Armenküche in Buenos Aires | Bildquelle: REUTERS

Pandemie in Argentinien Wirtschaftskrise, Dengue und nun Corona

Stand: 27.03.2020 16:30 Uhr

Das Coronavirus bringt die Angst in die Armenviertel von Buenos Aires: vor fehlender Versorgung, vor dem Verlust der eh schon geringen Einkünfte. Eine Reportage über die wachsende Sorge in den ärmsten Vierteln.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Buenos Aires

Normalerweise ist Ani Rodriguez jeden Tag auf der Straße, zieht ihren scheppernden Handkarren durch Buenos Aires, durchwühlt Mülltonnen nach Verwertbarem - Pappe, Papier, Aluminium. Umgerechnet sechs bis 20 Cent pro Kilo gibt es dafür. Davon leben sie, ihr Mann und die vier Kinder.

Ani ist "Cartonera", Müllsammlerin. Doch seit einer Woche kann sie nicht mehr raus. Wegen der Corona-Pandemie hat Argentinien eine strikte Ausgangssperre verhängt.

"Einer wird krank, dann werden alle krank"

Auch Ani fürchtet sich vor dem Virus: "Hilf uns Gott, dass wir uns nicht anstecken. Hier wird einer krank, dann werden alle krank. Wir sind alle arm hier, in unser Viertel fahren die Krankenwagen gar nicht rein."

Wenn Ani nicht arbeitet, verdient sie nichts, berichtet sie in einem Telefongespräch weiter: "Wenn du es versuchst, hält dich die Polizei auf. Vorher konnten wir arbeiten - dafür gab es nicht viel, aber davon konnten wir essen. Jetzt haben wir nichts zu essen."

Die Angst vor Corona auf der einen, der Kampf ums tägliche Überleben auf der anderen Seite - so geht es allein in Argentinien mehr als vier Millionen Menschen, knapp einem von zehn Einwohnern: Straßenverkäufern, Näherinnen, Hausangestellten, Bauararbeitern, Tagelöhnern und Schwarzarbeitern.

Die Armee verteilt hier Lebensmittel in einem Armenviertel von Buenos Aires. | Bildquelle: imago images/Agencia EFE
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Die Armee verteilt Lebensmittel in einem Armenviertel von Buenos Aires.

Keine Alternative zur Ausgangssperre

Trotzdem gebe es keine Alternative zur strikten Ausgangssperre, glaubt die Epidemiologin Adriana A - auch wenn Argentiniens Gesundheitssystem zu den besten Lateinamerikas gehört. Laut Gesundheitsministerium gibt es mehr als 8000 Intensivbetten, derzeit würden neue Krankenhäuser und Notfallstationen gebaut.

"Heute können unsere Krankenhäuser auf die Situation reagieren. Argentinien hat schnell reagiert und die Zahl der Infizierten steigt langsamer an als in Nachbarländern", sagt Adriana A. Das erlaube es den Kliniken sich vorzubereiten, obwohl es in den vergangenen Jahren enorme Kürzungen im öffentlichen Gesundheitssystem gegeben habe. "Wenn wir hier aber eine Situation wie in der Lombardei oder in Spanien erleben, dann ist damit jedes Land überfordert", so die Epidemiologin weiter.

Bisher haben sich in Argentinien nach offiziellen Zahlen 589 Menschen mit dem Virus infiziert, dreizehn sind daran gestorben.

Hygienemängel erschweren Vorsorge

Allerdings können mit den bisherigen Kapazitäten nur rund 300 Personen pro Tag getestet werden. Gerade in den Villas, den Armenvierteln, leben die Menschen dicht an dicht. Die hygienischen Bedingungen sind prekär. Wo es oft nur stundenweise fließendes Wasser gibt, ist regelmäßiges Händewaschen nicht möglich. Und Desinfektionsmittel sind Luxusware. Selbst auf der Gesundheitsstation gibt es nicht ausreichend Schutzmasken.

Dazu kommt: In Argentinien grassiert derzeit bereits eine Epidemie, das Dengue-Fieber. Die Lage ist ernst, sagt Dagna Alva, die im Armenviertel Villa eine Essensausgabe betreibt:

"Wir haben den Betrieb umgestellt: Wir geben das Essen nur auf Abholung raus, die Leute müssen zwei Meter Abstand halten. Aber es kommen immer mehr, von überall. Die meisten hier verstehen die Lage, aber wenn sie nichts zu essen haben, wird es schwierig, dass sie zuhause bleiben. Das birgt sozialen Sprengstoff. Wir sehen ja die Bilder aus Italien und Spanien, wenn dort schon Atemgeräte fehlen, dann male dir mal die Situation bei uns aus."

Wie lange reicht das Geld der Regierung?

Das weiß auch die Regierung. Sie hat ein milliardenschweres Hilfspaket für die Ärmsten angekündigt. Kirchen und das Militär, vor allem aber die sozialen Bewegungen, die seit der schweren Wirtschaftskrise 2001 ein flächendeckendes soziales Auffangnetz aufgebaut haben, arbeiten Hand in Hand.

Die große Frage ist jedoch: Wie lang kann der argentinische Staat seine Hilfen aufrechterhalten? Denn das Land steht derzeit ohnehin am Rande eines Staatsbankrotts.

"Unsere große Angst ist, dass wir ohnehin schon in der Krise sind. Und soweit ich informiert bin, gibt es bisher keine schnelle Lösung - keinen Impfstoff", sagt Ani:

"Ich mache mir keine Illusionen - das hier wird lange dauern. Ich habe Angst um meine Leute, aber auch vor dem, was danach kommt. Keine Ahnung, wohin uns das alles führen kann."

Mittlerweile hat der Internationale Währungsfonds, bei dem Argentinien mit mehr als 44 Milliarden US-Dollar in der Kreide steht, Unterstützung signalisiert. Die Weltbank sagte Hilfen von 300 Millionen US-Dollar zu. Fest steht: Alleine wird Argentinien diese Krise nicht bewältigen können.

Armenviertel zwischen Corona-Angst und täglichem Überleben
Anne Herrberg. ARD Buenos Aires
27.03.2020 15:20 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. März 2020 um 18:00 Uhr.

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