Ein Polizist überprüft das Attest eines Autofahrers während der nächtlichen Ausgangssperre im französischen Metz. | AFP

Ausgangsbeschränkungen in Europa Nur 200 Meter, nur allein, nur mit Attest

Stand: 06.01.2021 15:58 Uhr

Im Kampf gegen die Corona-Infektionsrate schränkten viele Länder Europas zeitweise die Bewegungsfreiheit ein: Ausgangssperren galten für einzelne Gebiete, Altersgruppen und bestimmte Zeiten. ARD-Korrespondenten berichten.

Oliver Neuroth ARD-Studio Madrid
Thomas Spickhofen ARD-Studio London
Marcel Wagner ARD-Studio Paris
Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom
Christian Buttkereit ARD-Studio Istanbul
Ina Ruck ARD-Studio Moskau

Spanien: 18 Madrider Bezirke und Katalonien abgeriegelt

Ausgangsbeschränkungen sind in Spanien im Laufe der Corona-Krise fast schon zur Normalität geworden. Gleich zu Beginn der Pandemie im vergangenen März wählte die Regierung einen drastischen Schritt: Sie verhängte für das ganze Land eine strenge Ausgangssperre. Vor die Tür durfte nur noch, wer einen triftigen Grund hatte: den Weg zur Arbeit, zum Supermarkt oder zum Arzt. Ganze sieben Wochen galt die Ausgangssperre. Ab Anfang Mai durften die Spanier zunächst für eine Stunde am Tag wieder aus ihren Wohnungen, bis Mitte Juni wurde die Regelung schrittweise gelockert. 

Seitdem verfährt Spanien so: Nur die Gebiete mit besonders hohen Corona-Fallzahlen werden abgeriegelt. Das können Regionen sein, einzelne Städte oder auch nur bestimmte Stadtteile. Genau so ist es seit Montag wieder in Madrid: 18 Bezirke sind gesperrt. Die Bewohner dürfen sich nur innerhalb dieser Zonen bewegen und sie nur verlassen, wenn sie einen wichtigen Grund haben. Die Region Katalonien riegelt ab morgen sämtliche 947 Gemeinden ab, darunter die Millionenstadt Barcelona. Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Der "Día de los Reyes Magos" am 6. Januar ist in Spanien der wichtigste Weihnachtsfeiertag. Als die Heiligen Drei Könige verkleidete Leute empfangen Kinder in einer Turnhalle in Ronda. | REUTERS

Der "Día de los Reyes Magos" am 6. Januar ist in Spanien der wichtigste Weihnachtsfeiertag. Als die Heiligen Drei Könige verkleidete Leute empfangen Kinder in einer Turnhalle in Ronda - die traditionelle Parade ist abgesagt. Bild: REUTERS

Irland: Sport treiben nur im Fünf-Kilometer-Radius

Irland steckt wieder im Lockdown, und das heißt unter anderem: zu Hause bleiben, nur zur Arbeit fahren, wenn es unbedingt notwendig ist, so gut wie keine privaten Besuche und: Sport treiben nur in einem Umkreis von fünf Kilometern. Diese Einschränkungen galten auch schon beim Lockdown im November. Damals lag der 14-Tage-Inzidenzwert zu Beginn des Lockdowns bei 302 pro 100.000 Einwohner, am Ende bei 78. Ob diese Reduktion aber unmittelbar mit der Einschränkung zusammenhängt, lässt sich nicht nachweisen.

Auch in Großbritannien gelten erneut strikte Einschränkungen. Einen Kilometer-Radius hat die Regierung nicht gezogen, aber auch sie hat dazu aufgefordert, Haus oder Wohnung höchstens ein Mal am Tag zu verlassen - und das auch nur für wirklich dringende Angelegenheiten: zum Beispiel, wenn man nicht von zu Hause arbeiten kann oder zu einem Arzttermin muss. Auch Sport zu treiben ist in begrenztem Umfang erlaubt: höchstens ein Mal am Tag, höchstens mit einer weiteren Person und nur draußen. Reisen innerhalb des Landes oder nach außerhalb bedürfen einer besonderen Begründung. Die Schulen sind wieder geschlossen. Geöffnet bleiben unter anderem Supermärkte und Lebensmittelhandlungen, Apotheken, Gartencenter und Kirchen. Von Thomas Spickhofen, ARD-Studio London

Ein Pub in Dublin, der aufgrund des Corona-Lockdowns sechs Wochen geschlossen war. | AP

Während des sechswöchigen Lockdowns im Herbst mussten Dublins Pubs geschlossen bleiben - und die Iren durften nur zu bestimmten Zwecken vor die Tür. Bild: AP

Frankreich: Aus dem Haus nur mit schriftlichem Attest

In Frankreich galt während der ersten Coronawelle im Frühjahr ganze acht Wochen am Stück: Aus dem Haus darf nur, wer einen guten Grund hat und den in einem schriftlichen Attest bei sich führt. Sport oder Luft schnappen waren ein solcher Grund, durften aber nur einmal am Tag, maximal eine Stunde und höchstens einen Kilometer um das eigene zu Hause erfolgen. Da Frankreich zentral organisiert ist, galt die Regel auch im ganzen Land; selbst in Gebieten, wo es kaum Coronafälle gab. Der Protest hielt sich insgesamt angesichts dramatischer Bilder aus den Intensivstationen mancher Landesteile sehr in Grenzen.

Als Anfang November die Zahlen wieder in die Höhe geschossen sind, aktivierte die Regierung die strikten Regeln vom Frühjahr zeitweise erneut. Mit dem Unterschied, dass diesmal alle Kitas, Kindergärten und Schulen geöffnet geblieben sind. Eltern und Schüler hatten also einen weiteren, triftigen Grund aus dem Haus zu gehen. Trotzdem sanken die Zahlen binnen eines Monats von fast 50.000 auf nur noch rund 10.000 Neuinfektionen am Tag. Momentan sind die Bewegungseinschränkungen aufgehoben und die Schulen haben geöffnet. Die Neuinfektionen lagen zuletzt bei knapp 12.000 am Tag, Tendenz leicht steigend. Von Marcel Wagner, ARD-Studio Paris

Polizisten lösen einen illegalen Rave in einem Hangar im französischen Lieuron auf. | AFP

Nicht alle Franzosen nehmen es mit den Beschränkungen genau: Polizisten lösten am Jahreswechsel einen illegalen Rave in einem Hangar in Lieuron auf. Bild: AFP

Italien: "Ich bleibe zu Hause"-Dekret und Ausgangssperren

In Italien waren 200 Meter die Grenze: Wochenlang durften sich die Menschen im Lockdown im Frühjahr nicht weiter von der eigenen Wohnung wegbewegen. Wer zum Beispiel joggen wollte, musste - ähnlich wie ein Goldfisch im Wasserglas - ständig die erlaubten 200 Meter hin- und zurücklaufen, wollte er nicht Ärger mit der Polizei bekommen. Ausnahmen von den strengen Lockdown-Regeln waren nur für die Wege zur Arbeit, zum Arzt oder zum Einkaufen vorgesehen. Die von Regierung erlassene Vorschrift hieß bezeichnenderweise Decreto "Io resto a casa", übersetzt das "Ich bleibe zu Hause"-Dekret.

Auch aktuell, zur Begrenzung der zweiten Covid-19-Welle, schränkt Italiens Regierung die Bewegungsfreiheit im Land massiv ein. Es werden zwar keine Meterzahlen mehr genannt, aber Sport und Spaziergänge sind nur in der Nähe der eigenen Wohnung erlaubt. In einen Park zu fahren, der sich am anderen Ende der Stadt befindet, liegt da nicht drin. Ebenso verboten ist es, die Stadtgrenzen zu verlassen. Nach dem heutigen Dreikönigstag werden die Vorschriften etwas gelockert. Das Verbot von einer Region in eine andere zu fahren bleibt aber erhalten - genauso wie die landesweite Sperrstunde: Von 22 Uhr abends bis 5 Uhr morgens müssen die Menschen in Italien zu Hause bleiben. Ausnahmen gibt es nur für diejenigen, die zum Beispiel zur Arbeit oder zum Arzt müssen. Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Spaziergänger nutzen nahe des antiken Forum Romanum die Gelegenheit zu einem Spaziergang (Bild vom 4.01.2021). | REUTERS

Spaziergänger nutzen nahe des antiken Forum Romanum die Gelegenheit zu einem Spaziergang (Bild vom 4.01.2021). Bild: REUTERS

Türkei: Am Wochenende darf nur ein Familienmitglied einkaufen

Bereits der ersten Corona-Welle begegnete die Türkei mit Ausgangssperren an Wochenenden. Menschen über 65 und unter 20 durften auch werktags nur für wenige Stunden vor die Tür. Cafés und Restaurants war nur noch Paket-Service erlaubt und Schulen sowie Universitäten wurden geschlossen. Das Tragen von Masken auch in der Öffentlichkeit war schon sehr früh Pflicht.

Nach einer Lockerung über den Sommer gelten diese Maßnahmen auch jetzt wieder. Verschärfend kommt eine nächtliche Ausgangssperre zwischen 21 und 5 Uhr hinzu. Über den Jahreswechsel galt eine viertägige Ausgangssperre. Die Geschäfte bleiben tagsüber geöffnet, außer am Wochenende. Dann dürfen nur Lebensmittelläden zeitweise öffnen. Zwischen 10 und 17 Uhr ist es jeweils einem Familienmitglied erlaubt, zu Fuß zum nächsten Laden zu gehen. Die Regeln werden überwiegend befolgt - andernfalls drohen Strafen vom umgerechnet etwa 100 Euro.

Als Infektionsherde haben die Gesundheitsbehörden vor allem größere Familienzusammenkünfte und Feiern wie Hochzeiten ausgemacht. Die wurden durch die neuen Regeln weitgehend unterbunden. Die täglichen Ansteckungs-Fallzahlen konnten so mehr als halbiert werden. Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Ein Istanbuler Bäcker liefert in seiner Nachbarschaft Brot aus - einige gefüllte Tüten werden per Hand, andere per Seilzug zugestellt. | AFP

Istanbul im April 2020: Ein Bäcker liefert in seiner Nachbarschaft Brot aus - einige gefüllte Tüten werden per Hand, andere per Seilzug zugestellt. Bild: AFP

Russland: Ausgangserlaubnisse per QR-Code

Abends verkündete Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin die Regel per Social Media, schon ab Mitternacht galt sie in der russischen Hauptstadt: Ausgangssperre. Raus durfte nur noch, wer den Hund Gassi führte (maximal 100 Meter), zum Arzt musste oder den Müll rausbrachte. Einkaufen war im nächstgelegenen Laden erlaubt. Darüber hinausgehende Wege mussten beantragt werden, die Erlaubnis kam per QR-Code aufs Handy.

Die Moskauer fügten sich, doch wer konnte, besorgte sich eine Ausnahmegenehmigung. Von denen soll es in der 13-Millionen-Metropole zeitweilig mehr als drei Millionen gegeben haben. Dennoch wirkte Moskau über Wochen wie eine Geisterstadt. Dass die meisten brav zu Hause blieben, wurde mit technischen Mitteln sichergestellt: per Geodaten-Auswertung von Mobiltelefonen und per Gesichtserkennung. Mehr als zweihunderttausend Kameras hängen in der Stadt. Und: Man sperrte kurzerhand die verbilligten Semestertickets oder die kostenlosen Renter-Fahrscheine für den Nahverkehr, nachdem Appelle an freiwillige Zurückhaltung wenig gefruchtet hatten. Auch Nischnij Nowgorod, Kasan, Krasnojarsk und andere größere Städte in Russland führten zeitweilig QR-Codes oder Ausgangssperren ein.

Das schnelle Anwachsen der Infektionszahlen in Moskau konnte durch die fast zehn Wochen andauernden Maßnahmen nicht gestoppt werden. Experten der Moskauer Higher School of Economics berechneten jedoch, dass sie ohne die drakonischen Regeln um ein Vielfaches schlimmer ausgefallen wären. Seit Juni ist, wohl aus wirtschaftlichen Gründen, der Lockdown wieder vollständig aufgehoben - ebenso überraschend wie bei seiner Einführung. Von Ina Ruck, ARD-Studio Moskau

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Beitrags über Russland hieß es missverständlichererweise, auch die kürzeren Gänge, wie oben aufgezählt, hätten genehmigt werden müssen. Diese waren aber ohne Genehmigung zulässig. Wir haben den Beitrag entsprechend angepasst.

Eine Frau wird an einer Metro-Station in Moskau kontrolliert | AFP

Eine Frau wird an einer Metro-Station in Moskau kontrolliert, in der seit Mai Masken- und Handschuhpflicht gilt (Bild vom Mai 2020). Bild: AFP

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 31. Dezember 2020 um 12:50 Uhr.