Colonia Dignidad | ARD

Opfer von "Colonia Dignidad" "Symbolische - aber keine nachhaltige Hilfe"

Stand: 17.05.2019 19:32 Uhr

Bis zu 10.000 Euro pro Person sagt Berlin den Opfern der Sekte "Colonia Dignidad" zu. Ein Schritt in die richtige Richtung, meinen die - aber nicht genug.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Buenos Aires

Ein winziger, aber ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung - so sieht Winfried Hempel das Hilfskonzept für die Opfer der "Colonia Dignidad", das nun in Berlin vorgestellt wurde. Der Rechtsanwalt ist selbst in der deutschen Sektensiedlung in Chile aufgewachsen. Heute vertritt er ehemalige Colonos, also Siedler, die zu Opfern der Colonia wurden.

Was die Summe angeht, also 10.000 Euro, was ja auch kein Nettobetrag ist, der hier an Colonos direkt gezahlt wird, das möchte ich mit einer Frage beantworten: Decken 10.000 Euro 45 Jahre Sklavenarbeit? Kann man mit 10.000 Euro einem Opfer der Colonia einen würdigen Lebensabend geben? Ich glaube diese beiden Fragen beantworten sich von alleine.
Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

Enge Verbindungen zur Pinochet-Diktatur

1961 vom deutschen Laienprediger Paul Schäfer gegründet, präsentierte sich die "Colonia Dignidad" als musterdeutsche Idylle in den chilenischen Anden. Daraus wurde ein Staat im Staate, das perfides Terrorregime eines pädophilen Sadisten, in dem Menschen versklavt, missbraucht, gefoltert wurden - Schäfer unterhielt enge Verbindungen zu Pinochet-Diktatur in Chile, und zur deutschen Botschaft.

Deutschland wusste davon und tat nichts, sagt Astrid Tymm, es sei dem persönlichen Einsatz weniger Abgeordneter zu verdanken, dass nun überhaupt ein Hilfskonzept erarbeitet wurde: "Wir hatten unsere Erwartungen nicht so hoch gesetzt, weil wir inzwischen gemerkt haben, dass Deutschland absolut nicht zahlen will, nicht zahlungswillig war. Und ich, also wir sind dankbar für jedes bisschen, was wir erhalten, um ein bisschen weiter zu kommen."

"Colonia Dignidad" in Chile

Die "Colonia Dignidad" war eine Siedlung deutscher Auswanderer in Chile. Einstige Mitglieder berichten von jahrzehntelangem systematischem Kindesmissbrauch und Folterungen auf dem hermetisch abgeriegelten Areal, das sich rund 350 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago befand. Der Bonner Paul Schäfer gründete die Sekte im Jahr 1961. Er stammte aus einem freikirchlichen Umfeld. In der Sekte führte er ein diktatorisches Regime. Das Leben war geprägt von Abschottung von der Außenwelt. Das landwirtschaftliche Anwesen bot den Armen der Region medizinische Versorgung und Schulbildung. Bauern schickten ihre Kinder in die angebliche "Kolonie der Würde" - doch die Kinder wurden zu Hunderten misshandelt und missbraucht. Während der 17-jährigen Militärdiktatur in Chile ab 1973 steht die Colonia unter besonderem Schutz des Junta-Chefs Augusto Pinochet. Nach dem Ende der Diktatur im Jahr 1990 begann die chilenische Justiz, gegen die Siedlung vorzugehen.

Details bleiben unkonkret

Sie begrüßt die Einrichtung eines Fonds "Pflege und Alter", doch die Details bleiben unkonkret. Es bleibt eine symbolische, keine nachhaltige Hilfe für Menschen, die wie Tymm und ihr Mann von klein an Zwangsarbeit leisteten und heute kaum ans Monatsende kommen.

Überlebende leiden bis heute an den körperlichen und psychischen Folgen. Darunter Doris Gert Bennecke, die als Kind von Schäfer gegen eine Wand geschleudert wurde, daraufhin Epilepsie bekam und seitdem nicht mehr arbeiten kann: "Was mir ein bisschen weh tut ist, dass man nicht einmal eine kontinuierliche Rentenzahlung bekommt, wenn das so minimal ist."

Nicht alle Opfergruppen berücksichtigt

Hempel kritisiert die Argumentation der Bunderegierung, zwar eine moralische, aber keine juristische und politische Verantwortung für die Vorgänge in der "Colonia Dignidad" zu tragen - es könne auch nicht sein, dass Deutschland Opfergruppen gegeneinander ausspiele, um keine Präzedenzfälle zu schaffen.

Dafür zieht man immer das Beispiel der Herrero-Leute aus Namibien heran. Das ist hochgradig unmoralisch, denn Deutschland hat sich an den Herrero-Leuten schuldig gemacht und benutzt diese Schuld als Argument gegen eine andere Opfergruppe, gegen die sie sich auch schuldig gemacht haben, nicht das zu geben, was ihnen der Gerechtigkeit nach zusteht.

Berücksichtigt worden seien außerdem nicht alle Opfergruppen, etwa die Opfer der Pinochet-Diktatur, die auf dem Gelände der "Colonia Dignidad" gefoltert und umgebracht wurden sowie die von Schäfer missbrauchten chilenische Kinder. Unklar ist außerdem, wie es mit einer strafrechtlichen Aufarbeitung weitergeht.

Unlängst stellte die Staatsanwaltschaft Krefeld das Strafverfahren gegen Hartmut Hopp, ehemaligen Sektenarzt der "Colonia Dignidad" ein. Insbesondere fordern die Betroffenen in Chile eine transparente Untersuchung des durch Straftaten angehäuften Vermögens der "Colonia Dignidad" - und eine Klärung der Besitzverhältnisse der Siedlung, die heute als Feriendorf Villa Baviera Touristen empfängt - geleitet von den Nachkommen der einstigen Führungsrige.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. Mai 2019 um 20:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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rossundreiter 17.05.2019 • 23:28 Uhr

Ist klar.

Ich denke, einige Kommentatoren haben nicht wirklich verstanden, was in der "Colonia Dignidad" wirklich vor sich ging. Die Mitglieder der Kolonie begaben sich nach Chile, um dort eine Art religiösen Gruppenbauernhof zu betreiben. Dort trafen sie auf den protestantischen, pädophilen Sadisten Schäfer, der Deutschland wohl nicht grundlos Richtung Chile verlassen hatte. Er quälte und missbrauchte die Mitglieder irgendwo in der chilenischen Einöde und folterte und tötete viele chilenische Dissidenten. Die deutschen Mitglieder, die durch den Dschungel in die deutsche Botschaft nach Santiago fliehen konnten, wurden von diplomatischer Seite in die Kolonie zurück gebracht, wo ihr Martyrium weiterging. Verteidigungsminister Strauß bezeichnete die Kolonie nach einem Besuch als "vorbildlich". Aber die Bundesregierung sieht keine politische Verantwortung. Ist klar.