Attentat Japan | Bildquelle: dpa

Messer-Attentäter in Kawasaki Ein Einsiedler, der ausrastete

Stand: 31.05.2019 12:02 Uhr

Er hatte in Japan Schulkinder mit Messern angegriffen. Zwei Menschen kamen ums Leben, danach tötete sich der Attentäter selbst. Nun kommt heraus: Er war ein Hikikomori, ein isolierter Mensch.

Von Martin Fritz, ARD-Studio Tokio

Japan trauert: Am Ort des Amoklaufs türmen sich Blumensträuße und Stofftiere, dazu zahllose Süßigkeiten - Snacks wie Kartoffelchips und Getränke als Gaben für die beiden Toten auf ihrem Weg ins Jenseits. Ein elfjähriges Mädchen und ein 39-jähriger Vater waren bei der Messerattacke am Dienstag ums Leben gekommen. 17 Menschen, fast alle Mädchen, wurden teilweise schwer verletzt.

Isoliert und ohne Arbeit

Der Angreifer, der sich nach seinen Taten selbst getötet hatte, wurde als Ryuichi Iwasaki identifiziert. Sein Motiv bleibt unklar, aber der 51-Jährige war ein Hikikomori - das heißt: Er hatte sich isoliert, arbeitete nicht und mied Menschen. Auch mit seinen Pflegeeltern - er lebte mit seinem Onkel und dessen Frau unter einem Dach - sprach er nicht. Die Tante kochte Essen für ihn, er holte es sich aus dem Kühlschrank und aß allein in seinem Zimmer.

Übersteigerter Geltungsdrang

Hikikomori seien selten gewalttätig, sagte der Kriminalpsychologe Takayuki Harada, Professor an der Tsukuba-Universität, dem Fernsehsender NHK. "Aggressiv sind Hikikomori eher als 20- oder 30-Jährige. Daher kann man bei diesem über 50-jährigen Täter auf einen übersteigerten Geltungsdrang schließen. Wir müssen aufklären, warum sich so viel negative Energie in ihm aufgestaut hatte."

Attentat Japan Trauernde | Bildquelle: AFP
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Trauernde in Kawasaki: Der 51-jährige Attentäter mied Menschen, lebte bei seinen Eltern und arbeitete nicht.

Leistungsdruck, Gruppenzwang, Hänseleien

Offiziellen Umfragen zufolge gibt es in Japan fast 1,2 Millionen Hikikomori. Mehr als 100.000 davon leben schon länger als 20 Jahre in ihrer eigenen Welt. Die Ursachen für ihren Rückzug sind vielfältig. Einige überfordert der Erfolgs- und Leistungsdruck der Eltern oder der Stress am Arbeitsplatz. Andere halten dem Gruppenzwang in Japan und den Hänseleien von Mitschülern und Kollegen nicht stand.

Inzwischen ist mehr als die Hälfte dieser Einsiedler älter als 40 Jahre. In Japan spricht man deswegen vom 5-0-8-0-Problem. Gemeint ist: Inzwischen über 50-jährige Hikikomori sind auf über 80-jährige Eltern angewiesen. Wenn deren Rente nicht mehr reicht oder sie selbst pflegebedürftig werden oder sterben, muss sich der Staat um die unselbstständigen Einsiedler kümmern.

Eltern wollten Pflegedienst bestellen

Genau dieses Problem trat bei dem 51-jährigen Amokläufer auf. Seine Ersatzeltern, beide über 80 Jahre, wollten einen ambulanten Pflegedienst bestellen. Aber sie machten sich Sorgen, wie der Hikikomori in ihrem Haus auf fremde Personen reagieren würde. Bis zuletzt berieten sie darüber mit der Hikikomori-Expertin der Stadt Kawasaki, Takako Tsuda. "Die Pflegeeltern wollten ihn nicht überflüssig reizen. Daher haben auch wir uns bemüht, eine Instabilität der Familie soweit wie möglich zu vermeiden."

Der Amoklauf hat auch die Regierung alarmiert. Wirtschaftsminister Toshimitsu Motegi kündigte Hilfsmaßnahmen für Hikikomori-Eltern an. Allein wegen des starken Mangels an Arbeitskräften kann es sich Japan nicht leisten, über eine Million Hikikomori zu ignorieren - von der Gefahr, die von ihnen für andere ausgeht, ganz zu schweigen.

Amokläufer in Japan war Hikikomori-Einsiedler
Martin Fritz, ARD Tokio
31.05.2019 11:12 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 31. Mai 2019 um 10:52 Uhr.

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