Die Korallen im Roten Meer in Ägypten | Bildquelle: TATYANA ZENKOVICH/EPA-EFE/Shutte

Corona in Ägypten Atempause für das Rote Meer

Stand: 11.05.2020 07:10 Uhr

Taucher, Schnorchler, Kite-Surfer - sie alle lieben das klare Wasser des Roten Meeres in Ägypten. Seit März sind die Hotels dort geschlossen. Für Touristik-Unternehmen ist das ein Desaster - für die Meereswelt aber ein Segen.

Von Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo

Eine kleine Delfinschule schießt durchs Wasser, ein Adlerrochen gleitet hinab ins Blau. Das sind Momente, für die Taucher und Schnorchler an Ägyptens Küste am Roten Meer reisen. Von solchen Eindrücken zehren sie dann bis zum nächsten Urlaub. Jetzt vielleicht noch länger, weil die vielen Tauchbasen wegen Corona geschlossen sind.

Für Tauchunternehmen ist das eine finanzielle Katastrophe. Auch für das "Ducks Diving Center Quseir", sagt Karim Hassan. Er ist Tauchlehrer und bei Ducks quasi aufgewachsen: Sein Vater gründete das Zentrum 1997. "Es ist gerade sehr schwierig, da unklar ist, wann die Gäste wiederkommen und wann wieder normaler Betrieb sein kann. Wir haben mehrere Angestellte, die weiterhin ihr Gehalt bekommen." Die meisten von ihnen seien schon seit 20 Jahren dabei "und darum ist es uns wichtig, sie durch diese Krise zu bringen".

Tauchlehrer am Roten Meer in Ägypten
galerie

Tauchlehrer Karim Hassan mit seinen Kollegen hofft, dass bald wieder Touristen zu ihm kommen.

Atempause für Meereswelt

20 Angestellte hat die Tauchstation, darunter Lehrer, Bootsführer, Gehilfen. Aber tief tauchen dürfen sie nicht. Die zuständige Küstenwache erteilt niemandem Genehmigungen. Karim nutzt die Zeit und taucht ohne Gerät, apnoe. Sieht er dabei Veränderungen, weil ansonsten keine Wassersportler im Meer sind? "Es ist ruhig, die Sicht ist sehr klar. Aber ob da jetzt mehr Fische sind oder ob sich an den Korallen etwas ändert - ich glaube, es ist noch zu früh, um darüber Aussagen zu machen."

Mahmoud Hanafi bestätigt hingegen die Vermutung. Er lehrt Meeresbiologie an der Suez-Kanal-Universität und ist seit mehr als 20 Jahren Berater der ägyptischen Umweltschutzorganisation HEPPCA. "Ein Stopp des Wassersports nutzt Flora und Fauna des Roten Meeres. Allerdings können wir nicht sagen, ob sich die Korallen in so einer kurzen Zeit erholen. Denn die Veränderungen an Riffen und Korallen brauchen Generationen." Die Wachstumsrate von Riffen und Korallen sei sehr langsam, insbesondere, wenn sie stark beschädigt sind.

Vergleich zu Arabischem Frühling

Meeresbiologen können die Phase der Umbrüche in der arabischen Welt, die Ägypten von 2011 bis 2013 traf, vorsichtig als Vergleich heranziehen. Damals kamen zwar noch Touristen ans Rote Meer, aber es waren deutlich weniger als sonst.

Professor Nico Michiels lehrt an der Universität Tübingen Evolutionsökologie mit dem Forschungsschwerpunkt Rifffische. Er taucht seit Jahren regelmäßig im Roten Meer. "Die Effekte, die man nach dem Arabischen Frühling gesehen hat, als die Tourismusindustrie einige Jahre gebraucht hat, um langsam wieder hochzufahren, zeigen, dass das Ausbleiben von Touristen einen positiven Effekt haben kann." Aus seiner persönlichen Beobachtung über die Jahre könne er sagen, dass sich die Qualität des Wassers und der Riffe sowie die Vielfalt der Fische über die Jahre positiv entwickelt hätten.

Prof Michiels taucht im Roten Meer
galerie

Michiels taucht regelmäßig im Roten Meer.

Hanafi meint, dass im insgesamt relativ intakten Roten Meer vor allem Ruhe in die Fischwelt kam. "Die Fischer meldeten, dass sie nach einer Pause in Fischfang und Freizeitaktivitäten mehr Fang hatten als zuvor. Aber es gibt keine wissenschaftlichen Methoden, mit denen wir kurzzeitige Veränderungen im Unterwasserleben messen können."

Eigentliche Saison beginnt erst im Spätsommer

Seit Beginn der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Schließung der Tauchbasen in Ägypten ist am Roten Meer sowieso Nebensaison. Die Hauptreisesaison für die Region beginnt erst im Spätsommer, betont Meeresbiologe Michiels. "Das heißt, es ist relativ schwer zu sagen, ob Corona einen positiven Effekt haben wird, das müssen wir abwarten." Es hänge sehr davon ab, wie lange die Corona-Pandemie andauert. "Falls der Tourismus über den Sommer wieder anlaufen könnte, glaube ich, wird der Effekt relativ gering sein."

Weniger Müll

Fest steht für Michiels: Weniger Touristen bedeuten weniger Müll. Unter anderem kämen kaum noch Plastiktüten in Umlauf. Vor fast einem Jahr wurden am Roten Meer Plastiktüten grundsätzlich verboten. Daran hielten sich allerdings längst nicht alle Unternehmen. Jetzt aber - ohne Touristen - seien kaum noch Plastiktüten zu sehen.

Das sei gut für die Unterwasserwelt, so Hanafi: "Plastiktüten beinhalten Giftstoffe. Wenn die Tüten durch den Wind ins Meer gelangen, gelangen auch über kurz oder lang Mikroplastik-Teilchen ins Tierreich." Es gehe nicht allein darum, dass etwa Schildkröten Plastiktüten fressen. Es gehe hauptsächlich darum, dass die Giftstoffe über die Meeresumwelt in der Nahrungskette auch in den Menschen gelangen.

Tauchstation am Roten Meer in Ägypten
galerie

Derzeit ist es extrem ruhig am Roten Meer.

Tauchlehrer Hassan sieht jedenfalls einerseits, dass das Wegbleiben der Touristen die Wirtschaft schwächt. Andererseits hofft er aber, dass die Corona-Krise die Unterwasserwelt stärkt: "Wenn sich jetzt diese Krise weiter fortsetzt, dann bin ich mir sicher, dass es positive Effekte auf die Unterwasserwelt haben wird und sie noch schöner wird. Weil wir Menschen mit den Booten oder der Fischerei einfach fremd sind in der Wasserwelt. Und wenn wir eine Weile nicht dort sind, tut es ihr bestimmt gut."

Corona und Korallen
Björn Blaschke, ARD Kairo
10.05.2020 21:19 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 11. Mai 2020 um 12:50 Uhr.

Darstellung: