Am Hauptsitz der Wirecard in Aschheim bei München ist ein Straßenschild zu sehen, das zwei Richtungen zeigt. | Bildquelle: PHILIPP GUELLAND/EPA-EFE/Shutter

Ex-Wirecard-Manager Marsalek angeblich in Moskau

Stand: 20.07.2020 07:36 Uhr

Der ehemalige Wirecard-Vorstand Marsalek, der eine Schlüsselrolle im Bilanzskandal gespielt haben soll, steht einem Medienbericht zufolge in Russland unter Geheimdienstaufsicht. Innenpolitisch wächst der Druck auf die Bundesregierung.

Der flüchtige Ex-Vorstand des Münchner Finanzdienstleisters Wirecard, Jan Marsalek, hat sich einem Zeitungsbericht zufolge nach Russland abgesetzt. Wie das "Handelsblatt" unter Berufung auf Unternehmer-, Justiz- und Diplomatenkreise schreibt, sei der Manager auf einem Anwesen nahe Moskau unter Aufsicht des russischen Militärgeheimdienstes GRU untergebracht. Zuvor soll Marsalek demnach erhebliche Summen in Form von Bitcoins aus Dubai nach Russland geschafft haben.

Laut der Investigativ-Plattform "Bellingcat" sei Marsalek noch am Tag seiner Freistellung bei Wirecard Mitte Juni von Klagenfurt über Tallin ins belarussische Minsk geflogen, so das "Handelsblatt" weiter. Wegen des politischen Konflikts zwischen Russland und Belarus (Weißrussland) sei es dem GRU aber wohl zu riskant gewesen, Marsalek im Nachbarland zu belassen. Deshalb habe man ihn weiter nach Russland geschafft.

Auch der "Spiegel" hatte am Samstag berichtet, Marsalek sei kurz nach seiner Freistellung in Belarus eingereist. Dies ergebe sich aus dem Ein- und Ausreiseregister. Eine Wiederausreise sei dort bislang nicht verzeichnet, was darauf hindeute, dass Marsalek noch in Weißrussland oder Russland sei. Die Erkenntnisse nähren laut "Spiegel" die These, Marsalek habe mit russischen Geheimdiensten kooperiert oder für sie gearbeitet. Bisher wurde vermutet, Marsalek halte sich eher in Asien auf. Er war für das Asien-Geschäft des DAX-Konzerns zuständig.

Fehlende 1,9 Milliarden Euro

Wirecard hatte im Juni eingestanden, dass in der Jahresbilanz 1,9 Milliarden Euro fehlen und das Geld vermutlich gar nicht existiert. Der Börsenkurs des Konzerns stürzte ab, das Unternehmen meldete Insolvenz an. In dem Fall ermittelt die Staatsanwaltschaft München I.

Die Pleite löste in Deutschland eine Debatte über Versäumnisse von Behörden und Wirtschaftsprüfern aus, denen die Bilanzfälschungen lange verborgen geblieben waren. Auch das Agieren der Bundesregierung wird zunehmend kritisiert.

Die Opposition erhöht inzwischen den Druck auf die Regierung. Die Obleute der Bundestagsfraktionen im Finanzausschuss beraten heute über eine mögliche Sondersitzung. Es geht unter anderem darum, ob es Fehler bei der Finanzaufsicht gab, ob Bundesfinanzminister Olaf Scholz Verantwortung trägt und ob die Bundesregierung - das Kanzleramt eingeschlossen - womöglich Wirecard unterstützte, obwohl der Verdacht von Unregelmäßigkeiten bereits im Raum stand.

Kommt ein Untersuchungsausschuss?

Wie der "Spiegel" zuerst berichtete, hatte das Bundeskanzleramt sich im Herbst 2019 rund um eine China-Reise von Bundeskanzlerin Angela Merkel für den Zahlungsabwickler eingesetzt - auch die Kanzlerin selbst war involviert. Scholz war einem Berichts seines Ministeriums zufolge schon seit dem 19. Februar 2019 darüber informiert, dass die Finanzaufsichtsbehörde Bafin den Fall Wirecard "wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Verbot der Marktmanipulation" untersucht.

Die Linke fordert bereits einen parlamentarischen Untersuchungssausschuss. FDP und Grüne drohen ebenfalls damit, falls die Bundesregierung nicht ausreichend zur Aufklärung beiträgt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Juli 2020 um 23:00 Uhr.

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