Präsidentschaftskandidat Kast | REUTERS

Präsidentenwahl in Chile Kandidaten der Ränder liegen vorne

Stand: 22.11.2021 08:27 Uhr

Chile steht vor einem politischen Umbruch. Ein linker Protestanführer und ein ultrarechter Pinochet-Sympathisant ziehen wohl in die Stichwahl um das Präsidentenamt ein.

Nach der ersten Runde der Präsidentenwahl in Chile am Sonntag zeichnet sich in dem südamerikanischen Land ein Schlagabtausch der politischen Extreme um das höchste Staatsamt ab. Der deutschstämmige Rechtsaußen-Kandidat José Antonio Kast kam auf gut 28 Prozent der Stimmen, wie das Wahlamt mitteilte. Für den jungen Linkspolitiker Gabriel Boric stimmten rund 25 Prozent der Wähler.

Damit dürften die beiden Bewerber von den äußersten Rändern des politischen Spektrums in die Stichwahl am 19. Dezember einziehen. Kast von der Republikanischen Partei will Steuern senken, die Zuwanderung begrenzen und hart gegen Kriminelle vorgehen. Er hat sich nie deutlich von der Militärdiktatur von General Augusto Pinochet (1973-1990) distanziert und sympathisiert mit dem ultrarechten brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro. Manche chilenische Medien stufen Kast als Rechtsextremisten und Faschisten ein.

"Es muss ganz klar gesagt werden: Gabriel Boric und die Kommunistische Partei verteidigen den Terrorismus, sie haben leider gesagt, dass sie Instabilität für unser Land wollen", rief Kast nach der Verkündung der ersten Hochrechnungen seinen Anhängern entgegen. "Sie wollen unsere Grenzen für den Handel schließen, wollen weitergehen auf dem Weg des Hasses, der Intoleranz und der Zerstörung. Doch die Gewalt muss ein Ende haben."

"Chile kann ein gerechteres Land sein"

Der gerade einmal 35 Jahre alte Kandidat Boric vom linken Wahlbündnis "Apruebo Dignidad" (Ich stimme der Würde zu) wirbt für den Ausbau des Sozialstaats, Klimaschutz und Frauenrechte. "Chile war die Wiege des Neoliberalismus, es wird auch sein Grab sein", sagte der frühere Studenten-Anführer und Abgeordnete der Region Magallanes im Wahlkampf.

"Ich bin nicht hier, um schlecht gegen einen anderen Kandidaten zu reden, das ist nicht mein Stil", sagte Boric nach seinem erfolgreichen Abschneiden. "Unser Kreuzzug in dieser zweiten Phase wird sein, dass in ganz Chile die Hoffnung die Angst besiegt. Wir sind stolz darauf, dass eine neue Generation sagt: Chile kann ein anderes, ein gerechteres, ein würdiges Land für alle sein."

Präsidentschaftskandidat Boric | REUTERS

Linkspolitiker Boric landete auf Platz zwei. Bild: REUTERS

Etablierten Parteien schaffen es nicht in Stichwahl

Das traditionelle Parteiengefüge in Chile ist durch den Wahlausgang vorerst Geschichte. Das erste Mal seit der Rückkehr zur Demokratie 1990 schafften es die traditionellen Mitte-Links- und Mitte-Rechts-Parteien nicht einmal in die Stichwahl.

Für Überraschung sorgte zudem der Wirtschaftswissenschaftler Franco Parisi, der auf gut 13 Prozent der Stimmen kam und damit deutlich bekanntere Kandidaten wie Sebastián Sichel vom Regierungsbündnis "Chile Vamos" und die frühere Senatspräsidentin Yasna Provoste von der christdemokratischen Partei auf die Plätze verwies. Der libertäre Politiker lebt nicht einmal in Chile und landete dennoch auf dem dritten Platz.

Land in der Krise

Lange galt Chile als positives Beispiel in der von Armut, Gewalt und politischer Unruhe geprägten Region. Das Land hat das höchste Pro-Kopf-Einkommen in Südamerika, die Armut konnte in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gesenkt werden. Zudem verfügt Chile über eine aktive Zivilgesellschaft, seit der Rückkehr zur Demokratie wechselten sich gemäßigte linke und rechte Regierungen ab.

Seit zwei Jahren befindet sich Chile im Umbruch: 2019 wurde das Land, das lange als Oase der Stabilität in Lateinamerika galt, von einer monatelangen Protestwelle überrollt. Hunderttausende gingen gegen die extreme soziale Ungleichheit auf die Straße, eine abgehobene Elite und die Verfassung, die noch aus Zeiten der Pinochet-Diktatur stammt. Eine zentrale Forderung wird bereits umgesetzt: Derzeit arbeitet ein Konvent an einer neuen Verfassung.

Wegen Brandanschlägen und Attacken radikaler Indigener vom Volk der Mapuche hat die Regierung zudem in einigen Regionen im Süden des Landes den Notstand ausgerufen. Präsident Sebastián Piñera entging in der vergangenen Woche nur knapp einem Amtsenthebungsverfahren wegen eines fragwürdigen Bergbau-Deals.

Mit Informationen von Anne Herrberg, ARD-Studio Rio de Janeiro

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. November 2021 um 06:00 Uhr in den Nachrichten.