Juden werden in einem Zug nach Auschwitz deportiert. (Archivbild, 1944 in Warschau aufgenommen) | Bildquelle: akg-images / Imagno

Forderung von NS-Opfern Entschädigung für Zugtickets in den Tod

Stand: 30.07.2020 14:52 Uhr

Aus den Niederlanden wurden 107.000 Juden deportiert - mit der Bahn, die daran gut verdiente. Die niederländische Bahn zahlte Entschädigung, die deutsche nicht. Nun sehen NS-Opfer Kanzlerin Merkel in der Pflicht.

Von Ludger Kazmierczak, ARD-Studio Den Haag

Auf einem Bürgersteig in der Amsterdamer Molenbeekstraat erinnern zwei Stolpersteine an die Eltern von Salo Muller. Louis Muller und Lena Blitz wurden von den deutschen Besatzern während des Zweiten Weltkriegs zunächst ins Durchgangslager Westerbork gebracht.

Im Januar 1943 pferchten die Nazis das jüdische Paar dann mit bis zu 60 weiteren Gefangenen in einen Vieh-Waggon der Deutschen Reichsbahn. Ihr Weg führte direkt in die Gaskammern des deutschen Konzentrationslagers Auschwitz.

"Deshalb möchte ich, dass sie ihre Schuld anerkennen"

Bis heute aber, so Salo Muller, habe es von der Deutschen Bahn weder eine Entschuldigung noch eine Entschädigung für die Holocaust-Opfer gegeben:

"Ich werfe ihnen vor, dass sie die Juden in die Konzentrationslager transportiert haben, obwohl sie wussten, dass sie dort auf schreckliche Weise umgebracht wurden. Deshalb möchte ich, dass sie ihre Schuld anerkennen - und dazu gehört auch immer ein Entgegenkommen."

Salo Muller
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Er werde alles tun, um den Tod seiner Eltern und vieler anderer Juden "ein bisschen zu rächen", sagt Salo Muller. Das habe er seinen Eltern versprochen.

Deutsche Bahn kein Rechtsnachfolger der Reichsbahn

Weil die Deutsche Bahn kein Rechtsnachfolger der Reichsbahn ist, wendet sich der 84-Jährige an die Bundeskanzlerin. Über seinen deutschen Anwalt Axel Hagedorn hat Muller Angela Merkel einen Brief zukommen lassen. Darin fordert er die Bundesregierung auf, die Verantwortung für das damals begangene Unrecht zu übernehmen.

Das Bundeskanzleramt sei durchaus der richtige Adressat, erklärt Anwalt Hagedorn in einem Interview mit dem niederländischen Fernsehen. "Nach unserer Ansicht ist der deutsche Staat noch immer dafür verantwortlich - auch juristisch. Und die moralische Verantwortung bleibt sowieso immer bestehen." Deshalb habe man die Forderungen an die Bundesrepublik Deutschland gestellt - und in erster Linie an Kanzlerin Merkel.

Fahrkarte von der SS mit geraubtem Vermögen bezahlt

Der langjährige Direktor der Gedenkstätte Camp Westerbork unterstützt den Vorstoß des Holocaust-Überlebenden Muller. Die Reichsbahn habe mit den Transporten in die Vernichtungslager in Ost-Europa viel Geld verdient, sagt Dirk Mulder. Minimal seien das "sicher 16 Millionen Euro", vermutlich aber sogar deutlich mehr.

"Und die Juden mussten ihre Reise selbst bezahlen. Vor ihrer Deportation wurde ihnen alles geraubt, das kam in deutsche Hände", so Mulder weiter. Die Reichsbahn schickte die Rechnung der SS. Und mit dem geraubten Vermögen der Juden bezahlte die SS die Transporte.

Gedenkstätte Westerbork | Bildquelle: picture alliance / Klaus Rose,dp
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Das KZ-Lager "Westerbork" war ein Durchgangslager des nationalsozialistischen Systems in Holland. Dort erinnern Gedenktafeln an die Bahntransporte.

Niederländische Bahn zahlt 50 Millionen Euro

Die Niederländer kennen Salo Muller als Buchautor, als Physiotherapeuten von Ajax Amsterdam zu Zeiten Johan Cruyffs und als hartnäckigen Kämpfer für Gerechtigkeit.

Die niederländische Bahn hat er bereits in die Knie gezwungen. Vor einem Jahr kündigte das Unternehmen an, rund 7000 Holocaust-Opfer oder deren Hinterbliebene mit insgesamt 50 Millionen Euro zu entschädigen. Die niederländischen Züge aber seien nur bis zur Grenze Ostfrieslands gefahren, sagt Muller:

"Die Züge der niederländischen Bahn gingen bis Nieuweschans. Da wurden sie entkoppelt, es kam anderes Personal, andere Maschinisten, und die haben die Menschen in die Lager gebracht, in die Gasöfen, um sie zu ermorden. Sie sind also mindestens genauso schuldig wie die niederländische Bahn - und das sitzt mir quer."

Die Bundesregierung will sich inhaltlich zu dem Brief aus Amsterdam noch nicht äußern, kündigte aber an, den Sachverhalt zu überprüfen. Für Muller steht fest, dass er nicht locker lassen wird. Das sei er seinen Eltern und den mehr als 107.000 anderen niederländischen Holocaust-Opfern schuldig.

Niederländische Holocaust-Opfer wollen Entschädigung aus Deutschland
Ludger Kazmierczak, ARD Den Haag
30.07.2020 13:23 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. Juli 2020 um 18:00 Uhr.

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