Zerstörtes Gebäude in Beirut | dpa

Nach Explosionen in Beirut Eine verwüstete Stadt unter Schock

Stand: 05.08.2020 18:21 Uhr

Tote, Verletzte und ein Stadtviertel in Trümmern. Beirut steht am Tag nach den Explosionen unter Schock. Deutschland und andere Länder schicken Helfer in den Libanon, international ist die Anteilnahme groß.

Am Tag nach den verheerenden Explosionen in Beirut steht das Land unter Schock: Mindestens 135 Menschen starben, mehr als 5000 wurden verletzt, bis zu 250.000 Menschen verloren ihr Zuhause. In der Stadt entstanden Schäden in Höhe von bis zu fünf Milliarden US-Dollar. Die Druckwelle der zweiten Explosion war so gewaltig, dass sie Hochhäuser zerstörte, Autos zertrümmerte und Menschen zu Boden schleuderte.

Regierungschef Hassan Diab rief eine landesweite Trauer aus, für zwei Wochen gilt der Ausnahmezustand. Er gibt dem Militär volle Befugnisse.

Ausgelöst wurde die Katastrophe nach Auskunft von Diab durch 2750 Tonnen Ammoniumnitrat, die im Hafen gelagert wurden. Unter normalen Lagerbedingungen und bei mäßigen Temperaturen entzündet sich Ammoniumnitrat nur schwer, wie die Chemie-Expertin Jimmie Oxley von der Universität in Rhode Island erläuterte. Ermittler gehen derzeit der Frage nach, wie sich das Ammoniumnitrat entzünden konnte.

"Nichts war wie das hier"

Bei den Explosionen wurde der Hafen fast vollständig zerstört, Beobachter sprechen von einer "Apokalypse". "Wir haben einen Bürgerkrieg erlebt, wir haben schon früher Bomben gehört", sagte der Ingenieur Sam Saidan in der Nähe des Hafens. "Aber nichts war wie das hier." Auch Mohammed al-Hadsch, Besitzer eines kleinen Ladens, klagt: "Wir erleben ohnehin schlimme Zeiten. Und das kommt jetzt auch noch obendrauf."

Zahlreiche Länder boten dem Libanon - der mitten in einer schweren Wirtschaftskrise steckt - umfassende Hilfe an. Auch Deutschland: Eine 47-köpfige Einsatzeinheit des Technischen Hilfswerks soll nach Beirut fliegen, um bei der Bergung von Verschütteten zu helfen, sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. Zudem werde ein Unterstützungs-Team entsandt, das die Arbeitsfähigkeit der ebenfalls beschädigten deutschen Botschaft gewährleisten solle.

Suche nach Verschütteten

Wie viele Menschen noch unter den Trümmern liegen, ist unklar. Retter suchen mit ausländischen Spezialteams nach Opfern der Katastrophe. "Es liegen noch immer viele Menschen unter den Trümmern", sagte ein Offizieller, der ungenannt bleiben wollte.

Über den EU-Krisenmechanismus machte sich unter anderem aus den Niederlanden ein Team aus 70 Spezialisten auf den Weg. Frankreich schickte zwei Militärflugzeuge mit 55 Angehörigen des Zivilschutzes und tonnenweise Material zur Behandlung von Verletzten. Tschechien schickte ein Team, das auf die Bergung von Verschütteten spezialisiert ist. Auch Griechenland und Zypern schickten Rettungsmannschaften mit Spürhunden. Russland schickte fünf Flugzeuge mit Ärzten und einem mobilen Krankenhaus. Auch Israel, das eigentlich keine diplomatischen Beziehungen mit dem Libanon unterhält, bot Hilfe an.

Mindestens acht verletzte Deutsche

"Wir haben Hinweise auf einzelne verletzte Deutsche und viele Hinweise auf schwere Sachschäden", sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amts. Laut THW wurden mindestens acht Deutsche verletzt. Das Auswärtige Amt verwies auf die akute Schwierigkeit, gesicherte Informationen aus Beirut zu bekommen. "Die Lage vor Ort muss als chaotisch bezeichnet werden", sagte er.

In den Kliniken der Stadt spielen sich Szenen der Verzweiflung ab. Das ohnehin geschwächte Gesundheitssystem des Landes ist mit der Versorgung einer so großen Zahl von Opfern überfordert. Nach Angaben des Deutschen Roten Kreuzes sind viele Krankenhäuser in Beirut "hoffnungslos überlastet". Die Bundeswehr hielt nach Angaben des Verteidigungsministeriums auch ihre Klinik-Flugzeuge bereit. Die MedEvac-Airbusse könnten "sofort aktiviert" werden, wenn eine entsprechende Anfrage aus dem Libanon eingehe, sagte ein Sprecher.

Libanesen vernetzen sich über Instagram

Die Libanesen vernetzten sich unter anderem über ein Instagram-Konto für die Suche nach Vermissten. Mehr als 86.000 Nutzer abonnierten das Konto, über das Betroffene mit Fotos nach Hinweisen zu Freunden und Verwandten suchen können. Meist sind Telefonnummern hinterlegt. Viele bieten außerdem Schlafplätze über das Konto an.

Aus Solidarität mit den Betroffenen wurden unter anderem der Wolkenkratzer Burj Khalifa in Dubai und die Pyramiden in Ägypten in Libanons Nationalfarben beleuchtet. Auch das Rathaus von Tel Aviv sollte am Abend in den Farben der libanesischen Fahne erleuchtet werden. Der Eiffelturm in Paris soll in der Nacht zum Donnerstag ausgeschaltet werden, um an die Opfer zu erinnern.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 05. August 2020 um 11:00 Uhr.