Soldaten fahren in einem Pickup in Äthiopien. | AFP

Militäroffensive in Tigray Äthiopien berichtet von 500 Toten

Stand: 11.11.2020 22:07 Uhr

Die äthiopische Regierung von Friedensnobelpreisträger Abiy geht mit Gewalt gegen Abtrünnige in der Region Tigray vor. Nach offiziellen Angaben wurden 500 "Extremisten" getötet. Zugleich sind Zehntausende Menschen auf der Flucht.

Während einer anhaltenden Militäroffensive der äthiopischen Regierung gegen die Regierungspartei der Region Tigray sind offenbar Hunderte Menschen gestorben. Der staatliche Sender Fana zitierte einen führenden Militärvertreter, der von 500 getöteten Mitgliedern der "Extremistengruppe" sprach. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Angaben nicht, weil Tigray derzeit von der Außenwelt weitgehend abgeschnitten ist.

Äthiopiens Verteidigungsminister Kenea Yadeta sagte erneut, die Offensive in Tigray sei kein Bürgerkrieg, sondern eine "Maßnahme des Gesetzesvollzugs". Das äthiopische Rote Kreuz berichtete in den sozialen Medien des Landes von Attacken gegen drei Krankenwagen und forderte zur Einhaltung internationaler Regeln auf. Wer hinter den Angriffen steckt, ließ das Rote Kreuz offen.

Sudan schließt Grenzen zum Nachbarland

Die Kämpfe in Äthiopien haben nach Angaben der Behörden im Sudan etliche Menschen in die Flucht in das Nachbarland getrieben. "Es sind Tausende äthiopische Flüchtlinge angekommen, darunter Familien mit Frauen und Kindern und auch einige bewaffnete Kämpfer", sagte Fatah al-Rahman al-Amin, ein hochrangiger Beamter im sudanesischen Bundesstaat Kassala. Demnach haben Kassala und der Bundesstaat Al-Qadarif ihre Grenzen mit Äthiopien dicht gemacht.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR bestätigte am Abend diese Angaben und sprach von bisher rund 7000 Männern, Frauen und Kindern, die aus Tigray geflohen seien. "Angesichts Tausender ankommender Flüchtlinge an der sudanesischen Grenze innerhalb von 24 Stunden und eines Konflikts, der zu eskalieren scheint, ist ein scharfer Anstieg der Zahl wahrscheinlich", erklärte das UNHCR in einer Erklärung.

Die UN-Organisation zeigte sich zudem äußerst besorgt über die Lage der in vier äthiopischen Lagern lebenden 96.000 Flüchtlinge sowie die beim Start der Offensive bereits vertriebenen 100.000 Menschen aus der Tigray-Region. "Straßen sind blockiert und Strom, Telefonverbindungen und das Internet gekappt, was eine Kommunikation fast unmöglich macht; es gibt Benzin-Knappheit und eingestellte Bankgeschäfte, was das Bargeld verknappt."

Hilfsorganisationen warnen vor humanitärer Krise

Die äthiopische Regierung in Addis Abeba hatte nach Monaten der Spannungen zwischen der äthiopischen Regierung und der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) vor einer Woche eine Offensive gegen die Rebellengruppe und die Regierungspartei von Tigray begonnen. Hilfsorganisationen warnen vor einer humanitären Krise infolge der Offensive.

Die TPLF war die dominante Partei in der Parteienkoalition, die Äthiopien mehr als 25 Jahre lang mit harter Hand regierte. Dies änderte sich, als Abiy Ahmed 2018 an die Macht kam: Der Ministerpräsident brachte Reformen auf den Weg, entfernte Funktionäre der alten Garde und gründete eine neue Partei, der die zuvor in der Parteienkoalition vertretene TPLF nicht beitrat.

Die TPLF und viele Menschen in Tigray fühlen sich von der Zentralregierung nicht vertreten und wünschen sich größere Autonomie. Unter Abiy - der im Vorjahr den Friedensnobelpreis erhielt - haben die ethnischen Spannungen und Konflikte in dem Vielvölkerstaat Äthiopien mit seinen rund 112 Millionen Einwohnern zugenommen. Analysten warnen bereits vor einem Konflikt, der die Region destabilisieren könnte.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. November 2020 um 09:00 Uhr in den Nachrichten.