Benin City, Nigeria | Bildquelle: Caroline Hoffmann, WDR

Benin City Die Stadt der Rückkehrer

Stand: 07.05.2018 00:28 Uhr

Im Süden Nigerias ist die Sehnsucht nach Europa besonders groß. Viele machen sich auf die Reise und erleben Schreckliches. Wenn sie scheitern und zurückkehren, stehen sie wieder vor dem Nichts.

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

Das kleine rote Häuschen steht direkt neben Bergen von Müll, den seine Bewohner einfach vor die Tür werfen. Die Sonne brennt, und es stinkt. Doch Rosemary Ubogu hat sich längst an den Geruch gewöhnt. Mehr kann die 29-Jährige sich einfach nicht leisten. Sie steht neben dem Müll und arbeitet, frisiert die Haare ihrer Freundin und bekommt dafür ein bisschen Geld: 700 Naira, umgerechnet etwa 1,60 Euro. Damit muss sie heute zurechtkommen.

Rückkehr aus Europa
Weltspiegel, 04.05.2018, Caroline Hoffmann, ARD Nairobi

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Den Schleusern ausgeliefert

Ubogu hat versucht, dem Leben in Benin City zu entkommen. Sie war auf dem Weg nach Europa. An der libyschen Küste stieg sie dreimal in ein Boot, dreimal mussten sie umkehren. Sie hat viele Menschen sterben sehen. Bei der letzten Bootsfahrt hätte eine libysche Bande das Boot entführt. "Ich bekam Elektroschocks, dreimal am Tag", erzählt sie. "Ich sollte Geld zahlen, aber ich hatte keines. Dann schlugen sie mich. Auch in mein Gesicht, von beiden Seiten, sogar auf meinen Kopf. Sie nutzten Stöcke und Rohre. Es ist wirklich schlimm in Libyen. Menschen sterben dort, jeden Tag."

Dann wurde sie an ein Bordell verkauft, sagt sie. Doch sie hatte Glück. Vier Tage später befreite sie die Internationale Organisation für Migration, IOM. Ubogu ertrug das Leid nicht mehr - und kehrte freiwillig in einem Flugzeug der IOM nach Nigeria zurück.

Rosemary Ubogu | Bildquelle: Caroline Hoffmann, WDR
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Auf der Flucht misshandelt, an ein Bordell verkauft, befreit - dann ist Rosemary Ubogu freiwillig nach Nigeria zurückgekehrt.

Viele warten auf Überfahrt

Seit Mai vergangenen Jahres hat allein die IOM mehr als 7000 Nigerianer nach Hause geflogen - und auch der nigerianische Staat fliegt seine Bürger zurück. Insgesamt mehr als 700.000 Menschen würden derzeit in Libyen auf die Überfahrt nach Europa warten, sagt Frantz Celestin, stellvertretender Missionschef des IOM in Nigeria. "Nur weil weniger Menschen es bis nach Europa schaffen, heißt das nicht, dass weniger auf dem Weg sind", sagt er. Und viele kehren irgendwann wieder um. Rund 52 Prozent derer, die die IOM von Libyen nach Nigeria fliegt, stammten aus dem Bundesstaat Edo und seiner Hauptstadt Benin City, sagt Celestin.

Der Traum von einem besseren Leben in Europa, auch Ubogu träumte ihn. Sie hat vier Kinder, die jetzt bei ihrer Mutter leben. Sie konnte sie einfach nicht ernähren. "Ich konnte die Schulgebühren nicht bezahlen, ich hatte kein Geld, um ihnen Essen zu kaufen", sagt sie. Die Arbeitslosigkeit ist hoch in Benin City. Und die Stadt verbindet eine lange Tradition mit Europa - durch den Handel und durch viele Einwohner, die schon lange in andere Länder gezogen sind. Und es geschafft haben - zumindest sieht es so aus.

"Ich nenne es den Instagram-Effekt", sagt Celestin. "Du siehst jemanden in einem Einkaufszentrum stehen und denkst, okay, wenn mein Mitschüler das geschafft hat, kann ich das auch. Das ist die größte Sogwirkung. Da steht jemand vor einem Mercedes und lädt dieses Bild bei Instagram hoch. Und sie wissen in Benin City ja nicht, dass ihm der Mercedes auf dem Bild gar nicht gehört. Aber es ist stark genug, damit sie nach Europa wollen."

Rosemary mit ihren Kindern | Bildquelle: Caroline Hoffmann, WDR
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Rosemary mit ihren Kindern. Diese leben jetzt bei der Großmutter, weil Rosemary sie einfach nicht ernähren konnte.

Perspektiven für Rückkehrer

Doch wer Europa nicht erreicht oder erfolglos zurückkehrt, steht wieder vor den gleichen Schwierigkeiten wie zuvor. Der Bundesstaat hat das erkannt und versucht, Perspektiven zu schaffen, wenigstens etwas Hilfe nach der Rückkehr zu leisten.

Okoduwa Solomon ist Teil einer neu gegründeten Taskforce gegen Menschenhandel. Er kümmert sich um Rückkehrer, kennt ihre Probleme ganz genau, denn er war selbst freiwillig auf dem Weg, kehrte aus Libyen zurück. "Es muss eine Reorientierung der kulturellen Werte geben. Wir brauchen eine 'Wir schaffen es hier in Nigeria-Mentalität'", sagt er. Und es gebe Soforthilfe, erstmal eine Unterkunft, Medizin, vielleicht eine Fortbildung. Und es gibt Geld, je 20.000 Naira, umgerechnet rund 45 Euro, drei Monate lang.

Rosemary und ihre Mitbewohnerin | Bildquelle: Caroline Hoffmann, WDR
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Rosemary arbeitet nun, doch von ihrem Einkommen kann sie kaum leben. Wenn sich die Situation nicht bessert, macht sie sich vielleicht wieder auf die Reise.

Hungrig trotz Arbeit

Auch Ubogu erhielt Unterstützung. Sie wurde zur Friseurin fortgebildet, erzählt sie, aber nur eine Woche lang. Sie arbeitet selbstständig und hilft in einem Laden in der Stadt, doch ihr Einkommen ist gering. Sie hat oft Hunger. Sie hat zwar Geld bekommen, aber bisher nur für den ersten Monat, sagt sie. Viele ihrer Freunde sind Rückkehrer, einige haben Unterstützung bekommen, zum Beispiel ein Training im Hühnerhalten. Denn der Aufwand ist gering und schafft eine Basis, die etwas Geld bringen soll und auf der die Rückkehrer aufbauen können.

Ubogu kennt aber auch viele, denen noch keiner geholfen hat. Es ist ein harter, steiniger Weg in Benin City wieder anzukommen.

Zuhause zu sitzen und oft nichts zu tun zu haben, darunter leidet sie. Sie würde gerne mit ihren Kindern zusammenleben, aber sie kann ihnen nichts bieten. Noch will sie hierbleiben und dem Leben in Benin City eine Chance geben. "Wenn es Arbeit gibt und ich am Ende des Monats noch etwas Geld habe, dann bleibe ich in meinem Land. Wenn nicht, dann werde ich alles tun, um noch einmal auf die Reise zu gehen", sagt Rosemary.

Sie träumt davon, sich dann einen Flug leisten zu können, damit sie all das Leid nicht noch einmal ertragen muss. Doch es wird wohl ein Traum bleiben.

Über dieses Thema berichtete der weltspiegel am 04. Mai 2018 um 19:20 Uhr.

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