Dieses Bild zeigt ein helles, aufflackerndes Objekt, das auf dem Gelände des Kernkraftwerks in Enerhodar in der Ukraine landet. | Uncredited/Kernkraftwerk Saporischschja via AP/dpa

Nach Angriff Russlands Feuer in AKW Saporischschja gelöscht

Stand: 04.03.2022 08:20 Uhr

In der Nacht haben russische Truppen ukrainischen Angaben zufolge das AKW Saporischschja beschossen. Auf dem Gelände brach ein Feuer aus, das mittlerweile offenbar gelöscht ist. Laut IAEA soll es keine erhöhten radioaktiven Werte geben.

Die russische Armee hat nach ukrainischen Angaben Europas größtes Atomkraftwerk im ukrainischen Saporischschja angegriffen und dort einen Brand ausgelöst. Nach Behördenangaben brach in einem Gebäude für Ausbildungszwecke in der Nacht Feuer aus, die Reaktorblöcke waren nicht betroffen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf Russland "Nuklear-Terrorismus" vor. Offenbar wolle Russland die Atomkatastrophe von Tschernobyl "wiederholen": "Wenn es eine Explosion gibt, ist das das Ende von allem. Das Ende Europas", warnte Selenskyj.

Der russischen Armee warf er vor, gezielt auf das Kraftwerk zu zielen: "Das sind mit Wärmebildkameras ausgerüstete Panzer, sie wissen also, worauf sie schießen."  Kein anderes Land der Welt habe jemals Atomanlagen beschossen, sagte er in einer Videobotschaft.

Anlage offenbar unter Kontrolle der russischen Truppen

Videobilder eines Live-Feeds im Internet zeigten Explosionen und Rauchwolken über der Atomanlage von Saporischschja. Russische Soldaten ließen die Löschtrupps nach Angaben der Feuerwehr zunächst nicht zum Brandort durch. Erst nach Stunden erhielten Feuerwehrleute demnach Zugang und konnten den Brand löschen. 

Der Bürgermeister der Stadt und die Rettungsdienste bestätigten die Löschung des Feuers. Russische Truppen hätten die Kontrolle über die Anlage übernommen, teilte eine regionale Behörde mit. Personal des Atomkraftwerks gewährleiste den sicheren Betrieb.

Karte: Ukraine mit Kiew, Charkiw, Mariupol, Cherson, Schytomyr, AKW Saporischschja und Separatistengebiet

Lokale Behördenvertreter hatten zuvor von Bombenangriffen auf die Atomanlage berichtet, das AKW werde mit schweren Geschützen beschossen. Ein Block des Kraftwerks sei getroffen worden, in der Anlage gebe es einen Brand, sagte der Sprecher des AKW, Andriy Tuz in einem auf Telegram veröffentlichten Video. Zwar werde der getroffene Reaktor gerade renoviert und sei nicht in Betrieb, aber es befände sich Kernbrennstoff darin.

IAEA: Keine erhöhte Radioaktivität

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) erklärte, nach Angaben der ukrainischen Regierung sei in der Umgebung der Anlage keine erhöhte Radioaktivität gemessen worden, das Personal habe "Maßnahmen zur Risikominimierung" ergriffen. US-Energieministerin Jennifer Granholm schrieb auf Twitter, die Reaktoren des Werks würden "sicher heruntergefahren".

Forderung nach NATO-Unterstützung

Der ukrainische Energieminister Herman Haluschtschenko forderte die NATO zum Eingreifen auf. Angesichts des Angriffs auf das AKW fordere man "nicht nur eine professionelle Einschätzung der Geschehnisse, sondern ein echtes Eingreifen mit den härtesten Maßnahmen, auch durch die NATO und die Länder, die Atomwaffen besitzen", schrieb Haluschtschenko auf Facebook.

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba forderte den sofortigen Stopp der Angriffe. "Wenn es explodiert, wird das zehnmal größer sein als Tschernobyl! Russen müssen sofort das Feuer einstellen", schrieb er auf Twitter.

Bereits in der vergangenen Woche hatte es Kämpfe in der Nähe des Unglücksreaktors von Tschernobyl gegeben, wo sich 1986 das schwerste Atomunglück der Geschichte ereignete. Die Atomruine wird nun von russischen Truppen kontrolliert.

Biden fordert Stopp von Militäraktionen um Kernkraftwerk

US-Präsident Joe Biden forderte Russland auf, seine militärischen Aktivitäten in dem Gebiet um das Kernkraftwerk Saporischschja in der Südukraine einzustellen. In einem Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj habe Biden sich "über den aktuellen Stand" in der Atomanlage erkundigt, teilte das Weiße Haus mit.

Beaune: EU muss standhaft bleiben

Frankreichs Europaminister Clement Beaune sagte, die Europäische Union müsse angesichts der zunehmenden russischen Angriffe in der Ukraine standhaft bleiben. Es sei noch zu früh, um die Folgen eines Brandes zu beurteilen, der in der Nähe des größten Atomkraftwerks in Europa ausgebrochen ist. "Man kann sehen, dass die Angriffe zunehmen, was äußerst besorgniserregend und ernst ist", sagte Beaune.

Johnson fordert UN-Dringlichkeitssitzung

Der britische Premierminister Boris Johnson forderte eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats und warf Russlands Präsident Wladimir Putin vor, sein "rücksichtsloses Verhalten" gefährde "die Sicherheit von ganz Europa".

Johnsons Büro teilte weiter mit, der Premier und Selenskyj stimmten überein, dass Russland die Angriffe sofort einstellen müsse, Rettungsdiensten uneingeschränkten Zugang zu der Atomanlage gewähren müsse und dass eine Feuerpause unerlässlich sei.

China: Sicherheit der Kernkraftwerke gewährleisten

Das chinesische Außenministerium rief angesichts des eskalierenden Konflikts in der Ukraine alle Seiten dazu auf, die Sicherheit der Kernkraftwerke zu gewährleisten.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 04. März 2022 um 09:00 Uhr.