Conte und Casalino

Italiens Regierungssprecher Der Mann, der Premier Conte schuf

Stand: 04.06.2020 15:22 Uhr

Er war in Italiens erstem Big-Brother-Container. Jetzt ist Rocco Casalino in der Regierung in Rom einer der einflussreichsten Männer und ein Grund dafür, dass Ministerpräsident Conte in Umfragen gut dasteht.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Es ist, als wenn Jürgen oder Zlatko aus der ersten Big Brother-Staffel Regierungssprecher von Angela Merkel wäre. Rocco Casalino war ein Star der ersten italienischen Ausgabe der Container-Trashshow. Heute ist er Sprecher und Berater von Regierungschef Giuseppe Conte.

"Casalino ist absolut ein Novum für die italienische Politik", sagt Andrea Carugati, der früher als Korrespondent der "La Stampa" Casalino täglich aus nächster Nähe erlebt hat. "Dem großen Publikum ist er als Teilnehmer einer Realityshow bekannt. Er hat keine politische oder journalistische Vergangenheit. Bislang waren die italienischen Spindoctors selbst Politiker oder bekannte Journalisten von Zeitungen", so Carugati weiter.

Einer der wichtigsten Männer im Regierungspalast

Wer im politischen Rom fragt, warum Ministerpräsident Conte nach drei Monaten des akuten Corona-Notstands in den Umfragen so glänzend dasteht, bekommt als Antwort unter anderem: Rocco Casalino. Über den ehemaligen Containerbewohner und heutigen Regierungssprecher sagt der Politikwissenschaftler Andrea Muratore:

"Er hat es geschafft, die Figur Contes zu gestalten, als etwas, das vom übrigen institutionellen Kontext getrennt ist. Dabei nutzt er Methoden der Realityshow. Jede der kommunikativen Gesten Contes ist zielgerichtet. Bei Conte soll immer eine besänftigende Erzählung transportiert werden, die einer ruhigen Kraft."

Nach seiner Zeit als Big-Brother-Kandidat ist Casalino häufig in Talkshows zu Gast, ehe er über die populistische Fünf-Sterne-Bewegung in die Politik kommt. Der mediengeübte Realitystar nimmt die Pressearbeit in die Hand, als die Fünf Sterne 2013 ins Parlament einziehen und begleitet den Aufstieg des heutigen Außenminister Luigi Di Maio. Über sich selbst sagt Casalino: "Ich bin kein Politiker, ich kümmere mich um Kommunikation."

Rocco Casalino | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Rocco Casalino gilt als einer der einflussreichsten Männer in der italienischen Regierung.

Und zwar seit Sommer 2018 um die des neuen Ministerpräsidenten Conte. Der ehemalige Rechtsprofessor, politisch bis dahin nicht aufgefallen, kommt als Kompromisskandidat ins Amt. Casalino wird als Strippenzieher zu einem der mächtigsten Männer im Regierungspalast. Das Image des unerfahrenen neuen Regierungschefs liegt in seinen Händen.

Conte-Auftritte bis ins Kleinste vorbereitet

"Er schafft es, mit Conte auf einer leeren Tafel zu malen. Da Conte völlig unbekannt ist, kann er ihn als politische Persönlichkeit sozusagen von Null aufbauen", sagt Carugati, der heute als Redakteur beim Fernsehsender La7 arbeitet. Jedes Detail der öffentlichen Auftritte Contes, erzählen andere Journalisten, werde vom ehrgeizigen Casalino stets bis ins Kleinste vorbereitet.

Mit Erfolg, betont Politikwissenschaftler Muratore: Die größte Fähigkeit Casalinos sei es gewesen, eine Erzählung von Conte als vermittelnde, parteiübergreifende Person zu verwirklichen. Auf dieser Basis habe es Conte geschafft, jetzt eine Regierungsmehrheit zu führen, die seiner vorhergehenden völlig entgegengesetzt sei.

Schwierige Zeit in Deutschland

Casalino, den enge Beobachter als eher unpolitisch beschreiben, wird nach offiziellen Regierungsangaben besser bezahlt als Conte. Interviews gibt er selten, auch eine Anfrage des ARD-Studios Rom ließ er im Sande verlaufen.

2018 stellte sich Casalino kurz in einer Talkshow der RAI. Damals war ein mehrere Jahre altes Video aufgetaucht, in dem der heutige Regierungssprecher sagt, ihn ekelten Menschen mit Down-Syndrom. Casalino entschuldigte sich und betonte, er selbst sei Diskriminierungen ausgesetzt gewesen - unter anderem als Kind in Deutschland.

"Mit meiner Familie waren wir als Migranten in Deutschland in den Siebziger- und Achtzigerjahren, als es nicht leicht war, Italiener in Deutschland zu sein. Jeden zweiten Tag wurden wir als 'Spaghettifresser' beleidigt."

Auch als Schwuler, sagt Casalino, der in Nähe von Mannheim geboren ist, habe er Gewalt und Diskriminierung erfahren. Gleichzeitig räumte der Regierungssprecher im RAI-Gespräch ein, er habe in der Vergangenheit auch Fehler gemacht. Ein Wunsch Casalinos: Er möchte er nicht mehr auf seine Teilnahme an einer Realityshow reduziert werden.

Rocco Casalino: Der Mann, der Giuseppe Conte schuf
Jörg Seisselberg, ARD Rom
04.06.2020 13:31 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Juni 2020 um 09:10 Uhr.

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