Ukrainer wandern aus Der Traum vom polnischen Reichtum

Stand: 11.09.2018 13:56 Uhr

Sie kommen wegen des Geldes nach Polen: Junge Ukrainer wie Roman aus Kiew. Etwa eine Million verlassen das Land jedes Jahr. Doch nicht für alle erfüllt sich der Traum, wie der Fall von Roman zeigt.

Von Maria Kalus und Oliver Soos, ARD-Studio Moskau

Drei Monate nach Polen fahren zum Jobben und dann ein polnisches Arbeitsvisum bekommen, das versuchen im Moment viele Ukrainer, so auch Roman aus Kiew, 23 Jahre alt. Doch sein Traum von der EU wurde zu einem Albtraum. "Ich bin morgens um halb fünf aufgestanden, zu Hause war ich nachts um zwei. Ich war praktisch 24 Stunden bei der Arbeit." Sein Stundenlohn: neun Zloty, umgerechnet zwei Euro. Die Tätigkeit war ziemlich stupide.

"Erst als wir in Polen ankamen, haben wir erfahren, was wir arbeiten werden. Wir kamen nach Mlawa, eine Kleinstadt 100 Kilometer nördlich von Warschau. Dort gibt es fünf oder sechs Werke, die für die Firma LG produzieren. Eine Koordinatorin brachte mich ins Hauptwerk, wo die fertigen Fernseher verpackt werden", erzählt Roman. "Meine Aufgabe war es, die Fernseher zu testen. Ich steckte einen USB-Stick hinein und prüfte auf dem Bildschirm, ob sie funktionieren und dann habe ich die Fernseher in Kartons verpackt."

Roman aus Kiew | Bildquelle: Oliver Soos, WDR
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Der Ukrainer Roman möchte seinen Nachnamen nicht genannt sehen. Er arbeitete für mehrere Monate in Polen.

Akademiker packt Fernseher ein

Roman arbeitete 16 Stunden pro Tag und verdiente umgerechnet knapp 700 Euro pro Monat. Für den Job war er überqualifiziert. Er hat ein abgeschlossenes Industriemanagement-Studium. Doch die Perspektiven in der Ukraine waren schlecht. "Wenn man in Kiew eine eigene Wohnung hat, dann kann man hier nach der Uni problemlos eine Karriere starten“, sagt Roman.

"Ich hatte ein Angebot von der französischen Warenhauskette Auchan, eine Stelle mit guten Aufstiegschancen. Allerdings hätte ich erst einmal nur 150 Euro pro Monat verdient. Also bin ich mit einem Freund nach Polen gefahren. Wir haben uns Alibi-mäßig auf booking.com eine Unterkunft reserviert. Wenn man uns an der Grenze gefragt hätte, hätten wir uns als Touristen ausgegeben. Aber wir sind problemlos nach Polen gekommen."

Pavlo Klimkin | Bildquelle: picture alliance / AA
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Pavlo Klimkin beklagt eine Massenabwanderung aus der Ukraine.

Außenminister warnt: "Eine Million reist jedes Jahr aus"

Roman ist kein Einzelfall: Die Ukraine erlebt eine Massenabwanderung. Viele Menschen sind enttäuscht, denn auch nach der Maidan-Revolution beherrschen Oligarchen weiter die Wirtschaft. Der Durchschnittslohn liegt in der Ukraine bei rund 250 Euro, im Nachbarland Polen bei 1000 Euro. Anfang der 1990er-Jahre lebten in der Ukraine 52 Millionen Menschen, mittlerweile sind es 42 Millionen, und die Zahl wird weiter schrumpfen - auf 32 Millionen im Jahr 2050. Das besagt eine Prognose des Instituts für Demographie der Ukraine.

"Die Situation bei uns ist wirklich katastrophal", berichtet der ukrainische Außenminister Pavlo Klimikin. "Etwa eine Million Ukrainer reisen jedes Jahr aus und wir glauben, dass das in näherer Zukunft so weitergeht. In Polen wohnen derzeit etwa 1,4 Millionen Ukrainer. In Breslau melden sie, dass dort das Verhältnis von Polen zu Ukrainern mittlerweile bei 70 zu 30 Prozent liegt."

EU- und ukrainische Flagge
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Kiew 2014: Eine junge Frau und ihre Tochter sind in eine EU- und eine ukrainische Flagge gehüllt. Der erhoffte Aufschwung blieb bisher aus.

"In Kiew fühlst du dich wie ein Mensch"

Roman ist inzwischen wieder zurück in Kiew und arbeitet für einen Online-Sportartikelversand. Er verdient jetzt 350 Euro pro Monat, halb so viel wie in Polen. Doch sein Leben sei wieder lebenswerter. "In Kiew fühlst du dich wie ein Mensch. Hier gehe ich aus, spiele Fußball. In Polen habe ich nur gearbeitet. Wenn ich dort auch nur spazieren gegangen wäre, hätte ich weniger verdient und dann hätte sich mein Aufenthalt dort nicht gelohnt."

Massenabwanderung aus der Ukraine – 1 Mio. pro Jahr
Oliver Soos, ARD Moskau
11.09.2018 14:32 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. Juli 2018 um 18:40 Uhr in der Sendung "Hintergrund".

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