Tausende Menschen demonstrieren in Minsk gegen Staatschef Lukaschenko - viele von ihnen schwenken weiß-rot-weiße Fahnen. | dpa

Proteste in Belarus Den Drohungen zum Trotz

Stand: 06.09.2020 21:29 Uhr

Staatschef Lukaschenko droht, aber die Demonstranten lassen sich nicht abhalten. In Minsk protestieren wieder Zehntausende gegen die Regierung. Auch in anderen Landesteilen gab es Protestaktionen.

Seit vier Wochen gibt es in Belarus immer wieder Großdemonstrationen gegen Staatschef Alexander Lukaschenko. Auch heute gingen Zehntausende in der Hauptstadt Minsk auf die Straße - trotz der Warnungen der Regierung. Die Sicherheitskräfte blockierten mit einem Großaufgebot die Straßen. Auch der Unabhängigkeitsplatz im Zentrum von Minsk war erneut abgeriegelt.

Laut Innenministerium wurden mindestens 100 Menschen festgenommen. Das Menschenrechtszentrum Wesna sprach hingegen von landesweit mehr als 250 Festnahmen. Das Innenministerium hatte zuvor davor gewarnt, dem Aufruf der Opposition zu folgen und an der Demonstration teilzunehmen.

"Denkt daran, gemeinsam sind wir stark"

Auch in anderen Städten des Landes gab es Proteste. Videoaufnahmen in den sozialen Medien zeigen, wie in Grodno an der Grenze zu Polen Uniformierte auf eine Gruppe Demonstranten zu stürmen und und die Menschen auseinandertreiben. Oppositionsnahe Kanäle im Messenger-Dienst Telegram berichten, dass auch Tränengas eingesetzt worden sei.

Die Oppositionspolitikern Swetlana Tichanowskaja hatte die Menschen in Belarus gestern aus ihren Exil dazu aufgerufen, unbedingt am heutigen "Marsch der Einheit" teilzunehmen. "Denkt daran, gemeinsam sind wir stark", sagte sie in einem Youtube-Video. Sie betonte, dass die Menschen unbedingt ihre friedlichen Demonstrationen fortsetzen sollten. Nur so könne es gelingen, dass auch politische Gefangene freigelassen würden. Die Opposition werde ihren Weg fortsetzen und auf Dialog mit Lukaschenko beharren, sagte Tichanowskaja.

Weitere Oppositionelle verlässt das Land

Unterdessen hat auch die belarusische Oppositionspolitikerin Olga Kowalkowa das Land verlassen und ist nach Polen ausgereist. Vor Journalisten sagte sie gestern in Warschau, sie sei nach ihrer Festnahme in der vergangenen Woche von belarusischen Sicherheitskräften bedroht und dann zur polnischen Grenze gebracht worden.

Kowalkowa gehört zum Wahlkampfteam der nach Litauen geflohenen Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja und zum von der Opposition gegründeten Koordinierungsrat, der nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl einen Machtwechsel in Belarus erreichen will. Am Dienstag vergangener Woche war Kowalkowa festgenommen worden.

Ausreise nicht freiwillig

Am Samstag gab sie in Warschau zusammen mit Michal Dworczyk, dem Kabinettschef des polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki, eine Pressekonferenz. Dem Internetportal tut.by zufolge berichtete Kowalkowa, sie sei von den Behörden in Belarus dazu gedrängt worden auszureisen. Sie hätten ihr zur Wahl gestellt, das Land zu verlassen oder noch lange im Gefängnis zu bleiben. "Nun bin ich in Freiheit, aber außerhalb von Belarus", sagte sie der polnischen Agentur PAP zufolge. Sie wolle nach Minsk zurückkehren.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. September 2020 um 18:00 Uhr.