Unterstützer des Präsidentschaftskandidaten Bolsonaro rufen Parolen während einer Kundgebung.  | Bildquelle: dpa

Vor Präsidentschaftswahl Brasiliens verrückter Wahlkampf

Stand: 22.09.2018 12:59 Uhr

Am 7. Oktober wird in Brasilien gewählt: Der frühere Staatschef, Lula da Silva, ist aus dem Rennen - um das Amt des Präsidenten. Nun stehen andere Kandidaten in den Startlöchern.

Von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Buenos Aires

Der Favorit darf nicht antreten, zieht aber aus dem Gefängnis die Strippen. Der führende Kandidat in den Umfragen macht Wahlkampf vom Krankenbett aus, gelegentliche Tweets reichen, um seine Anhänger anzuheizen.

Brasilien erlebt einen verrückten Wahlkampf, der die noch junge Demokratie ans Äußerste führt. Auf der Avenida Paulista, der wichtigsten Straße der Wirtschaftsmetropole São Paulo, sind Wahlkämpfer aller Kandidaten unterwegs, am auffälligsten und am lautesten sind aber die Anhänger von Jair Bolsonaro.

"Brasilien gehört den Brasilianern"

Unterstützer des Präsidentschaftskandidaten Bolsonaro rufen Parolen während einer Kundgebung. | Bildquelle: dpa
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Am auffälligsten und lautesten sind die Anhänger von Jair Bolsonaro

"Brasilien über alles" ist einer der Sprüche, mit denen sie in die Kampagne ziehen. Der Rechtspopulist Bolsonaro war Fallschirmjäger, wurde unter seltsamen Umständen aus der Armee entlassen, sitzt seit 30 Jahren im Kongress, tritt jetzt aber als stramm rechter Kandidat gegen das Establishment an. So heißt es auf der Straße:

"Er ist der einzige anständige Politiker. Er ist der einzige, der gegen diese Gender-Politik ist und für neutrale Schulen, für Moral und Ethik in diesem Land."

"Die Linie von Bolsonaro hat uns immer gefallen. Eine starke Linie, die das Konservative schützen will, verbunden mit streng konservativen Familienwerten. "

"In erster Linie ist er gegen Abtreibung und gegen Drogen und er nimmt die Polizei in Schutz, die immer schlecht gemacht wird. Er ist Patriot und genau das fehlt heute in Brasilien. Die Liebe zu Brasilien wurde ausgelöscht als die Linke an die Macht kam. Wer sich Patriot nennt, wird ja noch ausgelacht."

"Das brasilianische Volk ist anständig, konservativ, patriotisch und christlich. Seit 1985, seit dem Ende der Diktatur wurden ihm diese Charakterzüge weggenommen, seine Kultur wurde nicht respektiert. Jetzt taucht Bolsonaro in dem Moment auf, in dem das Volk erwacht. Es geht darum, dass Brasilien den Brasilianern gehört."

Bolsonaro: "Brasiliens Trump"

Jair Bolsonaro | Bildquelle: AP
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Kandidat Jair Bolsonaro: Immer wieder wird er "Brasiliens Trump" genannt

Immer wieder wird er "Brasiliens Trump" genannt, doch so offen wie Bolsonaro hetzt nicht einmal Trump gegen Frauen, gegen Schwarze und gegen Homosexuelle. Und Bolsonaro scheut auch nicht davor zurück, die Folterknechte der Militärdiktatur zu loben, die Brasilien bis 1985 beherrschten. Sein Programm: Konservative Werte in den Schulen und die Freigabe von Waffen. Sein Markenzeichen ist der Schießfinger: Mit abgespreiztem Zeigefinger und Daumen imitiert er einen Revolver und feuert gern auf Bilder von Ex-Präsident Lula.

Seit einem Messerangriff berichten alle über Bolsonaro

Anfang September wird Bolsonaro selbst Opfer eines Angriffs. Bei einem Wahlkampfauftritt rammt ein Mann ihm ein Messer in den Bauch. Sein Darm wird perforiert, eine Notoperation rettet dem Rechtspolitiker das Leben. Wahrscheinlich muss er bis zur Wahl am 7. Oktober das Bett hüten. Doch das Attentat bremst ihn nicht, es gibt ihm weiter Auftrieb. Bolsonaro hat keine Wahlbündnisse geschlossen, deswegen steht ihm kaum Sendezeit für Wahlspots in Radio und Fernsehen zu. Doch seit dem Angriff berichten Brasiliens Nachrichtensender fast rund um die Uhr über ihn.

Jede Darmtätigkeit des Verletzten ist jetzt eine Eilmeldung. Das Ergebnis: Bolsonaro legt in den Umfragen zu, zuletzt lag er zwischen 25 und 30 Prozent und damit weit vor allen anderen Kandidaten. Zumindest denen, die tatsächlich zur Wahl antreten können

Lula kämpfte um seine Kandidatur

Denn der ursprüngliche Favorit auf den Präsidentenposten ist mittlerweile endgültig aus dem Rennen. Bis zum letzten Moment hatte Ex-Präsident Lula da Silva an seiner Kandidatur festgehalten. Der alte Arbeiterführer wollte es noch einmal wissen: "Ich bin 72 Jahre alt, aber ich habe die Energie eines 30-Jährigen und bin noch so scharf drauf wie mit 20. Und die anderen wissen: Wenn ich antrete, werde ich im ersten Wahlgang gewinnen, und dann werde ich das Land aus dem Dreck ziehen. "

Luiz Inacio Lula da Silva | Bildquelle: REUTERS
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Ex-Präsident Lula da Silva kämpfte bis zuletzt um seine Kandidatur

Aber Lula ist wegen Korruption zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Und nach dem "Ficha Limpa"-Gesetz, das er selbst einst verkündet hatte, ist er damit automatisch von der Wahl ausgeschlossen. Die Arbeiterpartei vermutet ein Komplott hinter dem Urteil: Erst wurde ihre Präsident Dilma Rousseff mit fadenscheinigen Gründen des Amtes enthoben, dann darf der immer noch populäre Lula nicht antreten. Bis zuletzt kämpfte Lula um seine Kandidatur.

Möglicherweise zu lang, findet der Politikwissenschaftler Marco Aurelio Nogueira von der Universität São Paulo: "Das war aus meiner Sicht fast eine Selbstmordstrategie. Sie erlaubt der Arbeiterpartei nicht, über Lula hinauszuwachsen. Die Taktik ist auf die Figur von Lula begrenzt. Und der Ersatzkandidat erscheint nicht als eigenständiger Charakter, der sich selbt in den Wahlkampf einbringt."

Haddad: Stallgeruch des Arbeiterführers fehlt

Erst im allerletzten Moment, eine Stunde vor dem Ablauf der Frist, die das Oberste Wahlgericht gesetzt hatte, trat Lula doch noch beiseite - anderenfalls hätte die Arbeiterpartei ohne Kandidaten dagestanden. Vor seinem Gefängnis ließ er einen Brief an das brasilianische Volk verlesen: "Ich will alle, die für mich stimmen wollten, von Herzen bitten, den Genossen Fernando Haddad zum Präsidenten zu wählen."

Fernando Haddad | Bildquelle: dpa
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Kandidat Fernando Haddad tritt erst jetzt aus Lulas Schatten

Doch Haddad, bis jetzt Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten, ist Akademiker, ihm fehlt der Stallgeruch des Arbeiterführers und das Charisma des alten Volkstribuns Lula. Und dadurch, dass er erst jetzt aus Lulas Schatten treten darf, hat er keine Chance mehr, sich ein eigenes Profil zu erarbeiten. Ihm bleibt nur, die guten Zeiten unter Präsident Lula zu beschwören. "Der Präsident hat uns allen den Auftrag gegeben, dem Volk in die Augen zu schauen und an die guten Tage zu erinnern, die wir erlebt haben."

Denn unter Lula erlebte Brasilien einen vorübergehenden Boom, den das Land allerdings mit einem umso steileren Absturz der Wirtschaft bezahlte.

Haddad: Immerhin zweiter Platz in Umfragen

Mit Unterstützung Lulas ist Haddad in den Umfragen jetzt immerhin auf den zweiten Platz in den Umfragen vorgerückt - das könnte ihm den Wahlsieg bringen, wenn alle demokratischen Kräfte sich in der Stichwahl gegen Bolsonaro verbünden. Sicher ist das jedoch nicht. Haddad hat nur einen hauchdünnen Vorsprung vor anderen Kandidaten, die noch Chancen auf die Stichwahl haben: Auch der Sozialdemokrat Ciro Gomes, die Grüne Marina Silva und der Konservative Geraldo Alckmin können sich noch Chancen ausrechnen in diesem verrückten Wahlkampf in Brasilien. 

Brasiliens irrer Wahlkampf
Ivo Marusczyk, ARD Buenos Aires
22.09.2018 11:22 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 22. September 2018 um 10:12 Uhr.

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