Der serbische Präsident Aleksandar Vucic (links) applaudiert, nachdem er dem Schriftsteller Peter Handke im Mai 2021 die Auszeichnung des Kardjordje-Sterns überreicht hat. | AP

Serbien ehrt Peter Handke Ein Stern für den umstrittenen Schriftsteller

Stand: 10.05.2021 10:15 Uhr

Serbien hat den Literaturnobelpreisträger Handke für dessen Bemühungen für das Balkanland ausgezeichnet - ein PR-Erfolg für serbische Nationalisten. Bosniaken reagieren empört.

Von Andrea Beer,  ARD-Studio Wien

Belgrad am Sonntagabend, am Sitz des serbischen Präsidenten: Aleksandar Vucic übergibt Peter Handke den hohen Kardjordje-Stern. Der Literaturnobelpreisträger wird geehrt für seinen Einsatz für Serbien. Wenn er das menschliche Drama der Serben im Kosovo verstehen wolle, dann greife er zum serbischen Zyklus von Handke, sagt Vucic.

Andrea Beer ARD-Studio Wien

Neben dem knapp Zwei-Meter-Mann Vucic wirkt der österreichische Schriftsteller eher klein, doch fühlen kann er sich riesig. Denn in den vergangenen Tagen gab es für Handke den ganz großen Bahnhof.

Pomp und Prominenz für den Ehrengast

Am Freitag schwebt er mit dem Hubschrauber in Visegrad ein, direkt aus Banja Luka - dem Regierungssitz des serbischen Landesteils von Bosnien und Herzegowina. Dort trifft Handke ranghohe Politiker wie Milorad Dodik. Der ist serbisches Mitglied im dreiköpfigen gesamtstaatlichen Präsidium und versucht seit Jahren, den Staat Bosnien und Herzegowina zu spalten. 

In Visegrad ist der berühmte Regisseur Emir Kusturica mit Handke unterwegs, wo dieser einen Literaturpreis bekommt - benannt nach Ivo Andric, dem bosnischen Literaturnobelpreisträger von 1961, der in Visegrad aufwuchs. Seine "Brücke über die Drina" machte die Stadt weltberühmt. Kusturica ist wortkarg und ungnädig brummt er: "Natürlich bedeutet das viel. Weil das der einzigartige Fall ist, dass in die Stadt eines Nobelpreisträgers ein Nobelpreisträger kommt."

Der Schriftsteller hält in Belgrad bei einer Preisverleihung ihm zu Ehren eine Rede. | AFP

Für seine abfälligen Äußerungen über die Opfer serbischer Kriegsverbrechen wird Peter Handke scharf kritisiert. Bild: AFP

Eine Feier umrahmt von serbischem Nationalstolz

Ganz in schwarz gekleidet, den Mantel über dem Arm, folgt Handke Kusturica dann durch "Andricgrad". Ein Mini-Stadtteil, den Kusturica in Visegrad aus dem Boden gestampft hat: serbische Denkmäler, Kosovo-Kloster und Kino inklusive. Das Setting für die Preisverleihung.

Schriftsteller seien auf das Gemeinsame aus, sagt Handke bei den Feierlichkeiten, "unterwegs auf der wunderbaren Expedition Literatur". Mit bosniakischen oder kosovoalbanischen Schriftstellern würde er sich sicher gut verstehen, sähe er sie einzeln. "Ich würde sie gerne einladen, mit mir zusammen an einem Tisch zu sitzen oder vielleicht im Gras am Ufer eines Flusses - und wir könnten zusammen sein."

Entsetzen über das nicht Gesagte

Bakira Hasecic ist zwar keine Schriftstellerin, doch die Bosniakin aus Visegrad würde Handke trotzdem gerne treffen. Handke, der die Trauerrede für den serbischen Nationalisten Slobodan Milošević hielt. Handke, der sich abfällig über Srebrenica-Völkermord-Opfer äußerte. Handke, der in seiner Rede im Visegrader Stadtteil "Andricgrad" kein Wort über den Ort verliert. Hasečić ist entsetzt:  

Gerade an der Stelle, wo dieses 'Andricgrad' gebaut wurde, befand sich ein großes - ich kann nicht sagen KZ - sondern ein Sammellager. Von dort aus wurden Bosniaken mit vier Bussen deportiert. In Bosanska Jagodina wurden etwa 30 junge Männer aus den Bussen herausgeholt. Seitdem fehlt von ihnen jede Spur. Einige von ihnen wurden später exhumiert, andere nie gefunden.

Hasečić von der Frauenorganisation "Opfer des Krieges" möchte mit Handke sprechen - über systematische Vertreibung, über Vergewaltigung und Folter durch serbische Milizen in Visegrad.

Serbische Nationalisten wollten mit dem Handke-Besuch bosniakische Rückkehrer in Visegrad einschüchtern, glaubt Ermin Kuka, der aus Visegrad stammt. Er arbeitet beim Institut für Aufklärung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Sarajevo. "Alles hat einen Hintergrund, wird mit Absicht gemacht. Zu Friedenszeiten wird versucht, die Lage zu stören und all das zu erreichen, was nicht mit der bewaffneten Aggression gegen die Republik Bosnien und Herzegowina erzielt werden konnte."

Eine Überraschung, die keine war

Seinen Visegrad-Besuch lässt Handke dann mit einem Kneipenbesuch ausklingen. Den Karadjodje-Stern bekam er schon im Februar 2020 zuerkannt. Am schicken Sitz des serbischen Präsidenten in Belgrad kokettiert er dann hingegen, er sei darauf gar nicht gefasst gewesen: "Ich habe nur gewusst, dass ich den Präsidenten treffen sollte, und dass wir einen Kaffee miteinander trinken sollten. Ich bin nicht vorbereitet."  

Die vergangenen Tage in Bosnien und Herzegowina und Serbien hingegen waren gut organisiert - und aus Sicht serbischer Nationalisten wohl ein voller Erfolg.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 10. Mai 2021 um 09:25 Uhr.