Demonstration gegen die russische Invasion in der Ukraine vor dem Schweizer Parlamentsgebäude  | picture alliance/KEYSTONE

Kritik an Unternehmen Konzerne wegen Russland-Geschäft am Pranger

Stand: 24.03.2022 08:11 Uhr

Zu den westlichen Konzernen, die mit Russland im Geschäft bleiben, zählen Lebensmittel-Multis wie Nestlé. Sie rechtfertigen das mit Hinweis auf die Grundversorgung. Doch es gibt auch andere Gründe.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

In den Sozialen Medien hat sich ein "Shitstorm" gegen Konzerne wie Nestlé zusammengebraut. Hunderte Twitter-Nutzer rufen zum Boykott von Produkten des weltgrößten Lebensmittelherstellers auf. Auch die Hackergruppe Anonymous verurteilte das Russland-Engagement von Nestlé.

Die ukrainische Regierung bezeichnet Nestlé als "Sponsor von Putins Krieg". Premierminister Denys Schmyhal moniert, dass der Lebensmittel-Riese Steuern für das Budget eines terroristischen Staats zahle. Das bedeute, "wehrlose Kinder und Mütter zu töten".

"Unsere Kinder sterben, unsere Städte werden zerstört"

Bereits am Wochenende hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Schweizer Konzerne wie Nestlé kritisiert, die Russland nicht verlassen wollen. Die Geschäfte liefen weiter, "obwohl unsere Kinder sterben und unsere Städte zerstört werden". In einer Rede vor Amerikanern stellte Selenskyj auch andere Nahrungsmittelhersteller wie Mondelez und Unilever öffentlich an den Pranger.

Nestlé wehrt sich gegen die Vorwürfe und verteidigt sein Engagement in Russland. Man stehe in der Verantwortung, die russische Bevölkerung weiterhin mit lebenswichtigen Nahrungsmitteln zu versorgen. Dazu zählten Babynahrung, Frühstücksflocken und Tierfutter. "Wir haben sämtliche Importe und Exporte aus Russland gestoppt - außer bei lebenswichtigen Produkten", erklärte ein Nestlé-Sprecher in Schweizer Medien. Mit den verbliebenen Produkten erzielen die Schweizer nach eigenen Aussagen keinen Gewinn.

Lieferstopp für Schokoriegel und Kaffeekapseln

Schokoladen-Riegel wie Kitkat, Nespresso-Kaffeekapseln und Marken-Mineralwasser will der Konzern in Russland nicht mehr verkaufen. Zudem hat Nestlé seine Investitionen in Russland eingestellt und verzichtet auf Werbung. Die Steuern, die Nestlé in Russland zahle, seien nicht so hoch wie behauptet, heißt es vom Unternehmen. Nach eigenen Berechnungen des Konzerns liegen sie deutlich unter 100 Millionen Schweizer Franken. Bislang erwirtschaftet der Konzern rund zwei Prozent seines Gesamtumsatzes in Russland.

Auch der Danone-Konzern produziert und vertreibt weiterhin Milchprodukte und Babynahrung auf dem russischen Markt. Die Franzosen begründen dies - ähnlich wie Nestlé - mit ihrer Verantwortung gegenüber der Bevölkerung. Der Konkurrent Unilever fährt ebenfalls zweigleisig. Die Briten haben zwar ihre Exporte gestoppt, liefern aber weiter ihre in Russland hergestellten Grundnahrungsmittel und Hygieneartikel. Und selbst der Pepsi-Konzern PepsiCo bleibt teilweise in Russland engagiert und verkauft noch Babymilch. Brause und andere Softdrinks dagegen will er nicht mehr nach Russland liefern.

Angst vor Verstaatlichung und Vergeltungsmaßnahmen

Ob Nestlé, Unilever, PepsiCo oder auch Pharmafirmen wie Roche - sie alle begründen ihre Russland-Geschäfte damit, dass sie lebenswichtige Güter wie Lebensmittel oder Medikamente lieferten. Ein Rückzug schade nur der Bevölkerung. Allerdings dürfte es auch einen weiteren, sehr handfesten Grund für das Festhalten der Konzerne am russischen Markt geben: die Angst vor einer Verstaatlichung von Fabriken und Vergeltungsmaßnahmen. Würde die Produktion angehalten oder eingestellt, könnte Moskau eingreifen.

Kreml-Herrscher Wladimir Putin hat bereits mit der Enteignung von Vermögenswerten von Unternehmen gedroht, die ihre Tätigkeit im Land einstellen. Und: Russische Staatsanwälte sollen gewarnt haben, dass Mitarbeiter verhaftet und strafrechtlich verfolgt werden könnten, wenn die Produktion lebenswichtiger Güter nicht gewährleistet ist.

Die Kritik an Nestlé & Co wirft die alte Frage auf, wie moralisch Unternehmen handeln müssen. Dürfen sie in Kriegsgebieten noch Geschäfte machen? Wirtschaftsethiker verweisen auf die verantwortungsvolle Rolle der Konzerne als "Corporate Citizen". Unternehmen, die jetzt nicht aus Russland herausgehen, verlören ihre soziale Akzeptanz.

"Hall of Shame" in den USA

Andere argumentieren, die Kritik an Lebensmittel-Konzernen lenke ab von der Debatte über ein mögliches Embargo von russischen Gas- und Ölimporten. Zudem stünden Babymilchpulver und Frühstücksflocken nicht auf der Sanktionsliste. Allerdings bleibt die Frage, ob Sanktionen nicht nur dann wirksam sind, wenn ihre Folgen auch im Alltag vieler Menschen spürbar sind. Und wo die Grenze zu ziehen ist zu lebensnotwendigen Gütern. Der frühere Nestlé-Chef Peter Brabeck sagte einst: "Es gibt ein Menschenrecht auf Wasser, aber nicht auf einen gefüllten Swimming Pool."

Noch hält sich der öffentliche Druck gegen die Lebensmittel-Konzerne in Grenzen. Er könnte aber rasch zunehmen, wenn Russland Angriffe auf das Nachbarland so heftig bleiben oder das Leid der Ukrainer sogar noch zunimmt. Besonders in den USA stehen die Konzerne unter ständiger Beobachtung. Dort geht die Kritik an den Firmen, die in Russland weiter aktiv sind, schon jetzt viel weiter als in Deutschland. In einer als "Hall of Shame" bezeichneten Liste etwa haben Wissenschaftler der Universität Yale die Unternehmen aufgelistet, die an Geschäften im russischen Markt festhalten. Aktuell nennt sie 74 Konzerne.

Zu diesen Firmen gehören auch einige Pharmahersteller. Der Schweizer Novartis-Konzern betreibt noch Produktionsstätten im Land. Bayer, Pfizer und Eli Lilly haben Teile ihrer Russland-Aktivitäten eingestellt, liefern aber weiterhin Medikamente für Krankheiten wie Diabetes oder Krebs. Und auch das hessische Unternehmen Stada, das stark von Umsätzen in dem Land abhängt, will bislang an Lieferungen nach Russland festhalten.