Straßenszene Neu Delhi | REUTERS

Coronavirus in Indien Infektionszahlen sinken - Experten rätseln

Stand: 17.02.2021 14:46 Uhr

In Indien sinken seit Monaten die Corona-Infektionszahlen. Warum genau, wissen Experten nicht. Sie vermuten, dass frühere Krankheiten damit zu tun haben. Aber das ist nur eine These.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Delhi

Corona scheint in Indien bereits ein Phänomen der Vergangenheit zu sein. Auf den Straßen und Märkten in Delhi und anderen Städten sieht man immer mehr Menschen, die keine Maske mehr tragen, obwohl es dafür harte Strafen gibt. Von Abstand ist im dichten Gedränge des öffentlichen Lebens ohnehin keine Rede.

Bernd Musch-Borowska ARD-Studio Neu-Delhi

In den Testzentren des Landes werden immer weniger Neuinfektionen festgestellt. 11.000 innerhalb von 24 Stunden waren es zuletzt, im September lag diese Zahl noch bei 100.000.

Keine neuen Fälle in 188 Bezirken

In vielen Teilen Indiens gebe es sogar gar keine neuen Corona-Fälle mehr, so Gesundheitsminister Harsh Vardhan bei einer Pressekonferenz in Delhi, die die indische Nachrichtenagentur ANI veröffentlichte.

In 188 Bezirken des Landes wurden innerhalb einer Woche keine neuen Fälle registriert. Und 76 Bezirke sind sogar schon seit 4 Wochen frei von Neuinfektionen.

Für Ärzte und Wissenschaftler ist das ein Rätsel. Denn zu Beginn der Pandemie vor einem Jahr war befürchtet worden, dass in dem Land mit rund 1,3 Milliarden Menschen die Corona-Pandemie schlimme Auswirkungen haben würde. Viele Inderinnen und Inder leben unter katastrophalen hygienischen Bedingungen. Die Sorge war, dass das Gesundheitssystem unter der Last der Pandemie zusammenbrechen könnte.

Gewappnet durch Cholera und Typhus?

Besonders interessant ist die Entwicklung auf dem Land, wo die Menschen vorwiegend im Freien leben und arbeiten. K. Srinath Reddy, der Präsident der Stiftung für öffentliche Gesundheit, sagte dazu:

Wenn man die Entwicklung in Indien betrachtet, dann sinken die Zahlen seit September. Besonders in den ländlichen Regionen haben wir sehr niedrige Infektionszahlen und rund zwei Drittel unserer Bevölkerung lebt auf dem Land.

Viele Inder sind im Laufe ihres Lebens Krankheiten wie Cholera, Typhus oder Tuberkulose ausgesetzt. Sie könnten nach Einschätzung von Wissenschaftlern dadurch widerstandsfähiger gegenüber einem neuen Virus sein.

Hypothesen für niedrige Zahlen

Es gebe eine ganze Reihe von Hypothesen, warum sich die Lage so anders als erwartet entwickelt habe, sagte die Epidemologin Bhrama Mukherjee dem Fernsehsender NDTV. Kreuzimmunitäten könnten eine Rolle spielen, meint sie, genetische Faktoren, hygienische Umstände und auch die vergleichsweise junge Bevölkerung. "Besonders interessant ist die Entwicklung in den Ballungsräumen, wo wahrscheinlich jeder Zweite mit dem Virus infiziert wurde, ohne Symptome zu entwickeln."

Auch in Indien wurden inzwischen Mutanten des Corona-Virus nachgewiesen. Welche Auswirkungen das auf das Pandemiegeschehen im Land hat, wird noch untersucht. Experten halten es für möglich, dass der Anstieg der Fallzahlen in Kerala damit zu tun haben könnte. Der südindische Bundesstaat galt lange als Vorbild im Umgang mit dem Virus. Inzwischen aber ist Kerala für fast die Hälfte der aktuellen Corona-Fälle verantwortlich. 

Mehr Ansteckungen durch Sorglosigkeit

Auch in Maharashtra wurde jüngst eine deutliche Zunahme der Neuinfektionen festgestellt: 4000 innerhalb von 24 Stunden. Dafür gebe es unterschiedliche Gründe, sagte Rahul Pandit vom Fortis Hospital in Mumbai im indischen Fernsehen. Zum einen sei der Nahverkehr wieder aufgenommen worden und mehr Menschen bewegten sich jetzt durch die Stadt.

Zum anderen stellen wir fest, dass mehr Menschen zwischen 50 und 70 ins Krankenhaus eingeliefert werden. Diese Altersgruppe hat sich bislang diszipliniert zuhause aufgehalten und nimmt jetzt, da sich die Lage verbessert hat, verstärkt am öffentlichen Leben teil. Aber der Hauptgrund ist wohl, dass immer mehr Menschen die Regeln nicht mehr befolgen, keine Maske mehr tragen und keinen Abstand mehr halten.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurden inzwischen knapp neun Millionen Menschen in Indien geimpft, entweder mit dem AstraZeneca-Impfstoff, der im Serum-Institut in Pune hergestellt wird oder mit dem in Indien entwickelten Präparat Covaxin. Bis Mitte des Jahres sollen 300 Millionen Menschen gegen das Virus immunisiert werden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Februar 2021 um 13:24 Uhr.