Ein Mann geht aus einer beschädigten Moschee in Kabul. | Bildquelle: REUTERS

Vor Friedensverhandlungen Zurück zum Taliban-Emirat?

Stand: 11.09.2020 08:07 Uhr

Erstmals setzen sich Regierung und Taliban an einen Tisch und verhandeln über die Zukunft Afghanistans. Die Islamisten sind in der stärkeren Position - und doch gibt es Hoffnung auf Frieden.

Von Peter Gerhardt, ARD-Studio Neu-Delhi

"In meinem ganzen Leben war die Hoffnung auf Frieden noch nie so groß", sagt Amir Akbari. Mit seinen fast 40 Jahren ist der Journalist aus Kabul genauso alt wie der Konflikt in Afghanistan. Erst die sowjetische Besatzung, dann ein Bürgerkrieg, die Schreckensherrschaft der Taliban, der Einmarsch der USA und ihrer westlichen Verbündeten und immer wieder Terroranschläge.

Die Gespräche jetzt sind ein Anfang, um das zu ändern. Mehr aber auch nicht, da sind sich fast alle Beobachter einig. Schon der Auftakt gestaltet sich zäh. Die radikalislamischen Taliban, die das Land seit Jahren mit einer blutigen Terrorwelle überziehen, weigerten sich, vor Beginn der Verhandlungen einem Waffenstillstand zuzustimmen. Warum sollten sie auch. Militärisch sehen sich die Islamisten auf der Siegerstraße. Dorf um Dorf, Provinz um Provinz haben sie in den vergangenen Jahren erobert. Nur in den großen Städten herrscht die gewählte Regierung noch unumschränkt. Diese Stärke der Taliban ist auch darin begründet, dass es ihnen gelungen ist, sich als Freiheitskämpfer gegen die "ausländischen Besatzer" zu inszenieren.

Abkommen mit geringem Wert

So war es auch die Einsicht, dass die Islamisten nicht zu besiegen sind, die im Frühjahr die USA antrieb, mit den Taliban ein Abkommen zu schließen. Darin verpflichteten sich die Taliban, Gewalt zu reduzieren und ihre Verbindungen zur Terrorgruppe Al Kaida abzubrechen. Kaum etwas davon hätten sie eingehalten, meint der pakistanische Autor Ahmed Rashid. Er gilt als einer der besten Kenner der Taliban.

Den US-Amerikanern sei es nur darum gegangen, irgendein Entgegenkommen für ihren eigenen Truppenabzug zu erhalten, der gut in die Strategie von Präsident Donald Trump passt, sich weltweit weniger zu engagieren. Deshalb hätten sie es den Taliban zu leicht gemacht, meint Rashid.

Vor den Verhandlungen nimmt der Terror zu

Anschläge, Angriffe und Überfälle haben in Afghanistan in diesem Sommer noch einmal zugenommen. Auf ihrer eigenen Webseite machen die Islamisten klar, was sie in den Verhandlungen erreichen wollen. Alle westlichen Einflüsse der letzten Jahre müssten zurückgedreht werden, heißt es dort. Ziel sei die Wiedererrichtung eines "Islamischen Emirates" - eines Gottesstaats.

"Sie glauben nicht an Demokratie", sagt Rashid. Es habe immer wieder die Hoffnung gegeben, dass die Taliban moderater werden. "Aber nach allem, was wir sehen, ist das nicht der Weg, den sie gehen."

Die afghanische Regierung hat dem wenig entgegenzusetzen. Sie ist in sich zerstritten, den Zusatz "demokratisch gewählt" verdient sie ohnehin nur bedingt: Wahlbetrug und Korruption sind weit verbreitet in Afghanistan. Dennoch ruhen die Hoffnungen der liberaleren städtischen Bevölkerungsschichten auf ihr.

"Die roten Linien sind: Erhalt der Demokratie, eine republikanische Verfassung und auch eine, die irgendwie die pluralistische Gesellschaftsordnung widerspiegelt", sagt Ellinor Zeino von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kabul. Größer könnten die Gegensätze zu den Islamisten damit kaum sein.

Verschleierte Straßenverkäuferinnen in der Stadt Herat. | Bildquelle: JALIL REZAYEE/EPA-EFE/Shuttersto
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Verschleierte Straßenverkäuferinnen in der Stadt Herat. Kommen die Taliban wieder an die Macht, haben Frauen am meisten zu verlieren.

Nicht die einzige aktive Terrorgruppe

Vor allem Frauen haben viel zu verlieren, wenn die Taliban zurück an die Macht kommen. So machen in Kabul Berichte die Runde, nach denen in Taliban-Gebieten Mädchen schon wieder verboten wird, zur Schule zu gehen.

Hinzu kommt, dass die Taliban zwar die größte und mächtigste Gruppe sind, die gegen die Regierung kämpft. Doch sie sind nicht die einzige. "Man kann nicht ausschließen, dass sich von den Taliban Gruppen abspalten, die diesen Friedensprozess nicht unterstützen", sagt Zeino. Vor allem die Terrorgruppe "Islamischer Staat" könnte von Überläufern profitieren, sollten die Taliban Kompromisse eingehen.

Sind die Gespräche zwischen Regierung, Taliban und Zivilgesellschaft also von vornherein zum Scheitern verurteilt? Auf gar keinen Fall. Auch da sind sich alle Beobachter einig. Frieden in Afghanistan ist ein Marathonlauf, glaubt der Kabuler Journalist Akbari. Aber er hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, den Zieleinlauf zu erleben. Die Frage ist nur, zu welchem Preis dieser Frieden dann erreicht wird.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 11. September 2020 um 10:45 Uhr.

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