Ein Hafen in China | Bildquelle: AFP

Chinas Wirtschaft Mit Hochdruck zum Neustart

Stand: 01.04.2020 06:58 Uhr

Gut sechs Wochen lang stand die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt so gut wie still. Nun versucht China wieder hochzufahren - mit allen Mitteln. Doch reicht allein der politische Wille?

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Chinas Wirtschaft ist nach quälenden Wochen der Coronavirus-Krise zurück auf der Überholspur. Diesen Eindruck erwecken zumindest die Berichte staatlicher Medien: Im Fernsehsender CCTV werden etwa Aufnahmen aus der Shanghaier Fabrik des US-Autokonzerns Tesla gezeigt. Das Werk am Stadtrand der größten Stadt Chinas ist erst Anfang des Jahres in Betrieb gegangen. Wegen der Corona-Krise stand die Produktion dort im Februar wochenlang still - doch nun laufen die Bänder wieder, betont Unternehmenssprecherin Tao Lin im staatlichen Fernsehen.

Rund 120 Kilometer südlich von Shanghai liegt die Industrie- und Hafenstadt Ningbo. Hier machte sich Staats- und Parteichef Xi Jinping am vergangenen Wochenende ein Bild von der Lage. Beim Besuch eines Industrieparks demonstrierte er Zuversicht und Entschlossenheit: "Wir müssen Arbeit und Produktion wieder aufnehmen - unter der Bedingung, dass die Epidemie eingedämmt bleibt. Wir müssen uns sowohl um die Wiederaufnahme der Arbeit, als auch um die Gesundheit kümmern."

Unglaubwürdige Zahlen

Das Virus in Schach zu halten und die Wirtschaft wieder hochzufahren: Dieser Spagat gelingt den chinesischen Behörden bisher - zumindest auf dem Papier. "Man sollte die Coronavirus-Zahlen der chinesischen Regierung mit großer Skepsis betrachten", warnt Adam Ni, Direktor des China Policy Centers in der Australischen Hauptstadt Canberra. "Dennoch zeigt uns die extrem geringe Zahl der Neuinfektionen, dass China die Ausbreitung des Virus vorläufig eingedämmt hat, zumindest was die erste Welle des Ausbruchs angeht."

Statistiken aus politischen Gründen in die eine oder andere Richtung zu frisieren, das gehört nach Ansicht von Beobachtern zum Regierungsprinzip der Kommunistischen Staatsführung in Peking. Denn ob positive Zahlen nun stimmen oder nicht: Sie sorgen gerade in Krisenzeiten für gute Stimmung im In- und im Ausland. Das gilt auch für Verlautbarungen, wonach in einem Großteil der chinesischen Betriebe wieder gearbeitet werde.

Doch Jörg Wuttke von der Europäischen Handelskammer in Peking warnt: Über Intensität und Qualität sagten diese Zahlen nicht viel aus. "Wenn gesagt wird: 80 Prozent der Firmen sollen wieder angelaufen sein, arbeiten die denn dann jeweils zu 90 Prozent oder 10 Prozent? Eine reine Datensammlung à la 'Welche Firma hat wieder aufgemacht?' ist aus volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht sinnvoll."

Trend zeigt nach oben

Unbestritten ist aber der Trend, und der deutet nach oben. Chinas Führung hat das klare Ziel ausgegeben, die Wirtschaft des Landes schnell wieder auf Fahrt zu bringen. Dafür hat sie massive Konjunkturhilfen bewilligt: In einem ersten Schritt wurden Steuererleichterungen und Liquiditätshilfen im Wert von rund 130 Milliarden Euro auf den Weg gebracht. Anfang dieser Woche senkte zudem die staatlich gesteuerte Zentralbank die Zinsen. Das soll die Kreditvergabe erleichtern. Außerdem haben landesweit Provinz- und Lokalregierungen Steuererleichterungen angekündigt.

Lieferketten laufen wieder

Staatliche Betreiber von Einkaufszentren sowie Fabrik- und Bürogebäuden erlassen teilweise Mieten. Davon profitieren auch deutsche Unternehmen, wie eine Managerin eines deutschen Mittelständlers in Shanghai berichtet.

Jens Hildebrandt, Geschäftsführer der Deutschen Handelskammer in Peking, sieht noch ein weiteres positives Zeichen: "Im Gegensatz zum Februar, wo es noch fast unmöglich war, Personal in die Firmen zu bekommen und Waren zwischen den Provinzen und Städten hin- und herzubewegen, scheint es jetzt, dass die Firmen wieder auf Personal und Waren zurückgreifen können. Die inländischen Lieferketten scheinen mehr und mehr zu funktionieren. Ein großes Problem bleibt aber, gerade für deutsche Unternehmen hier, die Zulieferung aus dem Ausland."

Export leidet

Wann das Vorkrisen-Niveau der chinesischen Wirtschaft wieder erreicht wird, ist offen. Denn landesweit haben Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz verloren. Unzähligen kleinen Firmen in allen 33 Landesteilen Chinas droht der Bankrott. Und durch die De-Facto-Einreisesperre für Ausländer wird auch die internationale Vernetzung der chinesischen Wirtschaft massiv beschädigt. Handelskammer-Chef Wuttke sagt:

"Es stottert links und rechts und ich glaube, wir haben noch nicht einmal richtig begriffen, wie schwerwiegend die Schäden für uns sein werden. Und das große Problem steht uns ja ehrlich gesagt noch bevor: Das ist die fallende Nachfrage im Rest der Welt. China verkauft ja Produkte im Wert von rund einer Milliarde Euro pro Tag nach Europa. Da muss man sehen, wie viel davon noch übrig bleibt. Und dann natürlich die chinesische Binnenwirtschaft: Rund vier Millionen Leute haben ihren Job verloren und diese Leute werden dann im Konsum sehr viel verhaltener sein als bisher."

Die private britische Wirtschaftsdaten-Firma Economist Intelligence Unit rechnet für 2020 damit, dass Chinas Wirtschaft nur noch minimal, um ein Prozent wachsen wird. Ein dramatischer Einbruch für ein Land, das in den vergangenen Jahren Wachstumsraten von offiziell sechs bis sieben Prozent gewöhnt war.

Politisch gewollt, aber schwer umzusetzen: Chinas Neustart der Wirtschaft
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
01.04.2020 09:34 Uhr

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