Sitzung des Wirecard-Untersuchungsausschusses am Donnerstag in Berlin. | dpa

Wirtschaftsprüfer bei Wirecard "Wir prüfen nicht jede Quittung"

Stand: 27.11.2020 08:59 Uhr

Bis in die frühen Morgenstunden lief die Zeugenbefragung im Wirecard-Untersuchungsausschuss. Vor allem die Vertreter der Wirtschaftsprüfer von EY redeten viel, doch sagten in der Sache wenig. Die Strategie könnte aufgehen.

Tobias Betz ARD-Hauptstadtstudio

Von Tobias Betz, ARD-Hauptstadtstudio

Der ehemalige Wirecard-Chef Markus Braun hat unter den Mitgliedern des Untersuchungsausschusses einen Beinamen erhalten. Einige Politiker nennen ihn seit Kurzem: Markus "Ich verweise auf mein Eingangsstatement" Braun. Das ist nicht besonders originell, fasst aber Brauns Aussage von vergangener Woche ganz gut zusammen. Stundenlang befragten ihn die Ausschuss-Mitglieder. Seine Antwort war fast immer: "Ich verweise auf mein Eingangsstatement." Das sorgte für viel Frust im U-Ausschuss. Nun waren die Wirtschaftsprüfer an der Reihe. Aber auch hier läuft es ähnlich - stundenlange Befragung, aber keine Aufklärung in der Sache.

Das Prinzip des ehrbaren Kaufmanns

Zum Beispiel ist da Christian Orth, Leiter der internen Qualitätssicherung bei EY. In einem abstrakten Vortrag schildert er ausführlich die Grenzen seines Berufs. Wirtschaftsprüfer müssten nicht unterstellen, dass der Gegenüber per se ein Betrüger sei, erklärt er. Vielmehr sei man stets auf Mitarbeit und Zusammenarbeit des Mandanten angewiesen. Es gelte das Prinzip des "ehrbaren Kaufmanns".

Bezogen auf den Wirecard-Skandal klingt das sehr bescheiden. Konten in Asien hat Wirecard wohl erfunden. 1,9 Milliarden Euro tauchten in der Bilanz auf, aber das Unternehmen konnte sie nicht belegen - möglicherweise ebenfalls frei erfunden. Im Juni brach Wirecard schließlich in sich zusammen. Anleger verloren viel Geld. Das Vertrauen in den deutschen Finanzplatz ist seitdem ramponiert. Die Staatsanwaltschaft steckte Ex-Vorstände, darunter auch Markus Braun, in Untersuchungshaft. "Bandenmäßiger Betrug" lautet der Verdacht.

EY ist nichts aufgefallen

Und die Wirtschaftsprüfer von EY geraten immer mehr in die Kritik. Seit 2009 kontrollierten sie die Bilanzen von Wirecard. Aufgefallen ist nichts - weder die Konten in Asien noch die 1,9 Milliarden Euro. Kurz vor der Anhörung berichtet das "Handelsblatt", die Wirtschaftsprüfer-Aufsicht Apas habe die Staatsanwaltschaft eingeschaltet wegen Hinweisen auf Straftaten der EY-Prüfer. EY streitet das als haltlos ab.

Bei Orths Vortrag über das "Wesen des Wirtschaftsprüfers" fällt noch dieser Satz: "Wir prüfen nicht jede Quittung." Zählen dazu auch 1,9 Milliarden Euro? Das wäre ein interessanter Ansatzpunkt für die Befragung im Wirecard-Untersuchungsausschuss.

Strategie: Aussageverweigerung

Doch der EY-Mann Orth beendet sein Eingangsstatement so: Er würde unheimlich gerne aussagen, aber er dürfe das nicht, weil er einer Verschwiegenheitspflicht unterliege. Das stimmt, allerdings hatte zuvor der Wirecard-Insolvenzverwalter alle EY-Akteure von der Schweigepflicht entbunden, entgegnet Matthias Hauer (CDU). Doch Orth erklärt wie seine anderen EY-Kollegen, er fürchte strafrechtliche Konsequenzen, weil in der Vergangenheit mehrere Oberlandesgerichte entschieden hätten, dass der Insolvenzverwalter allein gar nicht befugt sei, die Schweigepflicht aufzuheben. Sondern dass zusätzlich der zur Zeit des Prüfmandats amtierende Vorstand das tun müsse.

Das sorgt für Kopfschütteln im Ausschuss. Denn das würde bedeuten, der in U-Haft sitzende Markus Braun müsste den EY-Leuten erlauben zu reden. Genauso wie der frühere Wirecard-Vertriebsvorstand Jan Marsalek. Doch der ist auf der Flucht. Kaum vorstellbar, dass Marsalek da etwas unternimmt. Deshalb wirft CDU-Mann Hauer dem EY-Zeugen Orth vor: "Ihre Aussageverweigerung ist ein vorgeschobener Grund." Danyal Bayaz (Grüne) sagt, EY verstecke sich hinter Braun und Marsalek. "EY ist ein Unternehmen, das von Staatsaufträgen profitiert. Auch daher ist die Erwartung berechtigt, dass das Unternehmen die politische Aufklärung nicht behindert", so Bayaz.

Trotzdem handelt der U-Ausschuss, weil EY die Aussage weitgehend verweigert. Der Vorsitzende Kay Gottschalk (AfD) hat zwei EY-Zeugen mit einem Bußgeld belegt - jeweils 1000 Euro. Auch Christian Orth muss bezahlen. Gottschalk sagt: "Ich hoffe auf ein baldiges Wiedersehen mit umfänglichen Aussagen."

Zeugen spielen auf Zeit

Vor allem ist das Schweigen der EY-Leute eine Strategie. Erstens: Aussage verweigern, wegen laufender Ermittlungen oder Verschwiegenheitspflicht. Zweitens: Erklären, dass man unbedingt aussagen will, sobald das juristisch eindeutig geklärt ist. Drittens: Abwarten. Denn die Zeit spielt für die Wirecard-Vorstände und EY-Prüfer. Der Untersuchungsausschuss muss zum Ende der Legislaturperiode enden. Das wäre schon Ende September. Weil dazwischen aber noch ein Bundestagswahlkampf liegt und der U-Ausschuss einen Abschlussbericht vorlegen muss, wird die Zeugenbefragung Anfang April 2021 beendet sein.

Doch hat der Bundesgerichtshof bis dahin die Frage der Verschwiegenheitspflicht eindeutig geklärt? Und wann will der U-Ausschuss Markus "Ich verweise auf mein Eingangsstatement" Braun und die EY-Prüfer überhaupt erneut vorladen? Auf der Zeugenliste stehen schließlich noch andere Namen: Angela Merkel, Olaf Scholz, Karl-Theodor zu Guttenberg, Peter Altmaier, Markus Söder und, und, und.

Provokation im Ausschuss

Die so wichtigen Aussagen aus dem Wirecard-Umfeld fallen de facto aus. Jens Zimmermann (SPD) wirft EY ein Spiel auf Zeit vor. Der CSU-Finanzexperte Hans Michelbach rückt bei der Anhörung den EY-Zeugen Orth in die Nähe des früheren Wirecard-Chefs Markus Braun. Michelbach schimpft: "Sie sagen nix, Herr Braun sagt nix!." Daraufhin ziehen sich der EY-Zeuge und sein Anwalt kurzzeitig zurück und fordern dann mehr Respekt. Eine Provokation.

EY hüllt sich in Schweigen. Und der Untersuchungsausschuss droht zum Aussage-Verweigerungs-Ausschuss zu verkommen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. November 2020 um 11:00 Uhr.