Flüchtlingslager Vucjak | Bildquelle: REUTERS

Bosnien-Herzegowina Kein Platz für Flüchtlinge

Stand: 01.11.2019 02:56 Uhr

In Bosnien-Herzegowina wird nach einem Standort für eine Flüchtlingsunterkunft gesucht, die 1000 Menschen aufnehmen soll. Doch im gesamten Land lässt sich nichts finden, obwohl der Winter Eile erforderlich macht.

Von Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien

Einige der Männer tragen nur Badelatschen, obwohl es bei sieben Grad und Nieselregen empfindlich kalt ist im Flüchtlingslager Vucjak. Die Männer trotzen dem Regen so gut sie können - einige tragen dünne Regenponchos, andere schützen sich mit Plastiktüten, Decken und Kapuzen.

Die Männer stehen in einer langen Schlange an, denn es gibt Frühstück. Mitarbeiter des Roten Kreuzes der Stadt Bihac haben es zu der ehemaligen Müllhalde gefahren, die etwa zehn Kilometer vom Stadtkern entfernt liegt und den berechtigten Ruf hat, das schlimmste Flüchtlingslager Europas zu sein.

Rotes Kreuz warnt vor Katastrophe: Situation in Flüchtlingslagern in Bosnien-Herzegowina verschärft sich weiter
tagesschau 15:00 Uhr, 01.11.2019, Christian Limpert, ARD Wien

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Stadt stellte Versorgung ein

Heute bekommen die etwa 700 Männer im Lager heißen Tee, zwei Scheiben Weißbrot und eine Fischdose zu Frühstück. Am Nachmittag werden die Mitarbeiter des Roten Kreuzes wiederkommen und eine weitere Mahlzeit vorbeibringen. Wie lange das noch so gehen wird, kann niemand sagen - auch nicht der Chef des Roten Kreuzes der Stadt Bihac, Salam Midzic: "Jeder Tag ist ein neuer Tag. Und jeden Tag findet sich ein neuer Spender, der hilft."

Das Rote Kreuz ist auf Spenden angewiesen, weil die Stadt Bihac die Versorgung des Lagers eingestellt hat. Das hat der operative Stab des Una-Sana-Kantons entschieden, der sich am Krisenmanagement dessen versucht, was hier alle "Migrationskrise" nennen. Man kann das als Hilferuf oder als Eskalationstrategie verstehen. Denn wenn die Lage in Vucjak eskaliert - so das Kalkül -  muss die Regierung in Sarajevo reagieren und einen geeigneten Standort finden, wo die Menschen aus Pakistan, Afghanistan, Iran, Syrien und anderen Ländern unterkommen können.

Zelt im Lager Vucjak | Bildquelle: ARD
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Das Lager Vucjak erfüllt nicht einmal die Mindeststandards.

Ehemalige Mülldeponie auf einem Minenfeld

Vucjak ist das ganz sicher nicht, denn das reine Männerlager erfüllt nicht einmal die Mindeststandards: Auf der ehemaligen Müllhalde gibt es keinen Strom und kein fließendes Wasser. Die Umgebung des Lagers, das drei Kilometer vor der EU-Grenze mit Kroatien liegt, ist außerdem seit dem Bosnienkrieg vermint. Das sind die Gründe, warum große internationale Hilfsorganisationen wie das UNHCR oder die Internationale Organisation für Migration Unterstützung für das Lager ablehnen. 

Für Migration ist der gesamtstaatliche Sicherheitsminister Dragan Mektic zuständig. Er beteuert gegenüber der ARD, dass es sowohl genug Mittel als auch den Willen gebe, die Menschen aus Vucjak menschenwürdig unterzubringen. Doch im gesamten Land lasse sich keine Kommune finden, die eine Flüchtlingsunterkunft auf ihrem Gebiet akzeptieren wolle: "Fast der gesamte Grundbesitz gehört den lokalen Verwaltungen. Der Staat Bosnien und Herzegowina hat so gut wie keinen Grundbesitz. Deshalb bekommen wir keine geeigneten Standorte heran, um die zwölf Millionen Euro, die uns zu Verfügung stehen, ausgeben und die Migranten unterbringen zu können."

Mektic möchte auch auf Nachfrage nicht verraten, welche Gemeinden als Standorte für eine Flüchtlingsunterkunft im Gespräch sind, denn er möchte "die Bürger nicht verunsichern".  Ein möglicher Standort ist jedoch bekannt: Medeno Polje.

Eine verlassene Schafzuchtfarm. Leerstehende Baracken sind rosa angestrichen. | Bildquelle: ARD
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Diese verlassene Schafzuchtfarm in Medeno Polje neben der Kleinstadt Bosanski Petrovac soll zu einer Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert werden. Doch die Anwohner sind strikt dagegen.

Neuer Standort ohne fließend Wasser

Auf der entlegenen Hochebene rund 50 Kilometer von Bihac entfernt steht eine verlassene Schafszuchtfarm. Die Anlage sieht so aus, wie Gebäude aussehen, wenn sie Wind und Wetter überlassen werden. Das ehemalige Hauptgebäude ist nur noch ein Gerippe und dient einem schimpfenden Krähenschwarm als Start- und Landerampe. Langgezogene Stallgebäude verrotten auf dem weitläufigen und abgelegenen Gelände um die Wette, ihr rosafarbener Anstrich täuscht darüber hinweg, dass sie im Inneren völlig verdreckt und heruntergekommen sind.

Einen Stromanschluss gibt es hier nicht, auch keine Kanalisation und kein fließendes Wasser. Es ist schwer vorstellbar, dass hier ohne sehr großen Aufwand eine Flüchtlingsunterkunft entstehen kann.

Keine fünf Meter neben der verlassenen Farm steht ein karges Bauernhaus. Eine Familie hat sich hier nach dem Ende des Bosnienkriegs angesiedelt und hält sich mit einer kleine Schafsherde und einer Kuh mit Kalb über Wasser. Die Hausherrin ist freundlich und zugewandt, möchte ihren Namen aber nicht nennen. Sie habe niemand gefragt, ob sie Einwände gegen eine Flüchtlingsunterkunft direkt vor ihrer Eingangstür hätte - sagt die Frau: "Wie würde es Ihnen gehen, wenn so viele Männer unter Ihnen leben würden? Ich bin als Frau hier oft alleine. Würden Sie sich sicher fühlen?"

Medeno Polje gehört zur Gemeinde Bosanski Petrovac, einer Kleinstadt in der bosniakisch-kroatischen Föderation, die mehrheitlich von Serben bewohnt ist. Laut der letzten Volkszählung aus dem Jahr 2013 leben hier fast 8000 Menschen.  Inzwischen sind es aber nur etwas mehr als 4000, sagt Ortsvorsteher Dejan Prosic: "Die Menschen fragen mich in den vergangenen Tagen weder nach der Instandsetzung der kaputten Straßen hier noch nach der Wasserversorgung, die in einem kritischen Zustand ist. Sie fragen nur: Werden die Migranten zu uns kommen?"

Dejan Prosic, Ortsvorsteher von Bosansik Petrovac | Bildquelle: ARD
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Dejan Prosic, Ortsvorsteher von Bosanski Petrovac hält es für eine Schnapsidee, das Migranten und Flüchtlinge in der Nähe seiner Stadt unterkommen. Sollte das doch umgesetzte werden, kündigt er Proteste und Straßenblockaden an.

Zur Not gibt es Straßenblockaden

Sollten die Regionalbehörden versuchen, Migranten und Flüchtlinge nach Medeno Polje zu bringen, werde er seine Bürger aufrufen, die Zufahrtsstraßen zu blockieren und die Flüchtlinge und Migranten nicht durchzulassen, so Prosic: "Das sind Menschen, die gewisse Risiken mit sich bringen. Wir reden da von Sicherheitsrisiken und Gesundheitsrisiken. Wir als kleine Gemeinschaft mit einer kleinen Ambulanz und einer kleinen Polizeiwache würden sicher kollabieren."

Der Streit um die Unterbringung der Menschen aus Vucjak ist zum Symbol geworden für das Unvermögen des Staates Bosnien und Herzegowina, den Durchzug Tausender Migranten und Flüchtlinge durch das Land zu managen. Das sehr komplizierte Staatsgebilde, das aus zwei Landesteilen, zehn Kantonen und einem Distrikt besteht und sich vier Präsidenten, 13 Parlamente und Regierungen sowie fast 150 Minister leistet, macht schnelle und effiziente Entscheidungen unmöglich. Hinzu kommt, dass es seit der Wahl im Oktober 2018 bis heute nicht gelungen ist, eine neue Regierung zu bilden und zurzeit eine Übergangsregierung auf ihre Ablösung wartet. 

Weitere Hiobsbotschaften für Flüchtlinge

Inzwischen lässt eine weitere Hiobsbotschaft aus dem Kanton Una-Sana aufhorchen. Man habe entschieden, die beiden offiziellen Flüchtlingslager der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in den Städten Bihac und Velika Kladusa zum 15. November zu schließen. Damit wären etwa 2000 Menschen auf der Straße, auch Frauen, Kinder und Minderjährige.

Peter Van der Auweraert von der IOM sagt, dass man in diesem Fall die Schwächsten in anderen Unterkünften versorgen könne, die überwiegende Anzahl der Menschen jedoch nicht. Diese würden dann auf der Straße leben müssen. Um im harten bosnischen Winter zu überleben, würden die Menschen dann in leerstehende Häuser einbrechen und Nahrungsmittel stehlen müssen.

 

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 01. November 2019 um 15:00 Uhr.

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