Mitglieder einer Spezialeinheit kehren nach Gefechten mit der Volksbefreiungsfront TPLF in ein Militärlager zurück. | REUTERS

Konflikt in Äthiopien EU warnt vor humanitärer Katastrophe

Stand: 13.11.2020 11:34 Uhr

Der Konflikt in Tigray in Äthiopien spitzt sich zu. Das äthiopische Parlament ernannte einen neuen Regierungschef für die abtrünnige Region. Die Militäroffensive wurde fortgesetzt. Die EU befürchtet eine humanitären Katastrophe.

Das äthiopische Parlament hat einen neuen Regierungschef in der abtrünnigen Region Tigray ernannt. Die Entscheidung fiel einen Tag nachdem das Parlament den bisherigen Präsidenten von Tigray, Debretsion Gebremichael, abgesetzt hatte.

Gebremichael war im September gewählt worden und ist Chef der Tigray Volksbefreiungsfront TPLF. Die Zentralregierung in Addis Abeba hatte die Wahl allerdings nicht anerkannt, was nun zu einem militärischen Konflikt geführt hat. Die Regierungstruppen setzten ihre Offensive in der Region fort.

Viele Opfer in der Zivilbevölkerung

Am Donnerstag hatte Ministerpräsident Abiy Ahmed verkündet, die Regierungstruppen hätten bereits Teile des abtrünnigen Bundesstaates Tigray unter ihre Kontrolle gebracht. Das UN-Flüchtlingshilfswerk sprach von allein 11.000 Menschen, die wegen der etwa einwöchigen Kämpfe in den benachbarten Sudan geflohen seien.

Bei den Kämpfen kam es offenbar zu vielen zivilen Opfern. Bilder, die in den sozialen Netzwerken kursieren, zeigen, wie Dutzende Leichen durch ein Dorf im Nordwesten der Tigray-Region getragen werden. Amnesty International sprach von einem Massaker unter der Zivilbevölkerung. Der Menschenrechtsorganisation zufolge konnte die Echtheit der Bilder bestätigt werden.

Sorge vor einer Eskalation

Die EU-Kommission befürchtet eine Katastrophe für die Bevölkerung und eine Ausweitung des Konflikts. "Die militärische Eskalation in Äthiopien bedroht die Stabilität des ganzen Landes und der Region", sagte der EU-Kommissar für Krisenmanagement, Janez Lenarcic, dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland". Das Risiko, dass die Gewalt sich ausbreite, sei sehr real.

Lenarcic forderte die äthiopische Regierung auf, den Hilfsorganisationen schnell und bedingungslos Zugang zur Region Tigray zu gewähren. "Ich fürchte, dass diese Krise katastrophale humanitäre Folgen für das ganze Land hat", sagte der EU-Kommissar. Schon vor der Krise seien rund drei Millionen Menschen in Tigray und 15 Millionen Menschen im gesamten Land auf humanitäre Hilfe angewiesen gewesen.

Seit Jahren schwelender Konflikt

Der Konflikt in Äthiopien war eskaliert, nachdem Ministerpräsident Abiy Ahmed wegen der Corona-Pandemie die für den Sommer geplanten Parlamentswahlen verschoben hatte, ohne einen konkreten neuen Termin zu nennen.

In Tigray mit seinen mehr als fünf Millionen Einwohnern gibt es seit Jahren Streit zwischen der Zentralregierung in Addis Abeba und der TPLF. Dabei geht es um ethnische Spannungen zwischen den Tigrayern, die das Land über Jahrzehnte kontrolliert hatten, und Abiy Ahmed aus der Bevölkerungsmehrheit der Oromo.

Abiy ist seit April 2018 Ministerpräsident Äthiopiens. Der von ihm gebildeten Einheitsregierung trat die TPLF seinerzeit nicht bei. Abiy wurde für seine Bemühungen um eine Aussöhnung mit dem benachbarten Eritrea 2019 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Er hat Äthiopien zudem wirtschaftlich und politisch geöffnet, die ethnischen Unruhen aber nicht in den Griff bekommen.

Mit Informationen von Antje Diekhans, ARD-Studio Nairobi.