Zerstörte Autos und Gebäude auf einer Straße in Kiew. | dpa

Folgen für Wirtschaft Krieg bedroht ukrainische Boom-Branchen

Stand: 28.03.2022 08:10 Uhr

Auch weil es in der Ukraine so viele gut ausgebildete IT-Spezialisten gibt, haben deutsche Firmen in der Vergangenheit im Land investiert. Wie gehen sie nun mit dem Krieg um?

Von Patrick Schneider, mdr

Fast 5000 IT-Firmen haben ihren Sitz in der Ukraine. Hohe Investitionen des ukrainischen Staates in die eigene digitale Infrastruktur lockten auch deutsche Unternehmer an. Knuth Rüffer etwa, Geschäftsführer des Softwareunternehmens Scalors GmbH aus Achim bei Bremen, eröffnete 2015 ein Büro in Kiew. Aktuell arbeiten etwa 95 Mitarbeiter für das Unternehmen, 85 davon waren in Kiew tätig. Probleme neue Mitarbeiter zu finden gab es bisher nicht.

"Es gibt circa 250.000 bis 300.000 IT-Experten im Land. Es geht kaum noch um Kostenersparnis, sondern um die reine Verfügbarkeit der Leute", sagt Rüffer. "Die sind technologisch sehr gut ausgebildet und bilden sich auch sehr gut weiter was moderne, neue Technologien betrifft. Außerdem ist es halt kulturell sehr nah an Deutschland."

Entwicklerstunden fehlen

Auch Unternehmen wie Boeing, Bosch und die Autovermietung Sixt haben IT-Abteilungen in der Ukraine. Durch den Krieg und dadurch, dass einige Mitarbeiter zum Armeedienst eingezogen wurden, erreicht Scalors aktuell nur noch etwa 65 Prozent Produktivität.

Knuth Rüffer schätzt, dass derzeit täglich circa eine Million IT-Entwicklerstunden auf dem westeuropäischen und amerikanischen Markt fehlen. Um den hohen Arbeitsbedarf zu decken, hat das Unternehmen nun Recruiting-Prozesse in Ländern wie Polen, Rumänien und Portugal angestoßen. Die Projektkosten werden dadurch steigen.

Eine Frage der Kosten

"Wir führen diese Gespräche gerade mit allen Mitarbeitern. Es gibt einige, die dann sagen, sie wollen eher in Grenznähe, in Polen wohnen bleiben, was für uns als Unternehmen völlig in Ordnung wäre." Dort seien steuerliche Bedingungen und Lohnhöhe ähnlich wie in der Ukraine, die Kosten würden sich also nicht stark verändern. "Wenn wir Leute nach Deutschland holen, dann müssen wir natürlich mit ganz anderen Stundensätzen arbeiten, das würde wahrscheinlich die ganze IT-Branche in Deutschland und innerhalb der EU merken."

Für die Zukunft seiner Firma sei nun die Frage der ukrainischen Unabhängigkeit entscheidend. Was passieren würde, falls das Land unter russische Kontrolle geriete, ist unklar. Um den Fortbestand seines Unternehmens macht sich Rüffer keine Sorgen. Die Kunden hätten Verständnis für die aktuelle Situation.

"Alles oder nichts"

Ganz anders ist die Situation bei Landwirt Markus Schütte. Vor 18 Jahren zog der studierte Agrarwirt mit seiner Familie aus Halle im niedersächsischen Weserbergland in die Nähe der westukrainische Stadt Luzk. Hier bewirtschaftet er einen 5000 Hektar großen Hof und beschäftigt 50 Angestellte. Ob er seinen Hof in Zukunft noch sein Eigen nennen darf, ist ungewiss: "Wenn man sich jetzt das aggressive Verhalten Russlands anguckt, gehe ich nicht davon aus, dass unsere Betriebe uns erhalten bleiben würden für den Fall, dass die Westukraine besetzt wird. Also es ist für uns praktisch alles oder nichts."

Die Ukraine ist bekannt als Kornkammer Europas und für 11,5 Prozent der globalen Weizenexporte verantwortlich. Auch auf dem Hof von Markus Schütte wird Weizen angebaut. Obwohl Deutschland bei Weizen weitestgehend Selbstversorger ist, haben die Folgen des Krieges und die Sanktionen gegen Russland Auswirkungen auf den deutschen Lebensmittelmarkt. Kostete eine Tonne Weizen Anfang Februar noch 264 Euro, waren es Anfang März bereits 394 Euro. Beide Länder sind wichtige Weizen-Produzenten.

Weizen-Exporte für die Welternährung wichtig

"Beide Länder, Russland und die Ukraine, sind im weltweiten Maßstab bedeutende Produzenten", sagt Henning Ehlers, Hauptgeschäftsführer des deutschen Raiffeisenverbandes (DRV). "Allein bei Weizen produzieren beide Länder 110 Millionen Tonnen und die Hälfte davon, mehr als 50 Millionen Tonnen, wird exportiert." Zusammengenommen sind Russland und die Ukraine für über ein Viertel der globalen Weizenexporte verantwortlich. Weil die Produzenten beider Länder entweder ausfallen oder nicht im gewünschten Maße liefern können, verringert sich das weltweite Angebot und der Preis steigt.

Auf dem Hof von Markus Schütte kann die Arbeit aktuell noch weitergehen. Die meiste Zeit hält er sich bei seiner Frau und den drei Kindern in Berlin auf. Er möchte seinen Hof behalten, doch ein schnelles Kriegsende und das Verteidigen der Freiheit ist ihm wichtiger. Bei sich zu Hause in Berlin hat er zwei Frauen mit ihren Kindern aus seinem Dorf in der Ukraine aufgenommen. Die Männer mussten im Land bleiben.

Über dieses Thema berichtete das Wirtschaftsmagazin Plusminus am 23.3.2022 im Ersten.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. März 2022 um 08:05 Uhr.