Ein Bäcker schüttet in der Backstube von "Der Göttinger Feuerbäcker" Weizenmehl in eine Knetmaschine. | picture alliance/dpa

Hohe Weizenpreise Im Libanon wird das Brot knapp

Stand: 07.06.2022 05:55 Uhr

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine treibt den Weizenpreis in immer neue Höhen. Das macht sich auch im Libanon bemerkbar. Denn das ohnehin krisengeschüttelte Land bezog seinen Weizen aus der Kriegsregion.

Von Anna Osius, ARD-Studio Kairo

"Fünf Pakete Brot bitte, warum bekomme ich kein Brot?" Die Kundin in einer Bäckerei im Süden von Libanons Hauptstadt Beirut wundert sich: "Kein Brot mehr? Jetzt schon?" - "Wir haben eine Brotkrise", sagt der Verkäufer entschuldigend. Ein Raunen geht durch die Schlange von wartenden Kunden. Es ist erst später Vormittag, und trotzdem ist das Brot schon teilweise ausverkauft.

Anna Osius ARD-Studio Kairo

"Sie geben uns kaum noch Brot", klagt Kundin Shaimaa. "Manchmal finden wir Brot in den Läden, manchmal nicht." Und Familienvater Georg ergänzt wütend: "Wir fordern eine Lösung. Es reicht!  Wir haben die Nase voll von diesem Land. Man kann hier nicht mehr leben. Sogar Brot gibt es nicht mehr. Wie soll man sich verhalten, wenn man zuhause Kinder hat. Man muss sie doch ernähren."

Auf der anderen Seite der fast leeren Verkaufstheke steht Bäcker Mohammed Shaalan und fühlt sich hilflos. Ihm ist das Mehl ausgegangen: "Fast das gesamte Mehl, das wir hatten, haben wir heute verbacken. Das heißt, nach zwei Stunden gibt es kein Brot mehr, weder hier noch in anderen Filialen. Auch im Supermarkt findet man kein Brot. Bisher haben wir bis zu 40.000 Pakete Brot pro Tag produziert, jetzt nicht mal die Hälfte. Das führt zu langen Warteschlangen. Jeden Tag kommen die Leute und es gibt kein Brot mehr", sagt er.

Neue Weizenquellen kosten Geld

Eigentlich produziert die Großbäckerei Brote am Fließband - plus Kuchen, Torten, Petit Fours. Doch jetzt ist die Produktion massiv heruntergefahren. 80 Prozent des Mehls wird im Libanon importiert, der Großteil kam bislang aus Russland und der Ukraine. Die Vorräte sind aufgebraucht, nun müssen dringend neue Quellen gefunden werden - doch die sind teuer.

"Das Mehlproblem ist riesig. Die Banken geben das Geld nicht frei, um Mehl zu importieren. Eigentlich hat die Weltbank dem Libanon einen Kredit über 150 Millionen US-Dollar zugesagt, um Weizen zu kaufen. Aber dieses Darlehen muss von Parlament und Regierung beschlossen werden - und hier waren gerade Parlamentswahlen. Wir haben noch keine neue Regierung, das kann Monate dauern. Diese meisten Getreidemühlen sind schon geschlossen, weil wir keinen Weizen haben. Auch nur noch die Hälfte der Bäckereien ist in Betrieb. Wenn wir nicht bald importieren, haben wir keinen Weizen und kein Brot mehr", sagt Bäcker Mohammed.

Folgen der Explosion in Beirut noch spürbar

Etwa 30 Kilometer weiter Richtung Osten, am Rande der Bekaa-Ebene, prüft Großhändler Rabea al Najjar seine Mehlbestände. Ein paar Säcke liegen noch im Lager hinter dem Verkaufsraum, aber die Bestände schwinden. Auf den Flaschen des Sonnenblumenöls, das Rabea auch vertreibt, ist es deutlich zu lesen: "Product of Ukraine". Beim Mehl sei es ähnlich, sagt der Mehlgroßhändler: "Zu normalen Zeiten haben wir 20 bis 25 Tonnen pro Tag verkauft. Jetzt sind es maximal fünf oder sechs Tonnen pro Woche, weil wir das Mehl nicht mehr bekommen. Wir teilen das bisschen, was wir von den Getreidemühlen bekommen, unter unseren Kunden auf. Wir brauchen dringend Alternativen zum Weizen aus der Ukraine. Und wir brauchen neue Silos, um importierten Weizen zu lagern. Die alten Silos sind bei der Explosion im Hafen von Beirut zerstört worden. Jetzt haben wir keine Lagerstätten mehr. Die Politik muss für Alternativen sorgen."

Währung in freiem Fall

Doch eine Lösung ist momentan nicht in Sicht: Die Wirtschaftskrise hat den Libanon fest im Griff, die Währung befindet sich im freien Fall. Ohne frisches Geld keine Weizenimporte. Und ohne Regierung keine Hilfe von der Weltbank. Die Brotpreise haben sich in den vergangenen zwei Wochen mehr als verdoppelt - und das trotz Subventionen. Und angesichts der maroden Finanzlage müsste eine neue Regierung eigentlich alle Subventionen streichen, sagt Ökonom Nassib Ghobril: "Die Regierung hat keine gute Wahl: Entweder subventionieren sie weiter, damit die Preise nicht noch mehr explodieren - oder sie streichen die Subventionen und die Preise werden zu einem Aufschrei in der Bevölkerung führen. Es gibt keine gute Alternative."

Mittlerweile floriert ein bereits Schwarzmarkt für Brot und Mehl - mit horrenden Preisen. Bäcker Mohammed sieht mit Schrecken, dass er jeden Tag weniger Brot backen kann. Manche Bäckereien haben schon ganz aufgegeben. Libanesen berichten, dass sie vergeblich von Bäckerei zu Bäckerei fahren. Die vermeintliche Zusage von Russland Präsident Wladimir Putin, Weizenlieferungen an Afrika und den Nahen Osten freizugeben - im Libanon ist davon noch nichts zu spüren. Die Menschen haben nur eine Sorge: Dass es im Libanon bald überhaupt kein Brot mehr zu kaufen gibt.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 07. Juni 2022 um 05:07 Uhr.