Zwei chinesische Mädchen beugen sich in einer Bibliothek über ein aufgeschlagenes Buch. | Bildquelle: dpa

China Das zweite Kind - eine Geldfrage

Stand: 06.03.2019 00:56 Uhr

Vor rund anderthalb Jahren hat China seine Ein-Kind-Politik geändert. Doch die Geburtenrate bleibt gering - für viele ist der Traum einer größeren Familie einfach zu teuer.

Von Benjamin Eyssel, ARD-Studio Peking

Kurz nach 16 Uhr vor einem Kindergarten in Shenyang im Nordosten Chinas. In der Hauptstadt der Provinz Liaoning leben etwa zehn Millionen Menschen.

Dutzende Kinder strömen nach draußen. Vor dem Kindergarten warten Eltern und Großeltern. Der 43-jährige Verkäufer Xu Xianfeng holt seinen sechsjährigen Sohn Guangshuo ab. Am liebsten hätte er noch ein zweites Kind, sagt er: "Meine Frau will zurzeit aber leider kein zweites Kind. Es ist einfach zu teuer."

Viele Eltern verschulden sich

Der Druck in China ist enorm - auf Eltern und auf Kinder. Vom Staat gibt es kaum Unterstützung. Die Eltern wollen, dass ihr Kind in der Schule erfolgreich ist und später einen guten Job hat - denn das Kind ist die Altersversicherung.

Das alles kostet: eine gute Schule, Nachhilfe, eine gute Universität. Chinesen verschulden sich häufig noch wegen eines Kindes. Für viele kommt deswegen ein zweites gar nicht in Frage.

Gerade im Nordosten, wo die wirtschaftliche Situation nicht so gut ist, sagt Xu Xianfeng: "Die Menschen, die hier ein zweites Kind haben, stammen meistens aus Südchina. Viele junge Leute aus dem Nordosten ziehen weg. Wer hier bleibt, ist meist schon zu alt zum Kinderkriegen. Das sind die zwei Hauptgründe für die niedrige Geburtenrate."

Ältere Einwohner scharen sich in Shenyang um zwei Männer an einem Spielbrett.
galerie

Ein gewohnter Anblick in Shenyang: Die Älteren bleiben, die Jüngeren ziehen weg.

Landesweit niedrigste Geburtenrate

Die Provinz Liaoning war einst eine wirtschaftlich starke Region, bekannt für Stahl und Kohle. Doch seit dem Niedergang der Industrie wandern viele Menschen ab.

Außerdem wurde die Ein-Kind-Politik bis zu ihrer Abschaffung Anfang 2016 hier im Nordosten besonders strikt umgesetzt. Während im gesamten China die offizielle Geburtenrate bei rund 1,2 Kindern pro Frau liegt, sind es in der Provinz Liaoning nur 0,9 - die niedrigste im ganzen Land.

Zum Vergleich: In Deutschland sind es 1,6 Kinder pro Frau. Experten sagen: 2,1 Kinder sind ideal, um die Bevölkerung stabil zu halten und Überalterung zu verhindern.

Das Kind bei den Großeltern, die Eltern in der Stadt

Ein Gemeinschaftszentrum der Kommunistischen Partei Chinas im Stadtzentrum von Shenyang: Hier gibt es medizinische Beratung, aber auch Hilfe bei alltäglichen Dingen. Man sieht vor allem alte Leute. In einem nicht klimatisierten Nebenraum sitzen sechs Frauen, alle älter als 60 Jahre, und inhalieren heißen Dampf. Das soll gut sein für den Kreislauf, bei 35 Grad Außentemperatur im Schatten.

Die 67-jährige Frau Yang will nicht, dass ihr Sohn zusammen mit seiner Frau ein zweites Kind bekommt. Das eine Kind sei schon genug Belastung: "Wir müssen helfen, uns um die Kinder zu kümmern. Das ist auch anstrengend für uns. Die Lebenshaltungskosten halten sich noch im Rahmen, aber die Bildungskosten sind zu hoch."

In China ist es ganz normal, dass die Großeltern bei der Erziehung der Kinder helfen. Unter anderem, weil es zu wenig Kindergartenplätze gibt. Viele Kinder wachsen auch ganz bei den Großeltern auf dem Land auf, während die Eltern in einer der Millionenstädte als sogenannte Wanderarbeiter Geld verdienen.

Überalterung wird zum Problem

Xu Jiao ist stellvertretende Parteisekretärin im Nachbarschaftszentrum in Shenyang. Auch sie spürt, dass das Land immer älter wird. Die Hälfte der Menschen in ihrem Einzugsbereich sei mehr als 60 Jahre alt, sagt sie.

"Die Überalterung in China ist ein ernstes Problem. Die Ein-Kind-Politik hat wohl auch zu der Situation beigetragen. Ich habe einmal eine Umfrage gemacht, nur ein Drittel der Familien hier wollen ein zweites Kind."

Sie selbst hat ein Kind, ein zweites will aber auch sie nicht. Dennoch gehen ihre Mitarbeiter raus und machen Werbung für die Zwei-Kind-Politik der Staats- und Parteiführung.

Die stellvertretende Parteisekretärin im Nachbarschaftszentrum in Shenyang: Xu Jiao.
galerie

Die stellvertretende Parteisekretärin im Nachbarschaftszentrum in Shenyang Xu Jiao macht zwar Werbung für die neue Politik Chinas, ein zweites Kind will sie aber selbst nicht.

Ein-Kind-Politik wurde 2016 abgeschafft

Fast 40 Jahre lang galt in China die Ein-Kind-Politik. Das Ziel war es, das Bevölkerungswachstum zu kontrollieren und Hungersnöte zu verhindern. Wer sich nicht daran hielt, musste mit Strafen rechnen. Auch von Zwangssterilisationen und erzwungenen Abtreibungen wurde berichtet.

Allerdings gab es auch etliche Ausnahmen, beispielsweise für Minderheiten. Und auf dem Land wurden die Vorgaben deutlich weniger strikt umgesetzt als in den Städten. In den vergangenen Jahren der Ein-Kind-Politik gab es immer mehr Lockerungen, bis schließlich 2016 allen verheirateten Paaren zwei Kinder erlaubt wurden.

Im März kam der Nationale Volkskongress in Peking zu seiner jährlichen Sitzung zusammen. Li Bin, die Ministerin für Gesundheit und Familienplanung, verteidigte die Zwei-Kind-Politik in ihrer Rede:

„Wenn die neue Politik greift, wird die Bevölkerung in den kommenden Jahren wachsen. Bis 2050 wird sich dadurch die arbeitende Bevölkerung in China um 30 Millionen Menschen erhöhen. Und der Anteil der Älteren in der Bevölkerung wird sinken. So können wir den demographischen Wandel ausgleichen."

Die erhoffte Wende bleibt aus

Doch bislang hat die Einführung der Zwei-Kind-Politik noch nicht die erhoffte Wende gebracht. Im Gegenteil: Die Zahl der Geburten nimmt sogar ab.

Nun hat die Regierung in Shenyang einen bislang einmaligen Vorstoß gemacht, um gegen den Bevölkerungsschwund und niedrige Geburtenraten vorzugehen. In einem Papier schlägt sie unter anderem Steuererleichterungen, Unterstützung bei Ausbildung und Wohnzuschüsse vor. Zwar gibt es Unterstützung für Familien mit zwei Kindern schon teilweise auf kommunaler Ebene, die Regierung in Liaoning wäre aber die erste, die ein solches Förderprogramm auf Provinzebene aufzieht.

Der chinesische Verkäufer Xu Xianfeng mit seinem sechsjährigen Sohn.
galerie

Der chinesische Verkäufer Xu Xianfeng mit seinem sechsjährigen Sohn.

Der Verkäufer Xu Xianfeng glaubt allerdings nicht, dass ein Förderprogramm für mehr Kinder seine Provinz wieder in Richtung Bevölkerungswachstum bringt. Dafür müsste es schon richtig viel Geld geben und rechnet vor: "Mein Sohn ist sechs Jahre alt. Ich habe für ihn etwa 150.000 Yuan ausgegeben, etwa 20.000 Euro - die Schulgebühr ist da noch nicht mit eingerechnet. Für die Schule muss er außerdem Nachhilfestunden nehmen, auch das kostet sehr viel. Wenn der Staat einen Kinder-Bonus von 100.000 Yuan zahlen würde, dann könnte man es sich vielleicht nochmal überlegen."

Darstellung: