Südafrika, Pretotia: Eine Frau hält eine südafrikanische Nationalflagge während einer Demonstration gegen Rassismus und Polizeigewalt vor US-Botschaft.  | Bildquelle: dpa

Corona in Südafrika Bangen und Hoffen am Kap

Stand: 10.06.2020 10:28 Uhr

Eine Woche nach den Lockerungen der Corona-Einschränkungen steigt in Südafrika die Zahl der Toten und Erkrankten dramatisch. Dabei könnte die große Welle erst noch kommen.

Von Jana Genth, ARD-Studio Johannesburg

Dass die Zahlen steigen würden, daran bestand kein Zweifel. Nun ist eingetreten, was Wissenschaftler und Regierungsvertreter prophezeit hatten: 1162 Menschen sind in Südafrika in Zusammenhang mit dem Coronavirus bislang gestorben. Fast 53.000 Infektionen sind bestätigt, gut die Hälfte der Infizierten sind inzwischen genesen. Konkret sind rein rechnerisch 54,7 Prozent der Infizierten wieder gesund.

Die Kurve war zu Beginn der Pandemie nur langsam angestiegen. Am 5. März wurde der erste Corona-Fall in Südafrika bestätigt, weitere folgten kurz darauf. Strände, Parks und Spielplätze wurden geschlossen, auch die Schulen machten Mitte März zu.

Sprunghafter Anstieg

Seit dem 26. März gilt eine rigorose Ausgangssperre, die am 1. Mai und am 1. Juni jeweils leicht gelockert wurde. Die Infektionen, die anfangs Europa-Reisende betrafen, verbreiten sich mittlerweile schnell im ganzen Land.

Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa hatte die Nation auf diesen Verlauf eingestimmt. Die Situation werde schlimmer, bevor sie sich wieder bessern werde, sagte er am 24. Mai in seiner Rede an die Nation. Er sollte recht behalten: Jeden Tag gibt es nun neue Rekorde in Bezug auf die Neuinfektionen. 2000 neue Infektionen täglich sind inzwischen Realität.

Cyril Ramaphosa (Mitte) besucht das neu eingerichtete Behelfskrankenhaus auf dem Messegelände NASREC in Johannesburg, Südafrika | Bildquelle: JEROME DE LAY/POOL/EPA-EFE/Shutt
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Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa (Mitte) besucht das neu eingerichtete Behelfskrankenhaus auf dem Messegelände NASREC in Johannesburg.

Am stärksten betroffen ist die Region im Südwesten, das Western Cape, das bei Touristen beliebt ist. Auch im Eastern Cape, Gauteng und Kwazulu-Natal breitet sich das Virus aus. In diesen vier Provinzen liegen große Städte: Kapstadt, Port Elizabeth, Johannesburg, Pretoria und Durban. Laut Ramaphosa wurden mehr als die Hälfte der Fälle erst in den vergangenen zwei Wochen registriert.

Die Lockerungen der Ausgangssperre bedeuten, dass mehr Menschen wieder arbeiten gehen, dass die Schulen nach zweieinhalb Monaten Schließung seit dieser Woche wieder geöffnet haben, dass wieder Alkohol verkauft wird, dass die öffentlichen Taxis wieder fahren und die meisten Läden wieder geöffnet sind.

Südafrika, Johannesburg: Die Nationalen Verteidigungskräfte Südafrikas überprüfen die Temperatur der Menschen in der Nähe des Taxistandplatzes Panafrikas in der Gemeinde Alexandra. | Bildquelle: dpa
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Fiebertest: Die Nationalen Verteidigungskräfte Südafrikas überprüfen die Temperatur der Menschen in der Nähe des Taxistandplatzes Panafrikas in der Gemeinde Alexandra.

Wirtschaft fordert weitere Lockerungen

Und die Wirtschaft macht weiter Druck. Sie fordert eine Rückkehr zur Normalität. Gesundheitsminister Zweli Mkhize erklärte, es sei unmöglich, die Menschen endlos zu verpflichten, zu Hause zu bleiben und den Lockdown für immer gelten zu lassen. Geplant sei eine ans Risiko angepasste Rückkehr zum Vor-Corona-Alltag.

Das erklärte Ziel der Regierung war gewesen, mit der rigiden Ausgangssperre Zeit zu gewinnen, damit sich das Gesundheitssystem vorbereiten kann. Der Wunsch, die Sterblichkeitsrate gering zu halten, ging bisher auf. Verglichen mit vielen anderen Ländern hat Südafrika nach wie vor verhältnismäßig wenige Tote zu beklagen.

Gesundheitssystem gestärkt

Jeden einzelnen Toten durch die Pandemie bezeichnet Präsident Ramaphosa als Tragödie. Ihm zufolge geht es nun darum, Leben zu retten.

Tatsächlich ist viel vorbereitet worden in den vergangenen Wochen. Feldkrankenhäuser sind aufgebaut, Isolier- und Quarantänestationen eingerichtet und Tausende Intensivstationen geschaffen. Dafür arbeiten der private und der öffentliche Gesundheitssektor zum ersten Mal zusammen.

Die Vorbereitungen ergeben Sinn. Auf der Südhalbkugel ist Winter und damit Erkältungszeit und Grippesaison. Covid-19 kommt ausgerechnet in dieser Jahreszeit dazu.

Behelfsklinik im Internationalen Kongresszentrum Kapstadt, Südafrika | Bildquelle: REUTERS
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Zusätzliche Behelfskliniken sind in Südafrika aufgebaut worden, hier im Internationalen Kongresszentrum in Kapstadt.

Virologe erwartet große Welle im September

Der führende Virologe Südafrikas, Professor Salim Abdool Karim, schätzt, dass die große Welle an Infektionen noch kommen wird. Er sagte dem ARD-Studio Johannesburg, er rechne Ende des Winters damit, Ende August bis Mitte September.

Obwohl Maskenpflicht besteht, wird das nicht überall eingehalten. In den armen Wohngegenden haben viele Menschen weiterhin keinen Zugang zu Schutzausrüstung. Die Priorität liegt auf Lebensmitteln, denn Hunderttausende hungern.

Hilfspaket und große Solidarität

Südafrika gehört zu den Ländern mit der größten Kluft zwischen Arm und Reich weltweit. Das Virus macht das noch sichtbarer.

Dabei hat die Regierung ein historisches Hilfspaket aufgelegt: Es umfasst zehn Prozent des südafrikanischen Bruttoinlandsprodukts. Farmer bringen einen Teil ihrer Ernte direkt in Wellblechsiedlungen, in jeder Nachbarschaft landesweit laufen Spendenaktionen, Brauereien haben ihre Produktion in Suppenküchen umgewandelt. Generell wird Solidarität in dieser Zeit gelebt.

Südafrika sucht mit nach Impfstoff

Corona hat Südafrika im Griff - das Land im Süden ist das am stärksten betroffene des Kontinents. Der Kap-Staat testet allerdings auch von allen afrikanischen Ländern am meisten. Fast 970.000 Menschen wurden bisher auf Covid19 getestet.

Südafrika ist das einzige Land Afrikas, das an der Suche nach einem Impfstoff beteiligt ist. Deshalb ist auch Präsident Ramaphosa nicht panisch. Er nennt die Situation in Südafrika besorgniserregend, aber nicht alarmierend.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. Juni 2020 um 18:29 Uhr.

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