In Bethlehem steht ein riesiger, geschmückter Weihnachtsbaum, im Hintergrund die Geburtskirche. | Bildquelle: AFP

Weltspiegel-Reportage Bethlehem ohne Pilger

Stand: 06.12.2020 05:25 Uhr

Es ist still in diesen Tagen in den Gassen von Bethlehem. Gäbe es keinen Lockdown, wäre die Stadt zur Weihnachtszeit übervoll. Die Pandemie trifft die Stadt hart, denn von den Pilgern leben hier viele Menschen.

Von Susanne Glass, ARD-Studio Tel Aviv

Goldene und rote Kugeln glitzern an dem großen Weihnachtsbaum im Stadtzentrum von Bethlehem. Er steht wie jedes Jahr vor der Geburtskirche Jesu. Es ist ein Versuch, ein wenig Normalität in diesen Corona-Advent zu bringen. Denn die meisten Geschäfte auf dem arabischen Basar sind verrammelt, ihre Besitzer seit Monaten ohne jede Einnahmequelle.

In der Gasse der Holzschnitzer hat nur ein Laden geöffnet. Konzentriert und fingerfertig produzieren sie hier in Handarbeit Krippenfiguren aus Olivenholz. Es ist ein kleines Weihnachtswunder, dass sie überhaupt Arbeit haben, möglich geworden dank ihres ideenreichen Chefs Jack Issa Giacaman, eines arabischen Christen.

Weihnachten in Betlehem - ganz ohne Pilger
Weltspiegel, 04.12.2020, Susanne Glass, ARD Tel Aviv

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Den liebevollen Umgang mit Olivenholz lehrten ihn Vater und Großvater. Vor der Corona-Pandemie verkaufte er sein Kunsthandwerk im Laden neben der Werkstatt. Seit März aber warten seine Jesuskinder, Marien- und Josef-Figuren hier vergeblich auf Kundschaft.

Jack saß, wie so viele in Bethlehem, arbeitslos zu Hause und wusste nicht, wie er Ehefrau, zwei Töchter und seine 22 Arbeiter noch durchbringen soll. "Dieses Jahr", sagt er, "war bisher das schlimmste meines Lebens. Dabei habe ich die erste und zweite Intifada erlebt, diverse Kriege. Aber selbst zu diesen Zeiten waren damals in Bethlehem Menschen auf der Straße, sogar Touristen, die bei uns eingekauft haben. Aber in diesem Jahr sind die Straßen leer. Sogar die Kirche ist leer."

Jack Issa Giacaman in seiner Holzwerkstatt in Bethlehem
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Jack Issa Giacaman schnitzt weiter seine Holzfiguren, doch ohne Pilger gibt es kaum Nachfrage

Das Internet kann die Pilger nicht ersetzen

Die weltberühmte Geburtskirche befindet sich nicht weit von Jacks Geschäft, man muss nur ums Eck gehen. Vor Corona traten sich die Pilger hier gegenseitig auf die Füße. Drei Millionen Besucher kamen 2019 nach Bethlehem. Sie mussten oft stundenlang warten, bis sie zur Geburtsgrotte unter der Kirche durchkamen. Auch Jacks Shop war immer voll. "Als ich dann so zu Hause rumsaß", erzält er, "habe ich mit einem Freund eine Webpage entwickelt. Wir verkaufen jetzt im Internet. Das große Problem ist nur: Die Bestellungen kamen alle zu spät. Von März bis September hatten wir nichts zu tun. Dann bestellten plötzlich alle gleichzeitig. Wir können das nicht alles pünktlich abarbeiten. Echte Handwerksarbeit dauert lange."

Draußen vor dem Laden zieht ein Trauerzug durch die engen Gassen. 52 Corona-Tote, Tausende Infizierte gab es bisher hier. Bethlehem war hier die erste Stadt, in der die Pandemie ausbrach - eingeschleppt durch Pilger. Deshalb wurde seit März ein rigoroser Lockdown verhängt. Mittlerweile sind mehr als 60 Prozent der Einwohner arbeitslos. Sie bekommen keinerlei finanzielle Unterstützung, weil die palästinensische Regierung vor dem finanziellen Kollaps steht.

Leere Geburtskirche in Bethlehem | Bildquelle: REUTERS
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So leer war die Geburtskirche in Bethlehem schon lange nicht mehr - doch die Stille ist unfreiwillig.

Als sei die Stadt fluchtartig verlassen worden

Das Orient Palace in Bethlehem ist das größte Hotel in den palästinensischen Gebieten. Über die Weihnachtstage war es seit langem ausgebucht. Nun ist die Lobby dunkel und verwaist, in der Bar stehen noch angebrochene Weinflaschen, der Billard-Tisch wurde offenbar mitten im Spiel verlassen. Es wirkt, als liege alles seit März im Dornröschenschlaf.

In dem Raum steht der Besitzer Leith Abu Rumaneh, beschäftigt die nervösen Finger mit seiner Corona-Maske. Kurz vor der Pandemie hatte er noch Millionen in den Ausbau des Hotels gesteckt. Dieses Jahr zu bilanzieren, sagt er, tue ihm weh. Aber er gebe nicht auf. Als Christ wisse er, welche große Bedeutung seine Stadt hat und ewig haben wird. "Ich kenne Touristen", so Abu Rumaneh, "die würden alles dafür geben, einmal im Leben das Heilige Land zu besuchen. Man sieht an ihren Gesichtern, wie glücklich sie hier sind. Weil sie in Bethlehem die Erfüllung ihres Glaubens finden."

Das sehen Jack, seine Frau Tamara und seine beiden Teenager-Töchter genauso. Zum Abschluss verraten sie noch ein Geheimnis: Bei der Familie des Holzschnitzers zu Hause steht keine Weihnachtskrippe. Jacks Frau sagt, sie brauche mal Pause vom Holz. Schon ihr Vater habe im Holzgewerbe gearbeitet. Von frühester Kindheit an habe sich in ihrer Familie alles immer nur ums Olivenholz gedreht. "Jetzt habe ich genug davon!" Das herzhafte Lachen von Jack zeigt, dass hier eine glückliche Familie auch in schweren Zeiten zusammenhält.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie am Sonntag ab 19.20 Uhr - im Ersten.

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