Arbeiter stellen Särge in Indonesien her | via REUTERS

Corona in Indonesien "Es war nie so schlimm wie jetzt"

Stand: 03.07.2021 11:15 Uhr

18.000 Inseln, 270 Millionen Einwohner: Indonesien ist ein riesiges Land, in dem medizinische Hilfe Covid-Erkrankte vielerorts nur schwer erreicht. Nun breitet sich die Delta-Variante massiv aus.

Von Jennifer Lange, ARD-Studio Singapur, zzt. in Hamburg

Sechs Männer in weißen Schutzanzügen lassen einen Sarg in die Erde gleiten, während neben ihnen ein großer Bagger schon das nächste Loch aushebt. Die Behörden melden derzeit Rekordzahlen bei Toten und Infizierten.

Jennifer Lange

"Seit Beginn der Pandemie war es nie so schlimm wie jetzt", warnt Jan Gelfand, Leiter der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften (IFRC) in Indonesien. Die Positivraten seien enorm: "In manchen Regionen sind von zehn Leuten, die du testest, neun positiv." 

Die Situation in immer mehr Krankenhäusern spitzt sich zu. Sri Dewi, die am Grab ihres Bruders steht, erzählt einer Nachrichtenagentur: "Gestern haben wir ihn ins Krankenhaus gebracht, aber es waren keine Betten frei, es gab auch keinen Sauerstoff. Also haben wir ihn mit nach Hause genommen, haben Sauerstoffflaschen gekauft und ihn Zuhause behandelt." Doch helfen konnten sie ihm nicht mehr.

Corona in Indonesien | AFP

Indonesiens Hauptstadt Jakarta. Wegen der Corona-Pandemie sind die Straßen leer. Bild: AFP

Preis für Sauerstoff verdoppelt

Die Preise für Sauerstoff hätten sich zwischenzeitlich verdoppelt, seien an vielen Orten ausverkauft, erzählt ein Ladenbesitzer: "Sauerstoffflaschen sind immer schwieriger zu bekommen. Sauerstoff zum Befüllen haben wir noch. Aber ich fürchte, wenn die Nachfrage weiterhin so hoch ist, wird uns auch der ausgehen."

Die Regierung versichert derweil, dass sie für Nachschub sorgt. Auch das Rote Kreuz beliefere die Krankenhäuser derzeit mit Sauerstoff. Vor einigen Kliniken in Jakarta stehen inzwischen Zelte für die vielen Patienten.

Delta und Mobilität nach dem Ramadan sind Pandemie-Treiber

Ein Grund für den dramatischen Anstieg der Zahlen ist die Ausbreitung der hochansteckenden Delta-Variante. Ein zweiter die erhöhte Mobilität nach dem Fastenmonat Ramadan.

Präsident Joko Widodo sah sich nun gezwungen, einen rund zweiwöchigen Lockdown auf Java und Bali zu verhängen. Ab diesem Wochenende ist es schwieriger zu reisen, Schulen und Einkaufszentren müssen schließen. Unternehmen 75 Prozent ihrer Belegschaft wieder ins Homeoffice schicken. Zudem dürfen sich nun auch Jugendliche impfen lassen.

"Die Jugend muss geschützt werden. In Jakarta gibt es viele junge Menschen. Ich denke, wenn wir sie impfen, helfen wir der Regierung, früher eine Herdenimmunität zu erreichen", sagt Mathelehrer Seto Marsudi der Nachrichtenagentur Reuters, der an einer Schule in Jakarta unterrichtet. Doch derzeit sind erst fünf Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. 

Corona-Impfung in Stadion in Indonesien | REUTERS

Corona-Impfung in einem Stadion in Indonesien. Bild: REUTERS

"Die Logistik ist ungeheuer schwierig"

Jan Gelfand vom Roten Kreuz nimmt die Regierung in Schutz. Indonesien bestehe aus rund 18.000 Inseln. "Die Logistik ist ungeheuer schwierig. Es geht kein Flugzeug überall hin, einige Inseln sind nur per Boot zu erreichen, andere sind sehr unzugänglich." Das erschwere auch die Kühlkette für den Impfstoff.

Die Regierung will dennoch das Impftempo anziehen - diesen Monat täglich eine Million der insgesamt mehr als 270 Millionen Einwohner impfen. In Sportstadien wie am Rande von Jakarta stehen daher Tausende Menschen Schlange für eine Impfung. Sie hoffen, sich so noch vor einem schweren Corona-Verlauf schützen zu können.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 03. Juli 2021 um 10:07 Uhr.