Jugendliche in New York | Bildquelle: ARD-Studio New York

Kampf gegen Gewalt in der Bronx Ronnie kennt keine Feinde

Stand: 16.09.2020 04:27 Uhr

In der Pandemie ist die Bronx für Jugendliche noch trostloser geworden - und aus Frust wird schnell Gewalt. Die "Violence Interruptors" setzen ihre "Street Credibility" ein, um zu vermitteln.

Von Christiane Meier, ARD-Studio New York

"Gangster brauchen Liebe", sagt Ronnie - und er muss es wissen, denn er sieht sich selbst als König seines Kiezes: fünf Blocks in der South Bronx. Jede Nacht ist er draußen bei den Kids, die gelangweilt vor den Hochhäusern rumhängen, weil zu Hause kein Platz ist, keine Unterhaltung und keine Herausforderungen warten.

Seit die Corona-Pandemie die Arbeitslosigkeit in ungeahnte Höhen trieb, ist es in der South Bronx für die Jugendlichen noch trostloser geworden. Die Eltern sind gestresst, es gibt kaum das Geld fürs Essen, die Schule ist noch geschlossen, es fehlt an Vorbildern und Ermutigung. Und die schnelle Ablenkung durch Drogen ist allgegenwärtig. Aus Frust wird schnell Gewalt.

"Hier ist alles voller Waffen. Es ist fast, als würdest du dein Party-Outfit anziehen", beschreibt Ronnie. "Erst die Hose, dann die Schuhe, dann das Hemd, dann die Mütze und dann kommt die Waffe irgendwo hin, in den Gürtel oder die Tasche, wo immer sie hinpasst. So läuft das hier, das ist normal. Du brauchst die Waffe um dich zu schützen. Vor der Polizei oder vor uns untereinander."

Ronnie | Bildquelle: ARD-Studio New York
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Ronnie verbrachte 13 Jahre seines Lebens im Gefängnis. Jetzt ist er 32 Jahre alt - und will etwas verändern.

Ronnie änderte sein Leben nach 13 Jahren hinter Gittern

Ronnie hat in seinen Blocks "street credibility": Er wird respektiert und gemocht, selbst die Drogendealer lassen ihn in Ruhe. Denn er war noch kürzlich selbst einer von ihnen. Mit 17 war er zum ersten Mal im Gefängnis - es war das Jahr, in dem sein Bruder, sein Stiefbruder und sein Großvater innerhalb von zwei Wochen erschossen wurden.

Nach insgesamt dreizehn Jahren hinter Gittern hat Ronnie sein Leben radikal geändert. Vier Monate Einzelhaft hätten ihn fast zerbrochen, deshalb beschloss er, sich und sein Leben unter Kontrolle zu bekommen. Jetzt setzt der 32-jährige Ronnie nicht mehr nur auf Gewalt, sondern auf Zuwendung. Er nutzt seine Energie, um Auseinandersetzungen zu verhindern, statt sie zu verursachen: Als Violence Interrupter, so sein Titel, "Gewalt-Unterbrecher", hat er jetzt einen Job bei BronxConnect - einer Stiftung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Jugendliche aus dem Gefängnis herauszuhalten.

"Ich dachte immer die Leute lügen, wenn sie sagen sie, dass sie Freude empfinden, wenn sie anderen helfen. Aber wenn es wirklich von Herzen kommt, erwartest du gar nichts. Und dann kommt doch etwas zurück, auf vielen unterschiedlichen Wegen", erzählt Ronnie.

Ein Händedruck erreicht manches harte Herz

Schlimm war es hier schon immer, denn Armut führt zu Hoffnungslosigkeit. Aber die Pandemie habe alles noch schlimmer gemacht, sagt Ronnie: "Die Armen sind ärmer geworden, keine Jobs, kein Geld, kein Essen. Was sollen die Leute denn machen?" Das Geld der Stadt reicht meist nur für die Miete. Medikamente, Nahrung, Schulbücher: Dafür ist nicht genug da.

Weil das Verhältnis zur Polizei durch Polizeigewalt, Kriminalität und wechselseitiges Misstrauen schon lange gestört ist, hat sich BronxConnect zum Ziel gesetzt, Gewalt zu verhindern und Jugendliche zu stärken, damit sie gar nicht erst in Konflikte geraten.

Jugendliche in New York | Bildquelle: ARD-Studio New York
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Gestresste Eltern, kein Geld, keine Perspektive: In der Pandemie ist die Bronx seit der Pandemie noch trostloser geworden.

Ronnie drückt es anders aus. Er sagt, sie müssten bei sich selber anfangen, die eigene Polizei sein. Aber wie soll man einen hartgesottenen Kriminellen ansprechen, geschweige denn zu einer Verhaltensänderung bringen? Für Ronnie fängt das auf der Straße an - und er kennt keine Feinde. Alle in seinen fünf Blocks können sich auf eines verlassen: Es gibt immer eine Umarmung. Hugs und Handdrücken: Das scheint auch manches harte Herz zu erreichen.

"Wir sehen uns selbst als Gangster und mein Motto ist: Gangster brauchen Liebe. Denn die Straße liebt dich nicht. Aber die Leute suchen auf den Straßen nach Liebe und die können wir nur unter uns selbst finden", sagt Ronnie. "Deshalb drücke ich sie, statt ihnen die Hand zu schütteln. Ich muss ihnen zeigen, dass sie mir wichtig sind." Manche Menschen sind zwei, drei Wochen nicht umarmt worden, vielleicht sogar einen Monat lang. Oder nie. Wenn sie mich sehen, wissen sie: Hier gibt es eine Umarmung."

"Kugeln tragen keine Namen"

24 Violence Interrupter versuchen die Straßen der South Bronx sicherer zu machen. Sie verteilen aber auch Masken, Desinfektionstücher oder Vordrucke für Jobbewerbungen. Im Moment haben sie es besonders schwer. New York hat in den letzten Wochen ein Aufflammen an Gewalt erlebt, wie es viele aus den 1990er-Jahren in Erinnerung haben. Willkürlich und manchmal auch versehentlich werden junge Schwarze erschossen.

Am Labour-Wochenende traf es einen sechsjährigen Jungen, die Kugel ging durch beide Beine. Verdächtigt wird ein 15-Jähriger. An einem der vergangenen Wochenenden wurden 87 Waffen beschlagnahmt, 128 Menschen angezeigt. Aber Ronnie ist jetzt einer der Guten. Immer einen lustigen Spruch auf den Lippen, kommt Ronnie als Kumpel rüber. Aber er weiß, dass er sich keinen Moment der Unachtsamkeit leisten kann, auch nicht jetzt in seiner neuen Rolle.

"Ich bin hier für meine Leute. Ich bin auf diese Erde gekommen, um anderen zu helfen. Punkt", sagt er - und dann denkt er nochmal nach und setzt hinzu: "Wenn meine Zeit kommt, dann kommt sie. Kugeln tragen keine Namen. Wenn es passiert, dann passiert es eben, aber in meiner Nachbarschaft fühle ich mich sicher, ich bin hier keine Zielscheibe."

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