einstufte - gut vier Monate vor der Katastrophe.

Die Unterschrift des nun inhaftierten TÜV-SÜD-Mitarbeiters Makoto Namba bringt den deutschen Zertifizierer in Erklärungsnot - und könnte hohe Strafzahlungen nach sich ziehen.

Risikostufe verringert

Dem ARD-Studio Südamerika liegen bislang nicht von Medien veröffentlichte Dokumente vor, die Hinweise darauf geben, warum der Damm der Mine gebrochen sein könnte.

Im Dezember 2018 - drei Monate nach der TÜV-Inspektion und wenige Wochen vor dem Unglück - erteilte das regionale Umweltsekretariat des Bundesstaates Minas Gerais demnach dem Konzern Vale eine Genehmigung. Darin wird das Sicherheitsrisiko des gebrochenen Staudamms mit "Vier" bezeichnet: mittleres Risiko. In früheren Genehmigungen war aber noch von Risikostufe "Sechs" die Rede gewesen: höheres Risiko.

Besonders heikel: Das Umweltsekretariat genehmigte nicht nur den Ausbau der Minenaktivität in Brumadinho - sondern auch Arbeiten am längst stillgelegten Unglücksdamm. Brasilianische Medien sprechen von einer ungewöhnlichen "Expressgenehmigung" und der Erlaubnis, die Minenproduktion um 70 Prozent steigern zu können.

Genehmigung für Vale (Screenshot)
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Diese Dokumente liegen der ARD vor und belegen...

Genehmigung für Vale (Screenshot)
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...die Genehmigung durch die Regionalbehörde.

Damm durch Bergbau beschädigt?

Beobachter rätseln, warum die Behörden dem Konzern diese Erlaubnis erteilten - nur wenige Wochen, bevor der Damm brach. Ob es einen Zusammenhang mit der TÜV-SÜD-Entscheidung gibt, ist unklar.

Schwere Vorwürfe gegen Vale erhebt Maria Tereza Corujo. Die Umweltaktivistin begleitete den Genehmigungsprozess als Mitglied des Umweltrates COPAM und stimmte dort als einziges Mitglied gegen die Genehmigung für Vale. Das Unternehmen habe offenbar bemerkt, "dass durch ihre Aktivitäten etwas am Damm aus dem Gleichgewicht geraten ist und wollte dies dann - im Dezember - nachträglich genehmigen lassen", meint sie.

Umweltverbände kritisieren seit langem, Behörden kontrollierten die Minenkonzerne nicht streng genug. Aus Sicht der Anwältin Raphaela Lopes von der Nichtregierungsorganisation Global Justice verschlechterten sich die Kontrollen zuletzt stetig: "Die brasilianischen Umweltkontrollbehörden wurden massiv geschwächt, was dazu führt, dass sie nicht mehr die Ressourcen haben, die Einhaltung der Gesetze zu kontrollieren."

Jair Bolsonaro | Bildquelle: REUTERS
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Präsident Bolsonaro will den Minenkonzernen eigentlich deutlich mehr Freiheiten geben - das dürfte jetzt so kaum noch möglich sein.

Aus für Bolsonaros Idee?

Brasiliens neuer Präsident Jair Bolsonaro galt bislang als Freund laxer Umweltauflagen. So schlug er im Wahlkampf vor, Minenkonzerne könnten sich zukünftig selbst Lizenzen erteilen.

Sein Vorhaben ist jetzt wohl kaum mehr durchzusetzen, nachdem womöglich mehr als 300 Menschen unter der Schlammlawine begraben wurden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 28. Januar 2019 um 12:00 Uhr, die tagesschau am 29. Januar 2019 um 20:00 Uhr sowie MDR Aktuell am 30. Januar 2019 um 23:39 Uhr.

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