Die volle Tribüne im Wembley-Stadion in London | AFP

Kritik an der UEFA Volle Stadien - volles Risiko

Stand: 30.06.2021 21:30 Uhr

Am deutlichsten wurde SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach: Die UEFA sei für den Tod vieler Menschen verantwortlich. Aber auch sonst gibt es viel Kritik an vollen EM-Stadien. In London haben sich offenbar viele Fans angesteckt.

Zehntausende im Fußballstadion und dicht gedrängt bei den Feiern rundherum - und das in Städten, in denen sich die Delta-Variante des Coronavirus gerade massiv ausbreitet. Kritik daran gibt es schon länger, doch sie wird zunehmend schärfer. Und es gibt erste Zahlen, die darauf hindeuten, dass die Kritik berechtigt ist.

Nach Angaben der schottischen Behörden lassen sich dort knapp 2000 Corona-Fälle in Verbindung mit Spielen der Fußball-Europameisterschaft bringen. Zwei Drittel von den 1991 positiv Getesteten seien Fans, die entgegen der Ratschläge aus dem Norden zu Spielen nach London gereist seien, wie die Gesundheitsbehörde Public Health Scotland mitteilte. London gilt derzeit als einer der Corona-Hotspots in Europa.

400 der Infizierten waren im Stadion

Am 18. Juni hatten die Schotten in London gegen England gespielt. Laut der schottischen Gesundheitsbehörde waren knapp 400 der Infizierten im Wembley-Stadion, in dem insgesamt etwa 22.500 Zuschauer saßen. Viele dürften sich in London beim Feiern in einem Pub oder bei einer privat organisierten Party angesteckt haben.

Bei der 0:2-Achtelfinal-Niederlage der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen England am Dienstag waren 41.973 Zuschauer im Londoner Wembley-Stadion. Für die Halbfinals und das Endspiel sollen sogar 60.000 Zuschauer zugelassen werden. Großbritannien ist - neben Russland und Portugal - eines von drei europäischen Ländern, die von der Bundesregierung derzeit als Virusvariantengebiete eingestuft werden.

Lauterbach: UEFA für viele Tote verantwortlich

Ziel der Kritik ist in erster Linie der Fußballverband UEFA. Am deutlichsten wurde dabei der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Er warf der UEFA vor, "für den Tod von vielen Menschen verantwortlich" zu sein. Das Spiel gestern habe nochmal gezeigt, "wie eng die Fans stehen, wie oft sie sich umarmen und anschreien", so Lauterbach auf Twitter. "Es haben sich sicherlich Hunderte infiziert und diese infizieren jetzt wiederum Tausende."

Auch Vizekanzler und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz äußerte sich kritisch: "Bei aller Freude über die spektakulären Spiele dieser EM halte ich es für bedenklich, wie viele Zuschauer inzwischen in einige Stadien gelassen werden", sagte Scholz der "Süddeutschen Zeitung". "Mühsam und unter großen Anstrengungen haben wir die Pandemie in Europa in den Griff bekommen, das sollten wir jetzt nicht aufs Spiel setzen."

UEFA: Behörden vor Ort sind verantwortlich

Bereits gestern hatte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder gesagt, die Entscheidungen der UEFA seien "null nachzuvollziehen". Was die UEFA mache, sei für ihn nicht akzeptabel, so der CSU-Chef. Zuschauerzahlen würden "ohne Sinn und Zweck" erhöht.

Die UEFA wies die Kritik zurück - auch mit Blick auf das erste Viertelfinalspiel zwischen der Schweiz und Spanien am Freitag im russischen St. Petersburg, einem weiteren Corona-Hotspot. Änderungen oder gar eine Verlegung des Spiels seien nicht geplant, erklärt die UEFA auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa. "Die finale Entscheidung bezüglich der Zuschauerzahl liegt immer bei den jeweiligen lokalen Behörden."

Die britische Regierung rät Fans aus dem eigenen Land übrigens davon ab, zum EM-Viertelfinalspiel zwischen England und der Ukraine zu reisen. Das wird am Samstag in Rom ausgetragen - und damit in einer Stadt, die derzeit vergleichsweise niedrige Corona-Zahlen hat. Die italienischen Corona-Regeln schreiben eine fünftägige Quarantäne für Reisende aus Großbritannien vor. Britische Fans würden daher das Spiel verpassen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 30. Juni 2021 um 03:00 Uhr.

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